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LITERATUR Die Erbschaft

Um den Nachlass des Autors und Kafka-Freundes Max Brod wird ein hartnäckiger Streit vor Gericht geführt. Israel beansprucht die wertvollen Handschriften, aber die Brod-Erben wollen verkaufen - am liebsten ans Deutsche Literaturarchiv in Marbach.
aus DER SPIEGEL 40/2009

Ich sage nicht, dass es ein liederliches Verfahren ist, aber ich möchte Ihnen diese Bezeichnung zur Selbsterkenntnis angeboten haben.

FRANZ KAFKA: »DER PROCESS«

Jemand musste Eva H. verleumdet haben, denn obwohl sie in ihrer Wohnung keine Reichtümer aufbewahrte, wurde eines Nachts bei ihr eingebrochen. Die Katzen hoben plötzlich die Köpfe, dann erschien, hinter der Glasscheibe der Schlafzimmertür, die Silhouette eines kräftigen Mannes mit weißen Handschuhen.

Eva Hoffe, 75, von kleiner Gestalt, nahm ihr Mobiltelefon und wählte 1-0-0, die Nummer der israelischen Polizei. »Ich habe einen Einbrecher im Haus, Spinoza-Straße, Tel Aviv«, flüsterte sie. »Sind Sie sicher, dass er noch in Ihrer Wohnung ist?«, fragte die Stimme am anderen Ende. »Er steht vor meiner Schlafzimmertür«, antwortete die alte Dame. Als die Polizei kam, hatte der Unbekannte die Flucht ergriffen.

Eva Hoffe will nicht an einen Zufall glauben. Denn einige Tage vor der unheimlichen Begegnung stand in der Tageszeitung »Haaretz« ein Artikel, der sich ausführlich mit ihr beschäftigte und ihr eine unerwünschte Aufmerksamkeit bescherte: Eva Hoffe ist die Tochter von Ilse Ester Hoffe, der ehemaligen Sekretärin des Schriftstellers Max Brod.

Brod ist vor allem als Freund, Förderer, Interpret und Biograf des großen Franz Kafka bekannt geworden. Erst durch die postume Veröffentlichung seiner Romane »Der Process« und »Das Schloss« in den zwanziger Jahren durch Brod erlangte Kafka Weltruhm, ohne Brod wären er und sein Werk wohl vergessen.

Der seelisch und physisch labile Kafka hatte, bevor er 1924 an Tuberkulose starb, Brod Handschriften übergeben und ihn beauftragt, die unveröffentlichten Manuskripte nach seinem Tod zu vernichten. Brod ignorierte den letzten Willen seines Freundes. Als die Nazis 1939 die Tschechoslowakei zerschlugen, packte er die Dokumente in einen Koffer und floh nach Tel Aviv. Dort starb Brod 1968 und vermachte den Nachlass seiner Sekretärin Ester Hoffe. Als auch sie vor zwei Jahren im Alter von 101 verschied, erbten ihre beiden Töchter, Eva Hoffe und die ältere Schwester Ruth Wiesler, das Konvolut - zumindest dachten sie das.

Doch nun ist um das Vermächtnis ein bizarrer Streit ausgebrochen, der vor Gericht ausgetragen werden muss. Vieles an dem Gezerre ist rätselhaft, die Ansprüche sind schwer zu durchschauen, und niemand scheint bisher zu wissen, was der ungehobene Schatz überhaupt noch birgt.

Die israelische Nationalbibliothek erhob gegen die Testamentsvollstreckung Einspruch. Sie hatte sich schon zu Lebzeiten Ester Hoffes vergebens um die Rechte an dem Kafka/Brod-Nachlass bemüht.

Seit mehr als einem Jahr warten die Hoffe-Töchter nunmehr auf eine Entscheidung des Tel Aviver Familiengerichts. Immer mehr Parteien wollen an dem Prozess beteiligt werden. Schon Ester Hoffe, so lautet der Vorwurf der israelischen Seite, habe die Handschriften widerrechtlich von Brod übernommen und einen Teil illegal ins Ausland verkauft. Tatsächlich tauchte 1988 bei einer Versteigerung des Auktionshauses »Sotheby's« in London das Originalmanuskript des Kafka-Romans »Der Process« auf. Es kostete 3,5 Millionen Mark und ist jetzt im Besitz des Deutschen Literaturarchivs in Marbach.

Welche Fundstücke verbergen sich in den Schließfächern der verstorbenen Ester Hoffe? Hat Kafka in seinem kurzen Leben gar noch weitere Erzählungen verfasst, die bislang unbekannt sind? Und welche neuen Einsichten liefern die persönlichen Aufzeichnungen Max Brods über Kafka?

Natürlich geht es auch um Geld, und überdies um deutsch-israelische Befindlichkeiten: Soll der Nachlass des jüdischen Schriftstellers Max Brod, der vor den Nazis fliehen musste, ausgerechnet im Land der Täter landen? Die Hoffe-Töchter jedenfalls erwägen, die verbliebenen Handschriften an das Marbacher Literaturarchiv zu verkaufen. Das renommierte Institut beantragte vor zwei Monaten ebenfalls, im Erbstreit vor dem Tel Aviver Familiengericht als Partei zugelassen zu werden.

Und noch einer meldet Ansprüche an: der israelische Verleger Amos Schocken. Dessen Großvater Salman Schocken, in den zwanziger Jahren Besitzer einer Kaufhauskette in Deutschland, hatte seinerzeit von Kafkas Eltern die Rechte an den Kafka-Handschriften gekauft. Enkel Amos ist Herausgeber der Zeitung »Haaretz«, die mit ihrer Berichterstattung den Prozess erst richtig ins Rollen gebracht hat.

Das Blatt hat von Ester Hoffe und ihren Töchtern das Bild einer sturen, profitgierigen Familie gezeichnet, die der Forschung ein Weltkulturerbe vorenthalte. Nicht nur ihr Recht auf den Nachlass wurde angezweifelt, sondern auch die Fähigkeit, pfleglich mit den Handschriften umzugehen.

Jetzt sprach Eva Hoffe mit dem SPIEGEL und gab erstmals Auskunft. Sie wolle, sagte sie, gegen die »Lügen und Verleumdungen« vorgehen.

Eva Hoffe sitzt im Büro ihres Anwalts, hinter ihr ein Bücherregal voller juristischer Schriften, vor sich ein Stapel Dokumente. Sie ist schlicht gekleidet, trägt Turnschuhe und einen schwarzen Pullover, darüber ein rotes Trägerhemd. Ihre kleinen blauen Augen blitzen misstrauisch, die Ellbogen liegen, wie zur Abwehr, ausgebreitet auf dem Tisch.

»Ich bin dem Holocaust entkommen«, sagt die alte Dame. 30 Jahre arbeitete sie bei der israelischen Fluggesellschaft El Al, nach Deutschland zog es sie nie. »Ich konnte nicht vergeben.«

Wie die Brods stammte auch die Familie Hoffe aus Prag. Sie flüchtete 1940. Eva war damals fünf. In Tel Aviv freundeten sich ihr Vater Otto Hoffe und Max Brod bei einem Hebräischkurs an.

Nachdem Brods Frau Elsa wenige Jahre nach ihrer Ankunft in Palästina gestorben war, begann Ester Hoffe für den Schriftsteller zu arbeiten. Sie korrigierte die Rechtschreibung und tippte seine Manuskripte ab. Er stellte sie stets als »meine Mitarbeiterin« vor.

In Brods Wohnung in der Jarden-Straße 16 in Tel Aviv hatte Ester Hoffe ein kleines Arbeitszimmer. Wenn sie morgens kam, berichtet Eva, habe sie Croissants mitgebracht, und bevor sie ging, den Samowar angeheizt, damit genug Tee für Brods Gäste am Nachmittag da war. Abends gingen sie ins Theater. Brod habe immer zwei Karten für die Premieren bekommen, mal habe er Vater Hoffe, mal Ester mitgenommen. »Das war ein Dreiergespann«, sagt Eva. »Die beiden Männer starben beide 1968 innerhalb von nur fünf Monaten.«

In seinem Testament vom Juni 1961 hatte Max Brod »Frau Ilse Ester Hoffe« als »einzige Nachlassverwalterin« eingesetzt. Wohin seine Handschriften und Briefe verbracht werden sollten, ließ er allerdings offen. In Paragraf 11 des Testaments nannte er als mögliche Orte die Bibliothek der Hebräischen Universität in Jerusalem, die Stadtbücherei Tel Aviv, aber auch »jedes andere öffentliche Archiv in Israel oder im Ausland«. Ester Hoffe solle bestimmen, an welchen dieser Orte der Nachlass nach ihrem Tod kommen solle, schrieb Brod, »wenn sie nicht zu Lebzeiten ein anderes Arrangement getroffen hat«.

Bis heute halten sich Gerüchte, Brod und Hoffe seien ein Paar gewesen, die resolute Ester sei womöglich eine Erbschleicherin, die sich Brods Gunst auch durch Intimität erworben habe. Stutzig macht vor allem ein Passus im Testament. Demnach darf die Korrespondenz zwischen ihm und Ester erst 25 Jahre nach deren Tod veröffentlicht werden. »Meine Mutter war definitiv nicht Brods Geliebte«, empört sich Eva Hoffe, »ihre Liebe war nicht körperlich, sondern spirituell.«

Von Anfang an versuchte der israelische Staat, Ester Hoffe das Erbe streitig zu machen. Der Rechtsberater der israelischen Regierung klagte Anfang der siebziger Jahre gegen Hoffe als Nachlassverwalterin. Die Brod-Vertraute gewann das Verfahren. Das Testament, bestätigte der Richter im Januar 1974, »ermöglicht Frau Hoffe, zur Zeit ihres Lebens nach Gutdünken zu verfahren«.

Die Regierung versuchte es daraufhin offenbar mit anderen Mitteln. Am 23. Juli 1974 wurde Ester Hoffe auf dem Tel Aviver Ben-Gurion-Flughafen festgehalten, weil sie im Verdacht stand, Handschriften unerlaubt ins Ausland schmuggeln zu wollen. Man fand bei ihr sechs Umschläge mit Ablichtungen von Kafka-Briefen, jedoch keinerlei Kafka-Originale. Schriftlich entschuldigte sich der oberste israelische Staatsarchivar später bei Hoffe für die Unannehmlichkeiten. Das sogenannte Archivgesetz von 1955 verpflichtet jeden Israeli, dem Staatsarchiv Kopien zur Verfügung zu stellen, wenn er Originalhandschriften ausführt. Er habe keinerlei Beweise, dass Ester Hoffe gegen das Gesetz verstoßen habe, bestätigt der jetzige Staatsarchivar Jehoschua Freundlich dem SPIEGEL. Zu ihren Lebzeiten habe sie mehrere Kopien von Briefen, Tagebüchern und Manuskripten an das Archiv übergeben.

Geheimniskrämerisch war Brods Mitarbeiterin allerdings schon immer gewesen, aus unerfindlichen Gründen. Der Berliner Verleger und Kafka-Kenner Klaus Wagenbach war einer der wenigen, denen Brod in den fünfziger Jahren Einblick in sein Archiv gewährte. »Er musste mir das Material heimlich zeigen, aus Angst, dass Hoffe es herausfindet«, erinnert sich Wagenbach, heute 79. Nach Brods Tod ließ Hoffe so gut wie niemanden mehr an den Literaturschatz, auch nicht seriöse Forscher. Möglicherweise hatte sie Angst, bestohlen zu werden. Oder wollte Kasse machen.

Jedenfalls verkaufte sie mit der Zeit viele der Handschriften. Immer wieder tauchten in den folgenden Jahrzehnten Kafka-Dokumente bei öffentlichen Auktionen auf. Zum Beispiel 1974: Da wurden 22 Briefe und 10 Postkarten von Kafka an Brod zusammen mit anderen Dokumenten für 90 000 Mark versteigert. Oder 1985, als ein Brief von Kafka an seine Verlobte Felice Bauer für 11 000 Mark unter den Hammer kam. Schließlich die Versteigerung des Originalmanuskripts von Kafkas »Process« im Jahr 1988. Zuvor sollte das Manuskript als Leihgabe in eine Pariser Kafka-Ausstellung; das scheiterte daran, dass Hoffe eine Millionengebühr und einen persönlichen Bittanruf des französischen Präsidenten bekommen wollte. Hoffes Verhalten verstoße gegen Brods Intentionen, kritisierte schon damals Klaus Wagenbach: »Zweifellos hat Max Brod die Manuskripte Kafkas nicht unter Lebensgefahr vor den Nazis gerettet, damit sie nun von Ester Hoffe unter Missachtung jeglicher literarischer Verpflichtung verscherbelt werden.«

In einem Fall kassierte Ester Hoffe sogar, ohne die vereinbarte Gegenleistung zu erbringen. 1988 schloss sie einen Vertrag mit dem Verlag Artemis & Winkler, in dem sie die Rechte für die Veröffentlichung der Tagebücher von Max Brod abtrat. Sie heimste eine fünfstellige Summe ein, händigte die Tagebücher jedoch nie aus.

Ester Hoffe wurde, so viel ist klar, durch die Erbschaft zu einer wohlhabenden Frau. Tochter Eva dagegen klagt, sie lebe in einfachen Verhältnissen. An das Geld, von ungefähr einer Million Euro ist die Rede, komme sie mit ihrer Schwester nicht heran, weil das laufende Verfahren die Ausstellung des Erbscheins verhindert. Die Auseinandersetzung vor dem Familiengericht in Tel Aviv wird immer komplizierter. Der Hoffe-Anwalt hatte vorgeschlagen, das Erbe zu teilen, das Geld freizugeben und den umstrittenen Brod-Nachlass später zu verhandeln. Doch die Vorsitzende Richterin sperrt sich, die Hoffe-Töchter klagten

jetzt vor Israels Oberstem Gerichtshof wegen Prozessverschleppung. Offenkundig ist, dass die israelischen Behörden, wie damals bei Ester Hoffe, versuchen, die Töchter als unrechtmäßige Erben hinzustellen. »Der Nachlass gehörte Ester Hoffe nicht, und er gehört daher auch nicht ihren Töchtern«, behauptet der Direktor der israelischen Nationalbibliothek, Schmuel Harnoi. »Laut Testament gehören die Manuskripte uns.«

Die Hoffe-Töchter aber halten eine Übergabe an das Marbacher Literaturarchiv für die beste Lösung. Dort befindet sich, nach Oxford, schon jetzt die weltweit größte Sammlung von Kafka-Handschriften. Und die Marbacher umwerben die Hoffes kräftig. In einem Brief vom 2. Juni dieses Jahres an Eva Hoffe berichtet Archivleiter Ulrich Raulff, Evas Mutter Ester habe »mehrfach die Absicht geäußert, den Nachlass von Max Brod nach Marbach zu geben«. Als »ersten Schritt zur Verwirklichung dieser Absicht«, so Raulff, übergab sie 1986 den Marbachern 40 Briefe und Karten von Stefan Zweig an Brod.

Raulff preist zudem die »modernsten Möglichkeiten der fachgerechten Lagerung und Verzeichnung«. Man sei selbstverständlich bereit, »mit dem israelischen Staat, mit israelischen Einrichtungen und Forschern zusammenzuarbeiten«.

Das überzeugt die Hoffe-Töchter. Sie halten die israelische Nationalbibliothek für zu schlecht ausgerüstet. »Es stimmt, dass unsere Lagermöglichkeiten nicht dem internationalen Standard entsprechen«, bestätigt Bibliotheksdirektor Harnoi. Aber es dürfe keinen Ausverkauf jüdischen Kulturerbes ins Ausland geben.

Eva Hoffe habe bereits einen Teil des Erbes zu Geld gemacht, spekulierte »Haaretz«, als die Marbacher im Mai vom Erwerb einiger Brod-Briefe berichteten. Verkäuferin war aber Brods damalige Brieffreundin, eine inzwischen alte Dame aus Köln, wie Ulrich von Bülow, der Leiter der Handschriften-Abteilung, bestätigt. Über einen Kaufpreis ist ohnehin nicht gesprochen worden; ein Angebot lässt sich ohne Sichtung des Materials nicht machen.

Was sich in dem Hoffe-Nachlass befindet, weiß keiner genau. Es gebe auf jeden Fall noch unveröffentlichte Zeichnungen von Franz Kafka, meint Verleger Wagenbach. Bülow nimmt sogar an, der Nachlass enthalte das Originalmanuskript des Kafka-Romanfragments »Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande«. In ihrer Wohnung befindet sich jedenfalls nichts, versichert Eva Hoffe. Die Dokumente lagern in Schließfächern von zwei Banken.

Vor einigen Monaten suchten die Hoffe-Töchter die beiden Geldhäuser auf und warfen einen Blick in die Schließfächer. Was genau darin ist, verrät Eva Hoffe aber nicht, oder sie kann es nicht beurteilen. Nur so viel versichert sie: »Die Papiere sind in einem guten Zustand.«

CHRISTOPH SCHULT

* 1949 in Tel Aviv.

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