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Fernsehen Die Fakten und die Quoten

Lust, Mord und Angst - noch nie lief die Erzählmaschine mit deutschen TV-Spielen so geölt wie heute. Die einheimisch produzierten Geschichten des Fernsehens haben eine Kunstwelt etabliert, in der das wirkliche Leben in der BRD kaum vorkommt. Die Folge des neuteutonischen Booms: steigende Schauspielergagen.
Von Nikolaus von Festenberg
aus DER SPIEGEL 22/1996

Kennst du das Land, wo die Affären blühn? In deutschen Villen schöne Frauen glühn, wo sanft die Musik durch die Szene weht, wo Gut besteht und Schlimm vergeht?

Du kennst es wohl. Dahin, wo die zitronensaure Realität fern ist, zieht es Abend für Abend Millionen Zuschauer: Noch nie hatten in Deutschland produzierte Fernsehserien und TV-Spiele eine solche Konjunktur. Bei ARD und ZDF, bei Sat 1, RTL, Pro Sieben, selbst im Seitenkanal RTL 2 - überall kämpfen deutsche Schauspieler in deutschem Ambiente um deutsche Zuschauer.

Allein in dieser Woche kann der xenophobe TV-Konsument durchs Programm gleiten, ohne auch nur einmal durch fremdländische Fernsehware kontaminiert zu werden: Deutsch ist der Vorabend mit seinen kühlen Reginas, Corinnas und Götzens. Ob »Gute Zeiten, schlechte Zeiten« kommen, ob »Jede Menge Leben« oder »Verbotene Liebe« herrscht, wir sind »Unter uns«.

Auch am Hauptabend fragen vaterlandslose Gesellen vergebens: Wo, bitte, geht's nach Hollywood? Statt dessen versorgt einen »Für alle Fälle Stefanie«, fahndet der »Mann ohne Schatten«, recherchiert »Auf eigene Gefahr« Thekla Carola Wied, schlurft strackdeutsch »Der König« durch Bamberg. Wer jung und werbewichtig ist, sieht sich von den »SK-Babies« gejagt, fünf Milchschnitten, die Detektive spielen. »Wilde Herzen« schließlich, die juvenile Frischzelle der ARD, soll die jungen Wandervögel mit Kurs Amerika heim ins deutsche Fernsehreich locken.

Genaue Statistiken über den Anteil von Eigenproduktionen gibt es nicht, aber wer diese Fernsehwoche mit der entsprechenden von 1990 vergleicht, sieht den Wandel: Damals bestritt reichlich US-Ware den Vorabend. Sat 1 und RTL fanden nichts dabei, das Hauptabendprogramm mit dem Ärtztespiel »Trapper John, M.D.«, dem Action-Flieger »Airwolf« oder dem Schläger-Detektiv »Mike Hammer« zu bestreiten.

Der Aufstieg der Privaten ging mit der Auslagerung der US-Konserven aus den publikumsintensiven Verkaufszonen im Programm einher. Als wollten die Strategen des Kommerz-TV einen Kulturkampf gegen die Amerikanisierung des deutschen Bildschirms führen, besiedelten sie den Zeitraum vor und nach 20 Uhr systematisch mit Television made in Germany.

Anfangs belächelt und geschmäht, überzogen die Soaps aus Berlin, Köln und München die Programm-Nischen. Der Erfolg der deutschen (Kern)-Seife ist inzwischen beträchtlich: Bis zu fünf Millionen reklameinteressante junge Menschen sehen meist jungen Menschen bei deren Affären-Schach und Seelenwehwehchen zu.

Doch der Produktionsstandort Deutschland trägt wenig dazu bei, die Serien-Dauerwürste mit deutscher Wirklichkeit anzureichern. Die Szenen haben etwas Geruchloses an sich, die Schauspieler gleichen den für den vergeßlichen Mann gezüchteten Baccara-Rosen: schön gestylt, ziemlich dornenfrei und passend für jedes Gefäß.

Ambiente und szenischer Hintergrund machen nur eins klar: Soaps spielen bestimmt nicht in den neuen Bundesländern. Die Designer-Wohnungen im deutschen Fernsehen sind von austauschbarer Entrücktheit, die Serienstädte liegen im Irgendwo und Überall der Einkaufsstraßen-Ästhetik.

Und läßt sich eine deutsche TV-Produktion - Hamburg hat derzeit München den Rang abgelaufen - auf eine konkrete Stadt ein, wird der Standard der Postkartenklischees nur selten überboten. Hochdeutsch und wohlgedrechselt redet der Protagonist der Eigenproduktion, selbst wenn der Tod naht oder der Sex anklopft.

Diese TV-Ware made in Germany kommt zwar von hier, ist damit aber nicht unbedingt von heute und schon gar nicht welthaltiger als das Fremdprodukt. Die Gesetze des Genres sind unerbittlich - deutsch sein heißt in deutschen Produktionen zumeist, bloß nicht arbeitslos zu sein. Von der wirtschaftlichen Krise des Landes haben deutsche Fernsehproduktionen nur in Ausnahmefällen eine Ahnung. Jutta Lieck, Producerin bei der Filmfirma Trebitsch ("Girl Friends"), weiß, wer die Quotenkiller hierzulande sind: »Häßliche, sozial niedrig Stehende, Loser«.

Ein heiter-belehrender Antikapitalismus-Kurs wie Rainer Werner Fassbinders »Acht Stunden sind kein Tag«, klassenkämpferische Historiengemälde über die Geschichte der Malocher an der Ruhr ("Rote Erde"), halbdokumentarische Aufklärung (Ulrike Meinhofs Heimmädchen-Rebellion »Bambule") - die Plädoyers für Verlierer und Zukurzgekommene sind heute zu den Akten gelegt. Wenn Außenseiter überhaupt noch eine TV-Chance haben, dann müssen sie den Reiz des Exotischen aufweisen: als Straßenkids Autos zu Schrott fahren oder drogensüchtig als Prostituierte anschaffen gehen.

Nicht nur die Opfer, auch die Schurken interpretiert die neue, konsumentenfreundliche TV-Kultur neu. Das Böse aus Deutschland ist einfach da, wie aus dem Boden gewachsen. »Wir erklären doch nicht mehr«, empörte sich der zuständige WDR-Redakteur, als Kritiker nach der Presse-Vorführung eines brutalen Kindermörder-Stückes leise nach psychologischer Ursachen-Forschung fragten.

Derlei Explorationen würden wohl nur den rasenden Lauf der Bilder behindern. Deutsche Eigenproduktionen, ein Riesenfortschritt, sind optisch auf Hochglanzniveau. Vom anspruchsvollen Werk bis zur plattesten Serie - die Protagonisten sind meist in raffiniertes Gegenlicht getaucht; die Schnitte sitzen, Kulissen wackeln in Soaps schon lange nicht mehr.

Süffig säuselt Musik. Was das Drehbuch nicht kann, übernehmen - schon immer deutsche Spezialität - die Töne: die Seelenzustände auszumalen. Die hübsche Verpackung täuscht über den Inhalt: Oft ist wenig Witz drin. Fehlt es - ewiges Lamento - an guten Drehbuchautoren in Deutschland? Die Meinungen der Macher sind unterschiedlich. Lieck glaubt, daß Lebenserfahrung, Handwerk und Phantasie den guten Filmautor ausmachen, und sieht hier Probleme: »Die Jungen haben in Drehbuchwerkstätten die Technik gelernt, aber keine Lebenserfahrung.« Umgekehrt seien die phantasiebegabten reifen Autoren oft handwerkliche Stümper.

Liecks Berliner Kollege Artur ("Atze") Brauner, seit Jahrzehnten im Geschäft, ist da optimistischer: »Es gibt eine ganze Reihe von guten Autoren. Einige sind sogar besser als die amerikanischen.«

Wenn nicht die Drehbuchschreiber an flauen Inhalten schuld haben, dann müssen es wohl die auftraggebenden Sender sein. Die verhalten sich - allgemeine Branchenansicht - opportunistisch, übervorsichtig und unsicher. Besonders grotesk findet Georg Feil von der »Colonia Media«, wie schematisch die Sender bei Stoffangeboten für jugendliche Zuschauer reagieren. »Da wird in der Regel nachgefragt, wie alt der Protagonist ist, und sofort abgewinkt, wenn er über 50 und bereits ein 'Kukident' ist. Die fatale Gleichsetzung von Protagonisten und Zielgruppe haben denen wohl die Agenturfuzzis der Werbung eingeblasen.«

Opportunistisch versuchen die Sender, eine Erfolgswelle zu reiten. Hat ein »Tatort« wie der mit Maria Schell als Äbtissin Erfolg, können die Produzenten sicher sein, daß die Sender lieber gestern als heute einen ähnlichen Plot verlangen. Die Strecke zwischen Auftragsvergabe und Sendung soll - koste es Qualität, wie es wolle - immer kürzer werden.

Die Moden schlagen deutlich durch: Kaum war der Printhit »Kindesmißbrauch« abgeklungen, nahm sich der Fernsehfilm des Themas an. Doku-Dramen, vor Zeiten nervende Marotte besonders bei den Privaten, sind inzwischen, meist wegen juristischer Probleme, genauso schnell verschwunden, wie sie aufkamen. Dafür boomt vom »Bullen von Tölz« bis zum »Polizeiruf« die Serie mit Heimataroma.

Als besonders schwierig und übervorsichtig gilt der Auftraggeber RTL. Das Geld für Eigenproduktionen wird beim Helmut-Thoma-Sender dreimal umgedreht, zumal der Chef 350 Millionen Mark für den Erwerb teurer US-Filmrechte ausgegeben hat und diese Investition sogleich ideologisch mit der Behauptung absichert, die große Zeit der deutschen Eigenproduktionen sei vorbei.

Noch boomt aber die Nachfrage nach Eigenproduktionen, wenngleich die Flaute nach Ansicht mancher Produzenten demnächst kommen wird. Hauptgrund: Schauspieler kosten inzwischen absurde Summen. Früher lag der Gagenanteil am Produktionsbudget bei 10 Prozent, heute ist er auf 30 und mehr Prozent gestiegen. Nach Einschätzung von Brauner sind die Gehälter deutscher Schauspieler, besonders der kleinen und mittleren, bis zu fünfmal höher als die ihrer Kollegen in England oder Amerika.

Doch das Fernsehen funktioniert nicht nur wie ein Krämerladen. Medienfachmann Lutz Hachmeister: »Immerhin haben auch die kommerziellen Anbieter begriffen, daß Markterfolg auf Dauer allein durch technokratische Verrechnung nicht zu fundieren ist.«

Wer mit den leitenden Leuten bei Pro Sieben und RTL 2 spricht, beides Sender, die mit anspruchsvollen Eigenproduktionen ("Alles außer Mord«, »Der Sandmann") Image gewonnen haben, fühlt sich an frühere Weihestunden in den Medienakademien erinnert: Qualität, Qualität, Qualität heißt das meistgebrauchte Wort, das RTL-2-Boß Rudolf-Markus Reischl und Jan Körbelin, Programm-Chef von Pro Sieben, im Mund führen. Content ist King.

Ärzte, Ärzte, Ärzte heißt die Zukunft der deutschen Eigenproduktion bei den anderen Sendern. Die »heimliche Sehnsucht nach Autorität« (siehe SPIEGEL-Gespräch mit dem Beckenbauer der TV-Branche, Peter Gerlach, 58) macht's möglich: Neben den bekannten »Dr. Stefan Frank«, den »Landarzt«, die ARD-»Ärzte«-Serie treten immer neue Doktorspiele, bis nicht nur Tupfer erröten: »Dr. Monika Lindt«, »Dr. Thomas Bruckner«, »Chefarzt Dr. Holl«, »Landarzt Dr. Fabian« »Kurklinik Rosenau«.

Und - keine Angst vor Neuem - von »Derrick« bis zum »Alten« bleibt alles beim alten, kein Leben unter der Schminke, aber jede Menge Quote. Kennst du das Land, wo Harry nicht schon mal den Wagen vorfahren läßt? Du kennst es nicht, du wirst es (vorerst) nicht kennenlernen.

Nikolaus von Festenberg

[Grafiktext]

Zwei Fernsehabende im Vergleich (29.05.1990 und 28.05.1996)

[GrafiktextEnde]

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