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AFFÄREN Die flambierte Tigerin

Robert van Ackeren, der mit internationaler Besetzung Walter Serners Roman »Die Tigerin« verfilmen wollte, wurde vor Drehbeginn vom Produzenten gefeuert. *
aus DER SPIEGEL 32/1985

Daß Bichette, die quirlige Lebedame, allen Männern, die sich ihr zu nähern wagten, den Kopf verdrehte, daß der abgebrannte Fec, ihre einzig wahre Liebe, dieses Privileg mit dem Tode büßte, ist in Walter Serners post-dadaistischem Roman »Die Tigerin« nachzulesen. Doch nun hat das Biest auch noch jene Männer unversöhnlich entzweit, die ihm zu Filmruhm verhelfen wollten.

Anfang letzter Woche ließ der Produzent Dieter Geissler per Rechtsanwalt dem Regisseur Robert van Ackeren mitteilen, daß er den erotischen »Tanz auf dem Vulkan« nicht mehr mit ihm zu produzieren gedenke. Das Duo hatte bereits van Ackerens Erfolgsfilm »Die flambierte Frau« hergestellt. »Van Ackeren«, so Dieter Geissler, »war offensichtlich den Anforderungen nicht mehr gewachsen. Wohl aus Angst vor der eigenen Geschichte überzog er uns dauernd mit unakzeptablen Forderungen und legte bis heute noch kein shooting script (ein technisch detailliertes Drehbuch) vor. Wir wären in eine Cotton-Club-Situation hineingeschlittert.« Coppolas »Cotton Club« hatte am Ende über 50 Millionen Dollar gekostet und erwies sich im Kino als Flop.

Soviel hätte »Die Tigerin« nicht verschlungen. Als van Ackeren, der sich schon vor längerer Zeit die Stoffrechte gesichert hatte, vor etwa zwei Jahren mit Geissler über die Produktion einig wurde, war zunächst ein Budget von knapp fünf Millionen Mark vorgesehen. Nach dem internationalen Erfolg der »Flambierten Frau« entschloß man sich, »Die Tigerin« in Besetzung und Ausstattung van Ackerens gestiegenem Renommee anzupassen.

Es folgte die kostspielige Suche nach einer »Tigerin«-Darstellerin. Nach zahllosen Probeaufnahmen in Europa und USA war sie im Frühjahr dieses Jahres gefunden: Joanna Pacula, eine Exil-Polin, die nach ihrem ersten US-Film »Gorky Park« in Hollywood als kommender Star gehandelt wird. Wegen ihres laufenden Einbürgerungsverfahrens durfte sie die USA allerdings nicht verlassen, so daß sich die Dreharbeiten bis zum - inzwischen erfolgten - Abschluß der bürokratischen Hemmnisse immer weiter hinauszögerten. Letzter geplanter Drehbeginn: Ende August.

Inzwischen hatte Geissler europäische Partner für das Projekt gefunden. Der französische Konzern UGC und die belgische Multimedia stiegen als Co-Produzenten ein, so daß die vorgesehene Finanzierung von knapp 10 Millionen Mark gesichert schien. Als dann jedoch aufgrund der neuen Eckdaten und der ausufernden Vorkosten eine neue Kalkulation erstellt wurde, kam das böse Erwachen: Nun war die »Tigerin« plötzlich nicht mehr unter 12,5 Millionen zu machen.

»Sechs Wochen vor Drehbeginn«, so van Ackeren, »erfahre ich von Geissler, daß der Film plötzlich um nicht finanzierbare 2,5 Millionen teurer wird, und das, ohne daß sich das Drehbuch irgendwie geändert hätte.« Geisslers Behauptung, er habe Zusatzforderungen gestellt, bestreitet van Ackeren. »Das Gegenteil ist richtig. Ich habe durch Kürzungen im Buch eine Einsparung von rund einer Million erreicht.« Dies wird auch von Geissler nicht bestritten.

Wie auch immer, das Vertrauensverhältnis war gestört. Geissler beruft sich nun auf den Umstand, daß zwischen ihm und van Ackeren ein vertragsloser Zustand herrsche. Tatsächlich ist zwischen beiden nach einigen Vorverträgen, »weil er mich«, so van Ackeren, »bei einem Scheitern des Projektes nicht auszahlen wollte«, kein gültiger Regievertrag zustande gekommen. »Van Ackeren«, kontert Geissler, »legte mir einen Vertragsentwurf vor, der eindeutig sittenwidrige Klauseln aufwies - etwa die Zahlung von Bußgeldern bei einigen Vertragsverstößen.«

Van Ackeren dagegen behauptet, man sei sich »in wesentlichen Punkten« einig gewesen. Doch dann wurde dem Regisseur von Geissler ein neuer Vertrag präsentiert, in dem er sich hätte verpflichten

sollen, den Film für knapp zehn Millionen Mark zu drehen, obwohl Geissler aufgrund seiner Kalkulation wußte, daß der Film 2,5 Millionen Mark mehr gekostet hätte. Van Ackeren: »Das halte ich für sittenwidrig.«

Vorletzte Woche flog Geissler in die USA und ließ durch seinen Anwalt die »gemeinsame Entscheidung der Koproduzenten« mitteilen, »den Spielfilm 'Die Tigerin' nicht mit van Ackeren zu realisieren«. Offizieller Grund: Van Ackeren sei nicht in der Lage gewesen, ein Drehbuch vorzulegen, »das den festgelegten Herstellungskosten gerecht wird«. Dann präsentierte Geissler seinen neuen Mann: Carl Schenkel, Regisseur des Fahrstuhl-Thrillers »Abwärts«. Geissler war mit ihm in den USA einig geworden, wo der Liftboy eine Serie fürs Kabelfernsehen dreht. Um strittige Rechtsprobleme zu umgehen, soll Schenkel nach einem eigenen Drehbuch »nach Motiven eines Romans von Walter Serner« ab 21. Oktober mit der vorgesehenen Besetzung Joanna Pacula und Keith Carradine nun »Die Tigerin« machen.

Das ZDF, mit über 900000 Mark immerhin auch Koproduzent der »Tigerin«, wurde von der Entwicklung überrascht. »Wir wollten«, sagt ZDF-Redakteur Martin Büttner, »einen Film von van Ackeren nach dem Roman von Walter Serner. Durch die neue Situation ist die Grundlage unseres Vertrages, der im übrigen noch nicht unterschrieben ist, entfallen.«

Ob Geissler den geplanten Schenkel-Film »Die Tigerin« nennen darf, steht noch dahin. Van Ackeren hat sich 1981 den Titel schützen lassen.

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