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EXZENTRIKER Die ganze Welt als Leihbücherei

Fans des so genannten Bookcrossing setzen Bücher an öffentlichen Orten aus - und palavern dann im Internet über das weitere Schicksal der Leseware.
aus DER SPIEGEL 4/2004

Das erste Lebenszeichen kam kurz vor Weihnachten. Wochenlang hatte die Übersetzerin Gabriele Haefs vergebens auf Nachricht von den Ver-schollenen gewartet. Bis zum 22. Dezember. Da kam die ersehnte E-Mail: Eines der Bücher, ein von Haefs übersetztes Werk von Jostein Gaarder, sei in guten Händen. Immerhin.

Ein Anonymus hatte den von Haefs zurückgelassenen Gaarder-Roman »Das Kartengeheimnis« in einem Hamburger Bus gefunden. »Ich wollte das Buch erst beim Fahrer abgeben«, schrieb der Finder, dann habe er aber einen Aufkleber entdeckt und den Erklärungstext im Buchinneren, dass der Band mit Absicht ausgesetzt worden sei. »Ich habe mich sehr gefreut, auf diese Weise ein Buch geliehen zu bekommen.«

Wie Haefs machen sich ein paar tausend Deutsche einen Spaß mit dem »Bookcrossing«, einer Art literarischer Chaos-Tauschbörse. Das Prinzip: Man versieht ein Buch, das man nicht mehr haben will, mit einem Tauschsymbol, klebt den Erklärtext ein und lässt es dann einfach irgendwo liegen - im Bus, im Wartezimmer, beim Bäcker um die Ecke. Im besten Fall findet es dort jemand, freut sich und liest. Anschließend, so die Idee, setzt der Finder das Buch erneut aus, und das Spiel beginnt von vorn.

Die ganze Welt eine Leihbibliothek: Mit dieser Vision machte sich im April 2001 in einem Kaff bei Kansas City der Programmierer Ron Hornbaker ans Werk - und lud im Internet zum Buchtauschspiel. »Außer lesen konnte man mit Büchern bisher nicht viel anstellen. Das soll jetzt anders werden«, sagte sich der Bookcrossing-Erfinder. Knapp drei Jahre später haben sich über 200 000 Mitglieder aus aller Welt auf der Homepage der spleenigen Bücherfreunde angemeldet.

Die meisten sind wie die Hamburgerin Haefs zufällig auf die Bookcrosser-Bände gestoßen. Haefs fand einen Stapel herrenloser Bücher mit dem gelben Logo der Bookcrosser in einer Kneipe. Seitdem deponiert sie eifrig selbst Krimis und Romane, die sie im heimischen Regal entbehren kann; einen norwegischen Thriller platzierte sie im Vorraum eines Kinos, eine Sammlung mit von ihr übersetzten Kurzgeschichten gar in der leeren Trocknertrommel eines Waschsalons.

Damit sich Buchverleiher und Buchfinder ohne viel Aufwand austauschen können, bekommt auf der Homepage der Bewegung (www.bookcrossing.com) jeder ausgesetzte Band eine Seriennummer zugewiesen. Wer Lesestoff sucht, kann im Internet nach Titeln, Autoren oder stadtteilgenau nach ausgesetzten Büchern suchen. Wenn jemand ein ausgesetztes Buch aufliest und das per Seriennummer auf der Website meldet, erhält der Vorbesitzer eine Nachricht.

Gabriele Haefs lässt sich in ihrer Bookcrossing-Begeisterung auch dadurch nicht irritieren, dass sie von gut 40 ausgesetzten Büchern bisher nur 3 Finder-Rückmeldungen bekommen hat. »Mich hat ein missionarischer Eifer gepackt«, sagt Haefs. »Mit Bookcrossing kann ich Werke, die mir am Herzen liegen, völlig Fremden nahe bringen.«

»Regalhaltung ist Literaturquälerei": So lautet der Leitspruch der Bookcrosser; »Ausmisten ohne Reue« würde auch passen. Denn die Schnitzeljagd hat einen praktischen Nebeneffekt: Wer mitmacht, kann sich elegant verstaubter Leseware entledigen, ohne sie schlechten Gewissens ins Altpapier schmeißen zu müssen. Bücher im Müll - das gilt Kulturmenschen als Frevel.

Insofern ist Bookcrossing Literaturverklappung auf die sanfte Tour: Sieben von zehn ausgewilderten Werken verschwinden erfahrungsgemäß auf Nimmerwiedersehen.

Zudem entdecken nun findige Verle-ger den Werbewert der Bookcrossing-Idee. Außendienstmitarbeiter des Münchner Goldmann Verlags etwa setzten die-ser Tage tausend Exemplare des Romans »Paranoia« von Mark Costello aus. »Wenn mehr Leser sich über Bücher unterhalten«, so Goldmann-Sprecherin Claudia Hanssen, »dann ist das auch gut für unser Geschäft.« STEFFEN GASSEL

Steffen Gassel
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