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KUNST Die gehäutete Sphinx

Polizisten in Roth-Händle-Purpur, Paßbilder als trügerische Ikonen: Katharina Sieverding irritiert mit eindringlich verfremdeten, mitunter wirr betitelten Foto-Motiven - in diesem Sommer vertritt sie Deutschland auf der Biennale in Venedig. Von Jürgen Hohmeyer
Von Jürgen Hohmeyer
aus DER SPIEGEL 12/1997

Am Anfang ihrer Karriere ist Katharina Sieverding gern als »Kulturschaffende im Nachtleben« aufgetreten. Freitag- und samstagabends bot sie im Düsseldorfer »Lover's Club« Getränke an oder war »einfach nur anwesend«. Der androgyne Aufputz der - wie ein Zeitzeuge schwärmt - »scharfen Tante« brachte manchen Gast ins Grübeln. Wenn einer nach ihrem Namen fragte, gab sie leichthin zur Antwort: »Karl«.

Heute, drei Jahrzehnte später, erklärt die Künstlerin Sieverding, 52, ihren Spaß an derlei Glamour und Verwirrspiel mit dem »Zeitgeist« der Epoche; so hätten junge Leute sich damals eben aufgeführt. »Sie etwa nicht?«

Aus der irrlichternden Anfängerin ist längst eine Respektsperson der Szene geworden. Sie lehrt als Professorin in Berlin; sie ist bei internationalen Themenausstellungen gefragt wie bei der Kunst- und Geschichtsschau »Face à l'histoire« derzeit im Pariser Centre Pompidou; das Amsterdamer Stedelijk Museum bereitet für den Herbst eine Retrospektive vor. Noch vorher, vom 15. Juni an, wird Sieverding (zusammen mit dem Modellbau-Bildner Gerhard Merz) Deutschland auf der Biennale von Venedig vertreten. Und die, sagt die zuständige Kommissarin Gudrun Inboden, sei schließlich »kein Experimentierfeld«, sondern ein Ort für »reifere Positionen«.

Wie gereift auch immer: Ihre Anfänge kann die Künstlerin, die sich mit dem Foto-Künstler Klaus Mettig als Lebens- und Arbeitspartner in einem Düsseldorfer Hinterhaus-Gebäude festgesetzt hat, nicht verleugnen: nicht die Experimentierlust der späten sechziger Jahre, auch nicht deren politischen Missionarsgeist.

Und vor allem jene Frage, mit der sie schon im »Lover's Club« spielte, die nach Identität und Verwandlungsfähigkeit des Individuums, klingt auf Sieverding-Werken bis heute an - auf großen Bildtafeln, wo Gesichter verschwimmen und verglühen, wo Flammen und Flüssigkeitsströme kaum unterscheidbar durch kosmische oder anatomische Visionen treiben. Ihr Thema und Kunstprinzip, sagt die Tochter eines Radiologen und einer Goldschmiedin, seien »Transformationsvorgänge«.

Sie sind zuallererst das Prinzip ihres Mediums: der Fotografie. Nur kurz hat die Adeptin sich einst mit Malen und Modellieren versucht - »völlig unbefriedigend«. Schon in der hektischen Zeit von Nachtklub und Studentenrevolte, als sie »täglich 16 bis 18 Stunden auf Trab« war, fand sie es »wunderbar«, danach noch kurz in die Ruhe der Dunkelkammer einzukehren und mit Entwickler und Fixierbad zu planschen. Fotochemische Prozesse kamen ihr wie geheimnisvolle Schöpfungsakte vor.

Denn das Lichtbild als Dokument, das »Einfrieren von Erinnerungen«, war nie die Sache dieser Künstlerin. Entschieden setzt sie sich von der Sachlichkeit der Düsseldorfer Wasserturm- und Hochofen-Fotografen Bernd und Hilla Becher ab. Und gegen jene, wie sie meint, »veredelte«, »leichter konsumierbare« Ware, mit der eine Nachfolgergeneration reüssiert, hegt sie gar »eine richtige Allergie« - obwohl doch Becher-Schüler Thomas Ruff auf der Biennale 1995 auch sehr verfremdete »Andere Porträts« gezeigt hat.

Oberflächen aufbrechen, nicht glätten: Wie das im Glücksfall gelingt, demonstriert jetzt (bis 29. März) eine Ausstellung der Berliner Galerie Franck + Schulte mit einem Sieverding-Geniestreich von 1969, einem düster-suggestiven Werk, das den schwierigen Titel »Stauffenberg-Block« trägt. 16 gerahmte Fototafeln von 1,90 Meter Höhe plakatieren ein und dasselbe Gesicht: das der Künstlerin.

Auf anderen Fotos dieser Frühzeit strahlt sie Sexappeal und den Glanz einer großen Diva aus; nichts davon hier. In engem Bildausschnitt und starker Vergrößerung, in wabernden Rottönen und verfremdenden Umkehreffekten tritt die damals 25jährige dem Betrachter als unergründliche Sphinx entgegen - Auge in Auge, mal milde schauend, mal eher glasigen Blicks. Bei näherem Zusehen aber blühen reiche Farbabstufungen auf, als hätte der Pinsel eines feinfühligen Malers sie hingetupft. Die Oberfläche wechselt zwischen gestochener Schärfe und grober Körnigkeit. Um die Pupillen glänzt es hektisch.

Das ist der Reflex des Blitzlichts aus einem Foto-Automaten: In denkbar profanem Selbstversuch hat sich Katharina Sieverding damals ihr Arbeitsmaterial, acht schlichte Paßbilder, besorgt. Die nahm sie dann ins Labor, machte Repro-Aufnahmen, griff mit kurz eingeschaltetem Licht in die Entwicklung transparenter Vergrößerungen ein und projizierte diese wiederum auf riesige Bögen eines speziellen, faserigen Fotopapiers. Aus Kalkül und Zufall entstanden acht Paare von Bildern und Spiegelbildern. In idealer, bislang nie verwirklichter Anordnung würden sie eine Ikonenwand nach dem Muster von Andy Warhols multiplizierten Marilyns oder Jackies ergeben.

»Wie gehäutet« wirken die Porträts auf die Frau, die ihre Schöpferin und ihr Modell ist, deren Person sich aber in den Flüssigkeitsbädern des Fotolabors fast aufzulösen scheint.

Selbsterforschung? Nur bedingt. »Es sollten einfach Menschenbilder entstehen«, sagt Sieverding. Doch niemals hätte sie sich getraut, die Entstellung so weit ins »Ernste«, »Intensive«, ja »Ungeschlechtliche« voranzutreiben, wenn es um fremde Gesichter gegangen wäre. Ihr eigenes hat sie später auch mit dem eines Freundes verschmolzen, so daß zwitterhaft-lockende Trugbilder entstanden. »Die Eroberung eines anderen Geschlechts«, erklärte sie, »findet zunächst in einem selber statt.«

Fotos mediengerecht, ausdrucks- und bedeutungsvoll zu manipulieren, das ist ihre Stärke. Ihre Schwäche ist es, solche Arbeiten mit ungenau herbeizitierten Titeln und Schrift-Inserts zu belasten. Was eigentlich der »Stauffenberg-Block« mit dem gescheiterten Attentäter vom 20. Juli 1944 zu tun haben soll, kann sie auch auf hartnäckige Fragen nicht recht erklären.

Daß sie selber 1944 im Nazi-besetzten Prag geboren ist, daß ihre Kindheitserinnerungen in tschechische Internierungslager zurückreichen, daß 25 Jahre später unter jungen Leuten besonders hitzig diskutiert wurde, wie bloß seinerzeit »das deutsche Wesen so abrutschen« konnte, und endlich, daß Claus Graf Schenk von Stauffenberg ihr auch als Stefan-George-Jünger sympathisch ist - gut und schön. Schlüssige Verbindungen stiftet das nicht.

Einen »intuitiven Vorgang« nennt es Sieverding, wenn sie Bildmotive und Textfetzen, gefundene wie erfundene, frei kombiniert: aus dem SPIEGEL-Jahrgang 1977 zum Beispiel das Foto einer Polizei-Schießübung, das im Zusammenhang der Schleyer-Entführung erschienen war, mit der Überschrift eines wenig älteren Strategie-Reports für den Fall eines Dritten Weltkriegs, »Schlachtfeld Deutschland«. Das bewaffnete Kommando scheint nun, dank Mehrfachkopie wie dynamisch zitternd und durch den Purpurton von Roth-Händle-Packungen plakativ-bedrohlich aufgepeppt, zum letzten Gefecht um den Rechtsstaat angetreten zu sein. So weit, so expressiv und leidlich plausibel.

Wie aber soll sich der Betrachter die zeit-Schlagzeile »Deutschland wird deutscher«, die euroskeptische Tendenzen nach der Wiedervereinigung umschrieb, mit dem schemenhaften Bild eines von Messern eingekreisten Frauenkopfs zusammenreimen?

Das Foto aus dem Fundus der Künstlerin zeigt wiederum sie selbst, in einer Episode vom Anfang der siebziger Jahre. Damals hatte es sie in die »volkstümlicheren Zusammenhänge« der Schaustellerei gezogen. Sie tingelte mit einem Zirkus durchs Ruhrgebiet, ließ sich von einer Messerwerferin am Brett »silhouettieren« und wurde bisweilen auch von einem Wurfgeschoß gestreift. Als »leuchtende Venus« ließ sie sich - eine leicht prickelnde Erfahrung - unter Schwachstrom setzen, so daß Neonröhren, die sie an den Körper hielt, geheimnisvoll erglommen.

Offen bleibt indes, wer denn nun im deutscheren Deutschland, wenngleich schonend, mit Messern beworfen wird. In 18 schwäbischen Städten sollten 1992 zum regionalen Kunstprojekt »Platzverführung« große Sieverding-Fototafeln mit diesem Motiv öffentlich aufgestellt werden. Daß der Oberbürgermeister von Esslingen mit der Begründung ablehnte, das Werk - »wie immer auch gemeint« - könne Ausländer einschüchtern, und daß schließlich allein die Leonberger zustimmten, ist Katharina Sieverding unverständlich.

Es lag nahe, die politisch ambitionierte Künstlerin auch einzuladen, als 1992 im Berliner Reichstagsgebäude ein Gedenkraum für Nazi-Opfer unter den einstigen Abgeordneten gefragt war. Sie gewann den Wettbewerb mit einer symbolschweren Bildwand - überzeugend gerade deswegen, weil da kein Schlagwort auftrumpft. Die Motivkombination aus lodernden Flammen und Röntgenaufnahmen, auf denen sich eine Krebsgeschwulst abzeichnet, hatte Sieverding längst in der Schublade gehabt.

Denn diese strahlende, bestrahlte und verstrahlte Welt drückt sinnfällig vieles von dem aus, was die Künstlerin ständig beschäftigt: die Furcht vor schleichenden Gefahren, den Wunsch, in sonst unsichtbare Bereiche hinüberzuschauen, und die Faszination durch Naturkräfte, die sich - im Medium Fotografie - wie alchimistisch selbst abbilden.

Sie hat diese Thematik mit Fotos aus dem zerstörten Hiroschima und mit solchen von Kernkraftreaktoren inszeniert, sie hat ihr vervielfältigtes Selbstporträt mit Eruptionen der Sonne überblendet und, ziemlich theatralisch, den Blick über die Schwelle zwischen Leben und Tod gemimt - Goldstaub im Gesicht, weil ihr das »schicksalhafter« vorkam.

Dieses Make-up legt sie auch auf, wenn sie neuerdings die »Außensignatur« ihrer Züge absichtsvoll mit der »Innensignatur« eisblumenartiger Blut-Bilder verbindet. Solche bizarren Visionen sind beinahe direkt aus dem Leben, aus einer eigenen schweren Krise, in die Kunst geholt: Nach dem Tod des Vaters und angesichts einer tödlichen Krankheit der Mutter war Katharina Sieverding mit Magenblutungen zusammengebrochen - nur massive Transfusionen konnten ihr helfen. Während sie in ihrem Klinikbett darüber nachsann, wann all das fremde Blut wohl zu ihrem eigenen würde, erfuhr sie auch von Versuchen, Krankheiten aus den Kristallen mit Kupferchlorid versetzter Blutproben abzulesen. Der Befund sei unverwechselbar wie ein Fingerabdruck.

Davon ist die Künstlerin derart gefesselt, daß sie wohl auch den Biennale-Pavillon in Venedig mit ihren »Kristallisationen« zu einer Art von fotografisch-medizinischem Demonstrationslabor ausbauen wird. Aber soviel ist versprochen: Deutschland und das deutsche Wesen stehen diesmal nicht auf dem Programm.

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