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Autoren DIE GELIEBTE IM ZELT

Bislang unbekannte Erzählungen kommen aus dem Nachlaß Bertolt Brechts ans Licht: erotische Miniaturen aus finsterer Zeit - entstanden im Exil, während der Autor mit Frau, Kindern und zwei Freundinnen vor den deutschen Truppen flüchtete. Brecht schreibt unbefangen, frech - und obszön.
aus DER SPIEGEL 20/1995

Besonders die »feinen Weiber« haben es dem Chauffeur angetan. Sie wollen nur Komfort? Der Mann weiß es besser: »Sie scheuen auch die größte Unbequemlichkeit nicht.« Etwa die Bankiersfrau, die ihm, sexuell natürlich, »ziemlich ausgehungert vorgekommen« sei, oder die Tochter vom Bierbrauer, die ihm im Daimler auf den Schoß gestiegen ist - und nicht nur, um das Autofahren zu lernen.

»Sie können alles tun mit einer Gelegenheit, nix ohne«, lautet die Quintessenz des der Liebe allzu bedürftigen Fahrers - eine schlichte Erkenntnis gewiß, die sich leicht auf andere Bereiche des Lebens übertragen ließe.

Und so vieldeutig hat es Bertolt Brecht wohl auch gemeint, als er diese Geschichte »Über Gelegenheiten« zu Papier brachte. Zusammen mit drei weiteren bisher unbekannten erotischen Texten des Meisters fand sie sich im Nachlaß; im SPIEGEL erscheint sie erstmals (siehe Seite 220), danach, in wenigen Tagen, im 18. Band der auf 30 Bände angelegten Werkausgabe**.

Aufgetaucht sind damit eine Reihe erotischer, zuweilen pornographischer Kabinettstücke, die in Brechts Prosa als einzigartig gelten dürfen: Nie war der Erzähler Brecht drastischer, nie war er so obszön.

Erstmals auch seit mehr als einem Jahrzehnt wird damit aus dem gewaltigen Nachlaß wirklich Neues und Spektakuläres von Brecht ans Licht gehoben. Wohl aus »sittlichen Gründen«, so vermutet der Herausgeber und Brecht-Forscher Jan Knopf, hätten die Hüter des Erbes bisher auf eine Drucklegung der so delikaten wie unterhaltsamen Geschichten verzichtet.

Geschrieben hat sie Brecht in Rollenprosa, in einem leicht künstlich wirkenden Proletarier-Jargon, und zwar wahrscheinlich 1940 im Exil. Brecht hatte Deutschland gleich 1933 verlassen, am Tag nach dem Reichstagsbrand. Er war über Prag, Wien und Zürich nach Kopenhagen geflohen. In Dänemark blieb er bis 1939. Dann lebte er fast ein Jahr lang auf einer Insel bei Stockholm, im Haus einer Bildhauerin.

Brecht mußte nicht nur für sich Sorge tragen: Seine Frau, die Schauspielerin Helene Weigel, die beiden gemeinsamen Kinder Barbara und Stefan begleiteten ihn - und die junge Margarete Steffin, die er 1932 kennengelernt hatte. Diese Liaison hätte seine Ehe beinahe zerstört. Schließlich war die Steffin von seiner Frau akzeptiert worden, offiziell als seine Mitarbeiterin.

Vor allem trugen die Frauen Sorge um ihn, den Herrn und Meister: Die Gattin kochte zweimal am Tag warm, die Geliebte tippte unaufgefordert jedes Manuskriptblatt ins reine.

Im April 1940, deutsche Soldaten hatten Dänemark und Norwegen eingenommen, zog die kleine Brecht-Truppe hastig weiter nach Finnland. Dort stellte ihr die Unternehmerin und Schriftstellerin Hella Wuolijoki das Gut Marlebäck, rund 120 Kilometer nordöstlich von Helsinki, zur Verfügung. Der Dichter notierte entzückt: »Sie gibt uns eine Villa zwischen schönen Birken.«

Der Anhang hatte sich inzwischen vergrößert: Eine zweite Brecht-Freundin, Ruth Berlau, war nun mit von der Partie. Bis dahin hatten die Damen Weigel und Steffin noch gegen die dynamische Person zusammenhalten können, der Brecht 1933 in Dänemark begegnet und schon bald verfallen war.

Von der Front der Frauen - auch Gutsherrin Wuolijoki zeigte sich über die Anreise empört - ließ sich die Berlau aber keineswegs einschüchtern: Sie schlug im wahrsten Sinne des Wortes ihr Zelt in der Nähe des Hauses auf - und Brecht besuchte sie regelmäßig.

Tatsächlich ließ sich der Exilant von all den um ihn und um ihn herum geführten ** Bertolt Brecht: »Werke. Prosa 3. Sammlungen _(und Dialoge«. Aufbau Verlag, Berlin / ) _(Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 704 ) _(Seiten, 88 Mark. * Mit Pierre Arditi und ) _(Marcel Marechal am Pariser Theatre de ) _(Chaillot (1992). ) Schlachten in seiner literarischen Produktivität nicht hemmen. In gemeinsamer Arbeit mit der Kollegin Wuolijoki entstand im Spätsommer 1940 ein »Volksstück«, das am Ende den Titel »Herr Puntila und sein Knecht Matti« trug.

Etwa zur gleichen Zeit ("ich habe vom ,Puntila'' noch den Ton im Ohr") machte er sich an die »Flüchtlingsgespräche«, den Dialog zweier Gestrandeter im Bahnhofsrestaurant von Helsinki. Ziffel und Kalle heißen die beiden, Naturwissenschaftler der eine, Arbeiter der andere - Kalle lautete in der ersten Fassung des »Puntila«-Dramas der Name des Knechts und Chauffeurs, der dann endgültig Matti genannt wurde.

Die beiden Flüchtlinge reden über Gott und die Weltläufte: »Über den Begriff des Guten / Die deutschen Greuel« oder »Über die Ordnungsliebe« - oder »Über Pässe«.

Für die Annahme des Brecht-Herausgebers Jan Knopf, daß es sich bei den vier gefundenen Texten um Episoden oder Entwürfe aus dem Zusammenhang der »Flüchtlingsgespräche« handele, spricht nicht nur, daß die Mappe, in der sie entdeckt wurden, auch zwei Fragmente mit der Figur Kalle enthielt, sondern auch, daß die Überschriften im Duktus jenen der »Gespräche«-Kapitel ähneln, etwa: »Über Gelegenheiten / Erfindung macht verliebt« (so der vollständige Titel des im folgenden abgedruckten Textes).

Der Held der vier Prosastücke, der Chauffeur, erinnert allerdings eher an seinen Kollegen aus dem »Puntila«-Stück, der von sich sagt: »Die Chauffeure sind bekannt als renitente Menschen, die keine Achtung vor die besseren Leut haben. Das kommt daher, daß wir die besseren Leut hinter uns im Wagen miteinander reden hören.«

Und noch etwas verbindet die beiden Fahrer, auch Matti spricht gern von den Gelegenheiten für die Liebe: »Jetzt ist Sommer, da ist man gut aufgelegt. Andrerseits sind überall Leut. Da geht man eben schnell in die Badehütte.« Etwa mit der Tochter einer Bierbrauerin: »Die hat mich in die Badestube gerufen, daß ich ihr einen Bademantel bring, weil sie so schamhaft war.«

Brecht hat also womöglich seine erotischen Miniaturen direkt aus dem »Puntila« abgeleitet. Was im Stück nur anzudeuten war, wird hier ausgesprochen, derb und deutlich. In der Geschichte »Was es mit Sodom und Gomorrha auf sich hatte« formuliert der Chauffeur das entsprechende Fazit mit Blick auf die weibliche Herrschaft: »Wenn sie einer fickt, muß sies merken, sonst wozu?«

Mitunter ist auch in diesen Prosastücken jenes »männlichkeitsbewußte, herrenwitznahe Schmunzeln« zu spüren, das Reinhard Baumgart schon an einigen pornographischen Gedichten Brechts entdeckte (SPIEGEL 49/1982). Der vorgebliche Knecht-Blick Brechts auf die leicht verführbare Weiblichkeit enttarnt sich nicht selten als pseudo-proletarische Kraftmeierei, als Maskenspiel für eigene Ängste und Bedrohungen. Das Schema ist zu durchsichtig: Frauen wollen immer, und wenn die Ehemänner aus dem Haus sind, darf es auch der Diener oder Chauffeur sein - Pornoheftchen leben bis heute von solchen Angst-Lust-Phantasien.

Ist es verwunderlich, daß Brecht, am Radio die Schlachten des Zweiten Weltkriegs genau verfolgend, Geschmack an solchen erotischen Narreteien fand? In einer um 1940 geschriebenen, fragmentarischen Gedichtzeile hat er diese Frage an sich selbst kraß formuliert: »Juckten / Die Fotzen im Schatten der Bomber so lustig?« Deutlicher und erschreckender ließ sich die irritierende Gleichzeitigkeit von Sinnenkitzel und Kriegsgemetzel kaum zum Ausdruck bringen.

Seit 1938 hoffte Brecht auf ein Visum in die USA. Im Mai 1941 traf es endlich ein. Mit der Bahn fuhren die Brecht-Familie und die beiden Brecht-Geliebten zunächst nach Moskau, wo Brecht seine Grete in einem Krankenhaus zurücklassen mußte. Er hinterließ 940 Dollar, damit sie später mit einem anderen Schiff nachkommen könnte.

Noch bevor Brecht und die anderen am 13. Juni 1941 in Wladiwostok den Frachter »Annie Johnson« bestiegen, war Margarete Steffin gestorben, im Alter von gerade 33 Jahren. In Amerika vermißte Brecht bald seine »kleine Lehrmeisterin«, wie er sie in einem Gedicht liebe- und hoheitsvoll nannte. Doch noch in Wladiwostok hatte er auch daran gedacht, sich aus Moskau die 940 Dollar nachschicken zu lassen - und die Totenmaske erbeten, deren Herstellung er vorsorglich angeregt hatte.

** Bertolt Brecht: »Werke. Prosa 3. Sammlungen und Dialoge«. AufbauVerlag, Berlin / Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 704 Seiten, 88Mark. * Mit Pierre Arditi und Marcel Marechal am Pariser Theatre deChaillot (1992).

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