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Die Getreuen der Liebe

Literaturkritik: In seinem neuen Buch »Vom Aufenthalt« strebt Botho Strauß nach Altersklugheit.
aus DER SPIEGEL 43/2009

Warum lassen sich das bloß so viele Leser entgehen? Nur weil der Mann keine 1000-Seiten-Wälzer schreibt, weder unendlichen Spaß noch Zukunftsmusik und Mondreisen verspricht? Zugegeben, Botho Strauß ist nicht gerade für Plot und Spannung bekannt. Das sollte aber kein Grund sein, sich vor dieser Prosa zu fürchten.

Der weltabgewandte Einsiedler auf dem Hügel? Von wegen. Kaum ein deutscher Dichter kennt sich im weltweiten Netz besser aus als Strauß, 64, und keiner kann die Blödheiten und Eitelkeiten der Twitter- und Blogger-Szene böser verachten. Und das alles mit einer Wachheit im Herzen, die nur besitzt, wer sich nicht durch ständige An- und Abrufbarkeit in eine vermeintliche Unentbehrlichkeit flüchtet.

Er sitzt ja wirklich da auf seinem Hügel. Und von dort oben, mit weitem Blick über die Felder der Uckermark, funkt er dem Literaturbetrieb ordentlich dazwischen mit einer neuen Sammlung seiner Gedankenfluchten, seinen Anmerkungen zur Gegenwart und Gegenwartsliteratur, und er schont dabei weder Zeit- noch Zunftgenossen.

»Sehende reisen gern mit mir«, sagt eine Blinde in seinem jetzt erschienenen Prosaband »Vom Aufenthalt"*. »Sie sehen ja nichts. Erst meine Fragen lassen sie sehen.« Wer will, kann das als Motto verstehen. Strauß kultiviert mit Fleiß und in schopenhauerschem Geist seine Außenseiterposition. »Wozu noch im Ton des Mitteilsamen sprechen«, fragt er, »da ohnehin niemand Zutritt begehrt?« Und gleich noch eins drauf: »Wozu eine Sprache benutzen, die das Unzugängliche zu lichten, das Unerklärliche klarzusprechen sucht?«

Ein Ziel des Dichters könnte doch sein, schlägt er vor, »am Ende zur reinen Gegenstandslosigkeit, zur freien themenlosen Szenerie, zur entgrenzten Impression vorzustoßen«. Das wäre eine dem Lebensalter angemessene Literatur. Der junge Schriftsteller will Geschichten erzählen, »um sich zurechtzufinden«, er verwebt, »was nie zu-

sammengehörte«. Dagegen: »Spät erst ahnt

man die Macht des Unverbundenen.«

Ja, das Alter. Strauß empfiehlt fröhlich eine »Massenumerziehung zur Altersklugheit«. Und so stellt er sich das vor: »Prüflektüre Montaigne, Leopardi, Goethe. Platon, Schelling, Scheler. Sie sollen sich winden und krümmen. Streng verboten ist der Satz: Das verstehe ich nicht. Keine Bildungsreisen, keine stopfende Medienkost, immer fleißig mit der Bleistiftspitze die Zeilen entlang.«

Sollte das auch als Leseanleitung für sein eigenes Buch gelten? Strauß kann durchaus verschmitzt sein. Beim Thema Viagra- gestützter Altersaktivität etwa: »Wenn wir uns an die Normalität von sexuellen Obsessionen im Greisenalter gewöhnen sollen«, schreibt er, müsse man alle Schönheitsbegriffe relativieren, wie sie zwei Jahrtausende lang in Kunst und Literatur, später auch im Film verkörpert worden sind, und die sich »fast ausnahmslos mit Jugend verbanden«.

Früher waren da die Paare und die Passanten, deren Beobachtung die Phantasie in Gang setzte. Die Liebenden und Eifersüchtigen, die Getrennten und sich Trennenden, sie tauchen nur noch sporadisch auf. Und jene zufälligen Schicksalsgenossen, die bei einem »unfreiwilligen Aufenthalt« irgendwo auf einem Bahnhof zusammenstehen - die Eröffnungsszene des Buchs -, sie bleiben dem Beobachter Fremde: »Ich sehe sie durch die Augen eines Mannes in geduldigen Jahren.«

Es bleibt bei Strauß offen, ob er unverblümt von sich spricht oder jemanden sprechen lässt, der ihm ähnelt. Das Leben in einer Klause? Was nützt die Einsamkeit, wenn dort ein Laptop steht und sekundenschnell alles Wissen erreichbar ist, »das beste wie das neueste, das tiefgründigste wie das unglücklichste«?

Unausgesprochen bleibt der Satz des Philosophen Blaise Pascal (1623 bis 1662), alles Unglück rühre daher, dass die Menschen nicht in Ruhe im Zimmer bleiben können. Bei Strauß heißt es nur, Pascal habe nicht ahnen können, dass einer daheim stärker von der Welt berührt werden könne als einer, »der viel reist«. Fazit: »Wer sich nicht rührt, wird umso tiefer der Berührte sein.«

Wer solche sprachlichen Verdichtungen nicht mag, wird doch an Formulierungen sein Vergnügen finden, die das Aphoristische streifen. »Fremdwörter?«, fragt Strauß. »Es gibt keine Fremdwörter. Es gibt nur einen Mangel an sprachlichem Aneignungsdrang.« Oder es heißt streng: »Das meiste Geschriebene rechtfertigt die Verwendung von Sprache nicht.«

Und dann wieder alltagsphilosophisch: »Die Getreuen der Liebe sind nicht ganz dasselbe wie die in der Liebe Treuen.«

Die Bezeichnung Aphorismus dürfte dem Autor missfallen, er selbst spricht einmal vom »Dichtungsgewitter«. Das trifft es: Auch »Vom Aufenthalt« ist - wie die vorhergehenden Bücher von Strauß - ein Werk, das wie ein Wetterleuchten den Blick mal hierhin, mal dorthin zieht.

Und plötzlich gibt es wieder eine ganz handfeste Unterbrechung der Gedankenkette: »Nach und nach bekommt man ja seine intimsten Briefe zurück.« Nach Jahren erhält der Erzähler ein Paket mit eigenen Liebesbriefen. »Wie sind doch die Frauen unbarmherzig!«, ruft er aus: »Einmal kommt der Tag, da räumen sie auf.«

Doch sollen schöne Zitate nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Prosaband kein Schmökerstoff ist, nicht sein will. »Vom Aufenthalt": Das meint auch unsere kurze Verweildauer auf Erden, über die uns nur wenige Gegenwartsautoren so zuverlässig die Augen öffnen wie Botho Strauß. Immer wieder, immer neu.

VOLKER HAGE

* Botho Strauß: »Vom Aufenthalt«. Hanser Verlag, München; 296Seiten; 19,90 Euro.

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