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PRÄDIKAT Die Grenze des Geschmacks

aus DER SPIEGEL 1/1952

Als Harald Braun, der Regisseur der »Nachtwache«, genau vor Jahresfrist seinen »Fallenden Stern« herausbrachte, (SPIEGEL 51/50), wurden Regisseur und Film von Kirchenvertretern beider Konfessionen als Anti-Sünderin-Türme empfohlen und propagiert. Plakataushänge an Kirchentüren, Kanzelankündigungen und Rundschreiben in den Gemeinden sollten

die üblichen Mittel der Massenreklame ersetzen. Pfarrer Heß, der evangelische Beauftragte in der Freiwilligen Selbstkontrolle, sah und lobte in der modernen Verkörperung des Gut-Böse-Gegensatzes eine »neue Formulierung des alten Schutzengelmotivs«.

Die Handlung des Films, in dem Engel und Teufel um die Seele eines Mädchens kämpfen: Das Mädchen Elisabeth Hollreiser trifft mit dem Lokomotivführer Lucius (Dieter Borsche) und dem Kantinenpächter Lemura (Werner Krauß) zusammen. Lucius symbolisiert das Englische, Lemura das Teuflische, Luzifer-Krauß gewinnt die erste Runde um die Seele der zehnjährigen Elisabeth. Vierzig Jahre später, 1950, holt der Engelsbote Dieter Borsche auf: In einem Ostflüchtlingslager ist Elisabeth Hollreiser mit starrer Teilnahmslosigkeit Wohlfahrtspflegerin. Der Engelsbote Lucius löst sie aus ihrer seelischen Verhärtung: Sie rettet ein junges Mädchen vor dem Selbstmord.

Jetzt lag der »Fallende Stern« der Filmbewertungsstelle der Länder zur Prädikatisierung vor. Er wurde in erster Instanz abgelehnt. Begründung: der Film verletze, besonders in der symbolischen Figur des Engel-Seiltänzers, »jedes echte religiöse Gefühl«.

Auf den Einspruch von Verleih und Produktion und nach Vorlage neuer Kirchengutachten ging die Sache in die Revisionsinstanz. Es blieb beim Nein. In einer ausführlichen Begründung stellte der Hauptausschuß fest, daß der symbolisch seiltanzende Borsche-Engel »die Grenze des Geschmacks überschreite«. Der Ausschuß stieß sich an den »wiederholt fotografierten Beinen, dem gezierten Aufsetzen der Füße und der Erscheinung, bei der der aufgestellte silberne Kragen fast wie Flügel« wirke. Weiterer Einwand: in dem Film seien »Fragen des Glaubens, des Aberglaubens und des Wunders fast kritiklos miteinander vermischt«.

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