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BIOGRAPHIEN Die große Hannah

Zum erstenmal wurde, von einer amerikanischen Hannah-Arendt-Schülerin, das Leben der politischen Philosophin beschrieben.
aus DER SPIEGEL 32/1982

Als der Philosoph Hans Jonas, einer der besten Freunde Hannah Arendts, von ihr wissen wollte, ob sie ihn für dumm hielte, weil er zuweilen »ihr schnelles, oft schneidendes Urteil« über Menschen und Handlungen anzweifelte, sagte sie beinahe entsetzt: »Aber nein.« Doch dann fügte sie kategorisch hinzu: »Ich halte dich nur für einen Mann.«

Männer aber, so Jonas, waren für sie »das schwächere Geschlecht: ferner dem intuitiven Sinn für die Wirklichkeit, anfälliger für die Täuschungen des Begriffs, geneigter daher zu Illusionen«.

Trotzdem bemerkte Hannah Arendt zum Gleichheitstrubel der Frauenbewegung spitz: »Ich werde doch nicht meine Privilegien preisgeben« - und ihre Preisfrage an den feministischen Damenflor lautete: »Was verlieren wir, wenn wir gewinnen?«

Jonas - und keineswegs er allein - rühmt Hannah Arendt (1906 bis 1975) denn auch als »eine der großen Frauen dieses Jahrhunderts«. Sie war eine große Frau, die nicht zufällig einem ihrer Essays Balzacs Maxime »Die großen Leidenschaften sind so selten wie die Meisterwerke« als Motto vorangestellt hatte. Noch in ihren letzten Lebensjahren erhielt sie, Witwe seit 1970, zwei (von ihr abgelehnte) Heiratsanträge - auch von dem berühmten amerikanischen Lyriker Wystan Hugh Auden.

Doch auch Hannah Arendt fiel unter das Verdikt eines Sprichworts, das sie gern zitierte: »Es ist ein Fluch, in aufregenden Zeiten zu leben.«

Von diesen Zeiten berichtet nunmehr ihre erste Biographin und ehemalige Schülerin Elisabeth Young-Bruehl, derzeit Professorin an der amerikanischen Wesleyan University.

( Elisabeth Young-Bruehl: »Hannah Arendt. ) ( For Love of the World«. Yale University ) ( Press, New Haven and London; 568 ) ( Seiten; 25 Dollar oder 12,95 Pfund. )

Professorin Young-Bruehl konnte hierfür den Arendt-Nachlaß in der Kongreßbibliothek in Washington benutzen. Zudem befragte sie noch lebende Freunde und Verwandte - so den Philosophen Günther Anders, Hannah Arendts ersten Ehemann (von 1929 bis 1937), und deren beste amerikanische Freundin, die Schriftstellerin (und Herausgeberin des Nachlaßwerkes »Vom Leben des Geistes«; deutsch 1979 bei Piper) Mary McCarthy, die ihr auch Arendt-Briefe zum Zitieren überließ.

Zwei wichtige deutsche Briefwechsel Hannah Arendts - mit ihrem Lehrer und väterlichen Freund Karl Jaspers und dem Zionistenführer Kurt Blumenfeld - konnte ihre Biographin im Deutschen Literaturarchiv in Marbach einsehen, nicht jedoch die sekretierte Korrespondenz zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger.

»Philosophie«, schreibt Elisabeth Young-Bruehl, »war ihre erste Liebe; aber es war die Philosophie, die sich in Martin Heidegger verkörperte.«

Hannah Arendt bekannte später aus der gewachsenen Erfahrung des eigenen Lebens in ihrem bedeutendsten Werk »Vita activa oder Vom tätigen Leben« (deutsch 1960; jetzt wie die meisten ihrer Bücher in der »Reihe Piper"), einer geradezu klassischen Theorie des Politischen: »Die Liebe ist ihrem Wesen nach nicht nur weltlos, sondern sogar weltzerstörend, und daher nicht nur apolitisch, sondern sogar antipolitisch - vermutlich die mächtigste aller antipolitischen Kräfte.«

Dieser Widerstreit zwischen weltloser Leidenschaft der Liebe (auch zum reinen Denken) und welterfüllter Leidenschaft des öffentlich-politischen Urteilens bestimmte Hannah Arendts Leben.

Erst gegen dessen Ende, definitiv durch die Vereinsamung nach dem Tod von Jaspers (1969) und Heinrich Blücher (1970), ihrem zweiten Ehemann (seit 1940), kehrte Hannah Arendt zum reinen Denken der Philosophie zurück.

Blücher, kein Akademiker und Schriftsteller, aber ein hervorragender Debattierer, hatte Hannah Arendt 1936 in der Pariser Emigration kennengelernt. Unter ihrem Einfluß verlor der Kommunist den Glauben an seine Heilsdoktrin; unter seinem Einfluß schrieb sie ihr Werk über totale Herrschaft. In den S.136 USA wurde Blücher schließlich College-Professor für Philosophie.

Hannah Arendts Rückkehr zum reinen Denken bedeutete auch die endgültige Versöhnung mit Heidegger, der 1924 als junger Marburger Magier der Philosophie in der 18jährigen Studentin nicht nur die Leidenschaft des Denkens erweckt hatte, sondern auch die erste große Liebesleidenschaft ihres Lebens.

In ihrem einzigen autobiographischen Fragment, das Heidegger zugeeignet war, beschrieb Hannah Arendt im Sommer 1925 ihre erste Liebe als »starre Hingegebenheit an ein Einziges«.

Nach einem Jahr in Marburg mit Heidegger hatte sie begriffen, daß ihre Liebe keine Zukunft haben konnte, denn der 17 Jahre ältere Philosoph dachte nicht daran, sein Leben umzustürzen - Heidegger hatte 1917 geheiratet und wollte Ehefrau und zwei Söhne nicht verlieren.

Doch 1950, beim ersten Wiedersehen nach mehr als 20 Jahren, bekannte Heidegger seiner ehemaligen Schülerin - und der eigenen Frau -, sie, Hannah, sei die »Passion meines Lebens« und die Inspiration für sein Werk gewesen.

Ein Semester in Freiburg bei Edmund Husserl, ihre Empfehlung durch Heidegger an seinen Freund Jaspers in Heidelberg, ihr Umgang mit anderen Studenten halfen nicht: »Bis sie 1929 ... nach Berlin ging«, schreibt Young-Bruehl, »verließ Arendt ihre Arbeit, ihre Freunde, ihre Verpflichtungen, um zu Heidegger zu eilen, wann immer er ihr vorschlug, ihn zu treffen.«

In Heidelberg liierte sie sich für fast zwei Jahre mit dem jungen Germanisten Benno von Wiese, der sie soeben in seinen Erinnerungen als »die große Hannah«, als »klügste und bedeutendste Frau meines Lebens« gefeiert hat.

Ebenso heißt es bei ihm, daß Hannah Arendt hellsichtig die von den »barbarischen braunen Horden« drohenden Gefahren erkannt habe. Daß Wiese jedoch 1933 in ihre Berliner Wohnung stürzte, um begeistert die neuen »großen Zeiten« zu besingen, ist nicht bei ihm, sondern bei Elisabeth Young-Bruehl nachzulesen.

Die angeblich großen, die aufregenden Zeiten seit 1933 erlebte Hannah Arendt ganz anders. Als deutsche Jüdin wurde sie in das Paria-Dasein des staatenlosen Emigranten und schließlich in die Internierungslager des Krieges getrieben. Ein Dringlichkeitsvisum zur Einreise in die Vereinigten Staaten erhielt sie Anfang 1941 - mit Blücher - nur mit Glück und dank der Mithilfe des schon in New York lebenden Günther Anders.

Schon vor 1933 hatte sie sich für viele Jahre in eine kämpferische Zionistin gewandelt, die nunmehr nach politischer - und das hieß unter dem Eindruck Blumenfelds für sie: jüdischer - Selbstbehauptung strebte.

Für lange Jahrzehnte blieb ihr jedoch ein unversiegbares Mißtrauen in jede S.137 radikale, dem ungehemmten Nationalismus ergebene Gruppe oder Massenbewegung erhalten, das der Untergang der Weimarer Republik in ihr erweckt hatte.

Als 1948 »der jüdische Terrorist« (Young-Bruehl) Menachem Begin nach Amerika kam, um Unterstützung für seine radikale Herut-Partei zu erlangen, erschien in der »New York Times« ein Protestbrief an den Herausgeber, der von Albert Einstein und anderen jüdischen Intellektuellen (auch von Hannah Arendt) unterzeichnet war.

In diesem Brief wurden die Revisionisten des Herut schroff mit den »Nazi und faschistischen Parteien« verglichen und ihre aus »Ultranationalismus, religiösem Mystizismus und rassischer Überlegenheit« geklitterte Ideologie verworfen.

Hierzu bemerkt Biographin Young-Bruehl: »Arendt könnte diesen Brief konzipiert haben, da einer der Unterzeichner ... ihr dafür in einem undatierten Brief an sie dankte.«

Hannah Arendts Mut, aber auch ihre Maßlosigkeit als politische Publizistin - nicht nur im Welt-Skandalon »Eichmann in Jerusalem« (deutsch 1964; jetzt als Rowohlt-Taschenbuch) -, die stets zu ihren (be)streitbaren Thesen stand, waren unvergleichlich.

Schon als Neubürgerin hatte sie 1946 in einem Brief an Jaspers den »Grundwiderspruch« des amerikanischen Lebens als Konflikt zwischen »politischer Freiheit« und »gesellschaftlicher Knechtschaft« gedeutet. Und sie scheute niemals davor zurück, ihren neuen amerikanischen Landsleuten ihre höchst unbequeme, in keine ideologische Parteischablone passende Meinung genauso unverblümt zu sagen wie Juden und Deutschen: als Essayistin, Buch-Autorin, Gast-Dozentin, und schließlich auch als Professorin in Chicago (1963 bis 1967) S.138 und an der New Yorker New School for Social Research (1967 bis 1975).

Unter dem Eindruck des Holocaust in Europa hatte sie eine fundamentale Theorie (und Geschichte) des Totalitarismus entworfen und in ihr auch die vielleicht denkwürdigste Deutung des KZ-Systems - die Frankreichs »Neue Philosophen« uralt aussehen läßt.

Diese »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft« (deutsch 1955; jetzt als Ullstein-Taschenbuchausgabe) machten sie in Amerika berühmt und auch zum »Cover girl«, wie sie halb erstaunt, halb zornig 1951 an Jaspers schrieb.

Hierin hatte Hannah Arendt das KZ-System als letztlich unerklärlich gedeutet, als Offenbarung des »radikal Bösen«, das dämonisch durch Entmenschlichung und Mord die Menschen überhaupt habe abschaffen wollen.

Von dieser Deutung distanzierte sie sich in ihren Eichmann-Berichten. Am 15. April 1961 beschrieb sie aus Jerusalem ihrem Mann den ersten Eindruck von Eichmann, dem »Mann im Glaskasten« - der als exemplarischer Schreibtischtäter der »Endlösung« fungiert hatte -, er sei »nicht einmal unheimlich«.

Am 29. Dezember 1963 schrieb sie an Jaspers, Eichmann sei »eigentlich dumm«; später nannte sie ihn sogar einen »Hanswurst«.

Nunmehr sprach Arendt von der »Banalität des Bösen« - es ist also weder Bosheit der Menschennatur noch Erbsünde oder angeborene Aggressivität. In bislang unbekannten Notizen aus dem Herbst 1963 erklärte sie: »Die ''Banalität des Bösen'' widerspricht der Vorstellung, daß Gutes aus Bösem entstehen könne ... Die Vorstellung, daß wir unsere Feinde für unser eigenes Heil gebrauchen könnten, ist immer die ''Erbsünde'' des Zionismus gewesen.«

Und in einem Brief an den berühmten Judaistiker Gershom Scholem behauptete Hannah Arendt jetzt, das Böse sei »immer nur extrem, aber niemals radikal«, es habe »keine Tiefe, auch keine Dämonie«.

In diesem Brief - mit dem Scholems schon 1963 gedruckt - spielte Hannah Arendt auch auf ein Gespräch mit »einer führenden politischen Persönlichkeit« an, die zu ihr sinngemäß gesagt habe: »Sie werden ja verstehen, daß ich als Sozialist nicht an Gott glaube, ich glaube an das jüdische Volk.« Hannah Arendt erwiderte an Scholem auf diesen »furchtbaren Satz«, das Großartige des jüdischen Volkes sei einmal der Gottesglaube gewesen: »Und jetzt glaubt dieses Volk nur noch an sich? Was soll daraus werden?«

Inzwischen hat Young-Bruehl ermittelt: Hannah Arendt hatte in Jerusalem einen ganzen Abend lang mit Golda Meir - damals Außenminister - diskutiert, und Scholem hatte sich am 6. August 1963 brieflich ausbedungen (worauf die Arendt einging), daß bei Veröffentlichung des Briefwechsels Golda Meir nicht erwähnt und auch nicht auf sie angespielt werde.

Hannah Arendts abfällige Meinung - Biographin Young-Bruehl schreibt von »mehr als ein wenig deutsch-jüdischem Hochmut« - über Eichmann-Hauptankläger Gideon Hausner spricht auch aus ihren Briefen. Ihrem Mann berichtete sie am 15. April 1961, Hausner sei ein galizischer Jude mit Getto-Mentalität, er rede ohne Punkt und Komma und wirke wie ein fleißiger Schuljunge, der mit allem protzen wolle, was er wisse.

Ebenso feindselig urteilte sie jedoch über Eichmann-Verteidiger Robert Servatius. Ihn nannte sie einen »George-Grosz-Charakter«, eine Figur also, die sie an schlimme Deutsche der Weimarer Zeit und die fulminanten Bourgeois-Karikaturen von Grosz erinnerte.

Doch nicht nur der Prozeß beunruhigte sie. Am 20. April meldete sie ihrem Mann, eine gewaltige Panzer-Parade habe stattgefunden, sie habe so etwas noch nie erlebt. Und am 19. hatte sie jüdische Jugendliche um ein Lagerfeuer versammelt gesehen, die »sentimentale Lieder« gesungen hätten, Lieder ähnlich denen, die sie und ihr Mann in ihrer Jugend gekannt und gehaßt hätten.

»Die Parallelen«, notierte Hannah Arendt, »sind fatal, besonders in den Einzelheiten.«

Doch die Zeiten (und Meinungen) ändern sich. Während des Sechs-Tage-Krieges 1967 sei die Arendt »unendlich stolz auf die israelischen Siege« gewesen, berichtet ihre Biographin: »Gewöhnlich eine Kritikerin Israels, führte sie sich jetzt - so einer ihrer Freunde - ''wie eine Kriegsbraut'' auf.«

Und 1973, während des anfangs für Israel kritischen Jom-Kippur-Krieges, sagte Hannah Arendt im französischen Fernsehen zum erstenmal: »Das jüdische Volk ist in Israel geeint«, und zum erstenmal auch erklärte sie ohne jede Einschränkung und Kritik das Judentum für eine »nationale« Religion.

Schon am 26. März 1966 hatte Hannah Arendt mit großer Erleichterung Jaspers mitgeteilt, sie denke, daß nun der Krieg zwischen ihr und den Juden vorbei sei.

Dieser »Krieg« war die erbitterte, weltweite Kontroverse um ihr Eichmann-Buch gewesen, in dem sie Eichmann nicht als dämonisches Monstrum, sondern als bornierten Bürokraten gedeutet S.139 und die »Judenräte« in Gettos und Lagern der Kollaboration beschuldigt hatte.

Im selben Jahr hatte sie auch einem Kritiker ihres Buches mit beispiellosem Freimut geschrieben: »Wenn ich (in den größeren Streitpunkten) angegriffen werde, dann antworte ich: Das war nicht meine Aufgabe, es handelte sich nur um einen Report - was teilweise stimmt. Doch die ganze Wahrheit ist: Ich kannte die Antworten selbst nicht, als ich das Buch schrieb.«

Über diese Antworten einer politischen Moral dachte Hannah Arendt erst nach Erscheinen ihres Eichmann-Buches nach. Doch obschon sie bald darauf Vorlesungen über Moral hielt, verzichtete sie darauf, eine Ethik zu schreiben, deren abstrakte Rezepte, so meinte sie, das konkret-verantwortungsbewußte Handeln mündiger Menschen nur in die Irre führen könnten.

Als ihr ein Student über seine Bemühungen schrieb, »ein sehr guter Mensch« zu werden, antwortete sie am 16. Juli 1975, viereinhalb Monate vor ihrem tödlichen Herzanfall:

»Ich weiß nicht genau, was Sie meinen, wenn Sie ''gut'' sagen, aber ich weiß, daß der Wunsch, ''gut'' zu sein, sogar eine noch größere Versuchung ist als der Wunsch, ''weise'' zu sein. Das ist genau das, was wir nicht sein können ... Sie kennen wahrscheinlich die Geschichte aus dem Talmud von den 36 Gerechten, um derentwillen Gott die Welt nicht untergehen läßt. Niemand weiß, wer sie sind, am wenigsten sie selbst.«

Am 8. Dezember 1975 sagte Hans Jonas in seiner Trauerrede auf Hannah Arendt: »Die Welt ist kälter geworden ohne deine Wärme.«

Rudolf Ringguth

S.134Elisabeth Young-Bruehl: »Hannah Arendt. For Love of the World«. YaleUniversity Press, New Haven and London; 568 Seiten; 25 Dollar oder12,95 Pfund.*

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