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Die Harke im Garten der Lüste

SPIEGEL-Redakteur Peter Stolle über den Sittenwächter Rudolf Stefen und den Jugendschutz *
Von Peter Stolle
aus DER SPIEGEL 7/1986

Zu Beginn seiner Amtszeit inspizierte der Beamte seinen neuen Wirkungskreis und blickte schaudernd in Abgründe sittlicher Verirrungen.

Ein Panorama von »Ekeleien« - voller »Brutalität« und »sadistischer Orgien« - lag vor ihm. Nun mußte er Werke begutachten, in denen »der Mensch nur noch aus Geschlechtsteilen besteht, die ständig in Aktion sind« und die sogar vor Ausschweifungen mit »Hunden, Pferden, Schlangen und Schweinen« nicht zurückschrecken.

Besorgt beschwor er seine Frau Edeltraut, die sich sehr grämte über das amtliche Schweinstreiben des Gatten, sie müsse jetzt tapfer der Tatsache ins Auge schauen, »daß dein Mann ein Porno-Prüfer ist«. So kam, 1969, der Leitende Regierungsdirektor Rudolf Stefen als Chef in die »Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften« (BPS) in Bonn, um fortan rund zwölf Millionen junge Menschen vor moralischen Anfechtungen zu bewahren.

Die BPS, ein Appendix des Bundesfamilienministeriums, war bis dahin kaum spektakulär aufgefallen. Stefen, vordem Jugendrichter und Datenspezialist im Bonner Regierungsressort für Arbeit und Soziales, sollte auf Wunsch konservativer Ministerialer »Signale setzen für ein härteres Durchgreifen« im Jugendschutz. Und seither entscheidet der Große Bruder Rudolf - gemeinsam mit einem Gremium ausgesuchter Vertreter von Verbänden, Behörden und Kirchen -, was Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren unbeschadet sehen, hören und lesen dürfen.

Filme, Bücher und Platten, Print-Magazine und Spielautomaten, die »unsittlich« und »verrohend« wirken, zu »Gewalttätigkeit, Verbrechen und Rassenhaß« aufstacheln oder »den Krieg verherrlichen«, muß die Prüfstelle auf einen Index setzen. Die BPS kann allerdings nur auf Antrag von Jugendbehörden in Ländern und Gemeinden tätig werden. Indizierte Produkte, die Heranreifende auf den Holzweg »sozialethischer Desorientierung« führen, dürfen nicht beworben, im Laden oder am Kiosk öffentlich angeboten, im Versandhandel oder Lesezirkel verschickt werden. So schreibt es das Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften vor, das die christlich-liberale Koalition im vorigen Jahr novelliert und verschärft hat, um »hemmungslosen Geschäftemachern« das »Handwerk zu legen«. Dem Schutzmann Stefen liegt das auch am Herzen.

Da sitzt er nun, »respekt- und parteilos« (Selbsteinschätzung), im Sumpf einer gewaltigen »Schlammflut«, ein leidender Regierungsdirektor im Schraubstock herber Kritik. Liberale sehen in ihm einen grimmigen Zensor. Und die Unterhaltungsindustrie wäre gern bereit, ihn als lebensfernen Grottenolm zu belächeln, wenn die BPS jugendliche Konsum-Gelüste nicht so geschäftsschädigend dämpfen würde. Erbarmungslos liegt Stefen auf der Lauer, »damit die pluralistische Gesellschaft nicht im Chaos versinkt«.

Denn die Hydra Unzucht erhebt überall ihr greuliches Haupt, Notzucht verroht sogar die kindische »Schwarzwaldklinik« (siehe Seite 231). Die BPS durchkämmte, in den 70er Jahren vor allem, verdienstvoll den Markt für Horror-Groschenhefte, für NS- und kriegsverherrlichende Platten und Schriften, die Führer und Reich verklärten und immer wieder die »Kriegsschuld-Lüge« propagierten. Tonträger wie »Adolf Hitler 'Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen'« verschwanden aus den Läden.

Stefen indizierte Pornos en masse, den begnadeten Körper der »Miß Bohrloch« und die »Geschichte der O.«. Er hat etliche »Fick-Paraden« abgeblasen, die »Jungfrau mit der Sammelbüchse« aus dem Mehrverkehr gezogen; auch »Heb hoch das Hemd, wenn's Höschen klemmt« hat stark desorientierend auf ihn gewirkt, ebenso wie die Nuditäten im Herren-Magazin »Hallo Paris«.

Ganz harmlos aber waren die beschaulichen Spanner-Lustbarkeiten, verglichen mit den Video-Massakern, die Stefen und seine Stellvertreterin, Oberregierungsrätin Elke Monssen-Engberding, nervlich erheblich belasten.

Knapp 1000 Videofilme haben sie bis jetzt, in einer wahren Tour de force, indiziert, ein Großteil davon Greuel-Taten

wie »Das Foltercamp der Liebeshexen«, »Zombie« oder der »Totenchor der Knochenmänner«. Zwei Filme liegen täglich zur Prüfung vor. Würgend sitzt die wackere Frau Elke, diese Mutter Courage der deutschen Jugendpflege, vor dem Bildschirm, wo gerade die nackte »Ilsa - Haremswächterin des Scheichs« einen Unglücklichen mit dem Säbel entmannt. Solche Beutelschneidereien - »Sex und Gewalt« in jeder Form - stimmen die Rätin besonders »aggressiv«. Stefen steht bekümmert daneben und staunt, wieder mal, über den Einfallsreichtum der Filmemacher.

Daß bei derlei Foltercamps der Spaß wirklich aufhört, wird auch von der Video-Wirtschaft ernsthaft nicht bestritten. Allerdings hat der Indizierungs-Boom dem gesamten Gewerbe schweren »Image-Schaden« zugefügt.

Nach den neuen Jugendschutz-Verfügungen dürfen überdies Videotheken, die indizierte Ware anbieten, nur Erwachsenen zugänglich sein, gehandelt wird »hinter verschlossenen Jalousien«. Rund 1500 Radio- und Fernsehgeschäfte sind deshalb aus dem Video-Programmhandel ausgestiegen. Die Branche schätzt, daß die Software-Umsätze von 800 Millionen 1984 auf 600 Millionen Mark im letzten Jahr geschrumpft sind.

Den Tugendhüter Stefen ficht das nicht an. Die Klage, der BPS-Bann treffe spekulative Gewaltprodukte ebenso wie honorige Werke a la »Trio Infernal«, nimmt er kühl zur Kenntnis, »was da links und rechts zu Unrecht runterfällt, das vergißt man möglichst schnell«. Über solche flapsigen Sprüche haben sich deutsche Buchverleger schon mächtig geärgert.

Heyne, Moewig, Rowohlt, notabene, die »erotische Literatur« publizieren, ächzen unter den Stefenschen Reinheitsgeboten. Die von der Prüfstelle als pornographisch indizierten Romane - häufig Bestseller, bis ein eifriger Jugendamt-Schnüffler in Bonn Alarm schlägt - verschwinden schlagartig vom Markt. Ihre Existenz darf nicht mehr publik gemacht werden.

Argumentationshilfe in der Dauerfehde mit dem Sittenamt bekamen die Verlage vom Hannoveraner Psychologie-Professor Helmut Kentler. Im Auftrag des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels analysierte Kentler in einem Gutachten »die Spruchpraxis« der BPS, die »seit einigen Jahren immer restriktiver geworden« sei. Die Prüfstelle treibe »Erwachsenenzensur in der Tarnung des Jugendschutzes«, es könnte »ihr gelingen, zumindest die erotische Literatur auszurotten«.

Leichthin behauptet Kentler, ein Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften »ist nicht nötig«. Bündig entscheidet er, daß die Bildschirm-Gewalt »ganz offensichtlich keinen Einfluß auf das Violenzniveau einer Gesellschaft« nehme, daß »Gewalt in der Literatur erst recht ohne Wirkung bleibt«.

Stefen, der über die Wirkungen medialer Brutalitäten naturgemäß ganz anders denkt, hat die verlegerfreundliche Kentler-Schrift eher belustigt gelesen und ungerührt weiter die Blüten vor allem aus Rowohlts Garten der Lüste gepflückt.

Auf die schwarze Liste kam, beispielsweise, der historische Roman »Massimissa oder Die Lust der Freiheit«, ein Familien-Sittenstück aus Lateinamerika, in dem Vater und Tochter, Mutter und Sohn zwanglos kohabitieren. Die erotische Laokoon-Gruppe, so die Begründung, sei hochgefährlich, weil solche »Verhaltensmuster den Erziehungsbemühungen von Elternhaus und Schule entgegenwirken«.

Im Episoden-Werk »Lola - Erotische Variationen« läßt sich eine lüsterne Leone von zwei fremden Männern zu einer Eisenbahnfahrt verführen. Den anschließenden »Triolenverkehr« im Schlafwagenabteil, durch den »Leone glücklich wurde«, verübelte das Kreisjugendamt Hannover. Stefen indizierte das »verfahrensgegenständliche Taschenbuch« wegen »Propagierung ungehemmter sexueller Betätigung« in Tateinheit mit »ausführlichen Beschreibungen der Geschlechtsmerkmale«.

Das Taschenbuch »Emmanuelle«, zweiter Teil, harkte Stefen heraus, weil die Titelheldin bisweilen »Fellatio- und Analverkehrkontakte mit buddhistischen Mönchen« pflegt, wobei »es einzig und allein darum geht, sexuellen Genuß zu erreichen«. Worum auch sonst? Für die Jugendschützer jedenfalls war eindeutig, daß der Roman »die Prinzipien eines gesunden Ehe- und Familienlebens verhöhnt«.

Dies traf, nach Ansicht der BPS, vollinhaltlich auch auf die »Sexuellen Phantasien der Frauen« zu, eine Protokoll-Sammlung geheimer Sex-Wünsche, die von der Amerikanerin Nancy Friday veröffentlicht worden ist. Da beschreibt

eine Alexandra, 17, wüste Träume von KZ-Sex. Sandra träumt von muskulösen Vergewaltigern. Wanda erlebt, wie sie - auf ein Gestell geschnallt - von einem Huftier bestiegen wird: »Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber ich werde von einem Esel gefickt.« Die kynophile Jeanne, 25, phantasiert von erquicklichen Orgasmen, die sie dem vierbeinigen Wohltäter »Anjou« verdankt.

Fassungslos über die sexuelle Maul- und Klauenseuche, beantragte das Jugendamt Hagen die sofortige Indizierung. Zwar war Frau Monssen-Engberding geneigt, den »Wissenschaftsvorbehalt« gelten zu lassen, der - ebenso wie der »Kunstvorbehalt« - das Buch vorm Index bewahrt hätte, aber über diese Eselsbrücke wollte Stefen nicht gehen. Mrs. Fridays Mondo Cane war zweifellos eine jener verderblichen Schriften, die »das menschliche Leben auf Sexualgenuß zentriert begreifen«.

So erheiternd diese Spruchpraxis klingt, Rowohlt-Verlagsleiter Michael Naumann findet sie überhaupt nicht lustig. Es ergrimmt ihn maßlos, daß über seine Verlagsgeschäfte ein Beisitzer-Gremium befindet, das er »für vollständig inkompetent« hält. Aus diesem Zwölfer-Rat, der mit Zweidrittelmehrheit entscheidet und dem als spiritus rector Stefen vorsteht, hatten sich schon vor Jahren die Verleger und der Verband deutscher Schriftsteller (VS) zurückgezogen. Sie fühlten sich von Konservativen ständig majorisiert.

Wie der große böse Wolf ist Naumann, bei einem BPS-Besuch im letzten Dezember, über Stefens Herde hereingebrochen. »Brötchen mampfend«, berichtet er angeekelt, habe die Runde seine Absicht verfolgt, »über ästhetische Kriterien zu fechten«. Unfug, beschied, ein mürrischer Beisitzer, »das gehört nicht hierher«.

Eine Dame, »Typ Hausmütterchen«, schalt, Früchtchen wie die verlotterte Massimissa »gefährden die Sexualordnung der Bundesrepublik«. Der Einwand des verdatterten Naumann, im Grundgesetz sei »nicht verankert, was Sie unter Sexualordnung verstehen«, blieb wirkungslos. Streng verwies ein aufgebrachter Herr auf die »steigenden Scheidungsraten«, die darauf zurückzuführen seien, daß die »Männer in ihrer Jugend erotische Literatur gelesen« hätten und »an ihre späteren Frauen unerfüllbare sexuelle Ansprüche« stellten: »Enttäuscht reichen sie dann die Scheidung ein.« Die Sitzung war eine Tortur für den feingeistigen Rowohlt-Manager.

Diese »Laienschar«, dieser »intellektuelle Obskurantismus«, sagt Naumann nicht ohne Hochmut, »entscheidet auch über kommerzielle Vorgänge der Verleger und des Sortiments.« Stefen bemerkt jedoch genüßlich, daß gerichtliche Schritte gegen BPS-Indizierungen selten zum Erfolg geführt haben.

Denn der Stellenforscher kann sich, im Kampf mit den verflixten Trieben, getrost auf ein Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts stützen, das 1971 verfügte, der »Grundsatz 'Kunstschutz geht vor Jugendschutz' gilt nicht uneingeschränkt«. Eine Schrift, so die Richter, dient der Kunst, wenn sie ein bestimmtes Maß an künstlerischem Niveau besitzt«. Und das beurteile sich »nicht allein nach ästhetischen Kriterien, sondern auch nach dem Gewicht, das das Kunstwerk für die pluralistische Gesellschaft nach deren Vorstellungen über die Funktion der Kunst hat«. Und: »Auch diese Entscheidung fällt in den Beurteilungsspielraum der Bundesprüfstelle.«

Für Stefen hing, mit diesem Urteil, der Himmel voller Geigen; die BPS konnte nach eigenem Ermessen schalten und den Kunstvorbehalt lässig austricksen. Immerhin, sagt er, würde er sich nie an angesehenen Erotomanen wie Henry Miller vergreifen.

Einen anderen Klassiker aber, die »Josefine Mutzenbacher«, hält er hartnäckig auf dem Index. Rowohlt, Lizenznehmer für Rogner & Bernhards »Mutzenbacher«, hat das Bundesverfassungsgericht angerufen.

»Wie die gute Truppe im Eroberungskrieg«, so geht, unbeirrbar, der Bundesprüfer

seinen Weg. Und es schmerzt ihn besonders, wenn diese »Vorwärtsstrategie« am Widerstand mächtiger Wirtschaftslobbys scheitert. Gern hätte Stefen auch die Kino-Industrie an die BPS-Kettle gelegt und einen Traum realisiert, den die Kinobranche als pure Schreckensvision empfand.

Denn daß »die brutalsten Schinken« a la »Rambo«, »Dirty Harry« oder der barbarische »Conan«, in »jedem Kino gespielt werden dürfen«, findet Stefen unerträglich. Solche Gewalt- und Actionstücke wollte er »nicht besser behandeln« als den gemeinen Porno und ins Getto von »Spezialkinos« abschieben. Wenn »für diese Brutalos«, qua Indizierung, nicht mehr geworben werden könnte, müßte sich die Filmwirtschaft zu einer »sauberen Trennung« bequemen. Und davor, sagt Stefen, »hätten die eine Heidenangst«.

Stimmt. »Für die Kinofilme wäre ein Werbeverbot tödlich«, sagt Horst von Hartlieb, Chef des deutschen Filmverleiher-Verbandes. »Erbittert« hat das Gewerbe Stefens Großmacht-Phantasien bekämpft, und »meisterhaft« - so Stefen respektvoll - habe von Hartlieb die Kinos aus dem Würgegriff der Prüfstelle befreit.

In die FSK, die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, wurde - als Dauergast - ein Vertreter der Obersten Jugendbehörden der Länder hineingenommen. Der ministerielle Aufseher prüft Risiko-Filme auf mögliche Verstöße gegen die Strafrechtsparagraphen 131 (Gewaltverherrlichung) und 184 (Gewaltpornographie, Sodomie). Liegt nichts vor, kommt das Werk mit dem Stempel »nicht frei unter 18 Jahren« in die Kinos. Stefen sind in diesem Fall die Hände gebunden, dann können nur noch Staatsanwälte und Gerichte tätig werden und, beispielsweise, die US-Mordorgie »Tanz der Teufel« bundesweit beschlagnahmen lassen.

Der schwere Rückschlag aber hat Stefen nicht erschüttert, mit ungebremstem Eifer wirft er sich nun auf die neuen Medien, auf die Bilderflut der Television. Gegen Stefens Indizierungsgelüste hat das ZDF einen Musterprozeß vorm Kölner Verwaltungsgericht angestrengt (SPIEGEL 6/1986). TV-Satelliten strahlen, unkontrolliert, deutsch- und fremdsprachige Programme aus. Von Luxemburg funkte der Privatkanal RTL frech Spielfilme in Stefens deutsches Reich, die auf dem BPS-Index stehen.

Angesichts dieser großen Herausforderungen betrachtet es Stefen als »Heuchelei« und zutiefst unchristlich, daß ihm sein CDU-Mutterhaus, Rita Süssmuths Familienministerium, fünf Aushilfskräfte entzogen und damit den Personalbestand seines kleinen Amtes um 50 Prozent reduziert hat. Überdies strebt seine treue Assistentin Monssen-Engberding, die den fortgesetzt anfallenden »Schwachsinn« nicht mehr ertragen kann, in eine garantiert gewalt- und pornofreie Bundesbehörde.

Stefen, 59, der vorbildliche Sozialethiker, will ausharren bis zur Pensionierung. Auf die Reporter-Frage, ob ihm je während seiner »mehrjährigen Tätigkeit eine dienstbedingte Erektion« unterlaufen sei, hat er einmal mit einem bewundernswerten »Nein, nie!« geantwortet.

Sollte es eines schrecklichen Tages doch passieren, daß der Unerregbare gespannt, ganz auf Sexualgenuß zentriert, vorm »Alpenglühn im Dirndlrock« hockt, dann drohte die pluralistische Gesellschaft im Chaos zu versinken.

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