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Die Herrschaft der ohnmächtigen Mütter

Peter Brügge über das sogenannte Männer-Matriarchat
aus DER SPIEGEL 40/1981

Als ein Super-Hit und Ohrwurm, als Wiegenlied einer ratlos heranwachsenden Generation pulsiert er schon, der Groll auf die »utter. Pink Floyd läßt ihn brausen: Ruhig, mein Kind, du sollst » » nicht weinen Mama macht all deine Alpträume wahr Mama packt » » in dich all ihre Ängste Mama behält dich unter ihren » » Fittichen Die läßt dich nicht wegfliegen ... Mama hält ihr » » Baby kuschelig warm. »

Daß Mama »an der Mauer« mitbaut, ist nicht bloß den Barden von Pink Floyd und den kritischen Denkhelferinnen der Frauenbewegung klar. Voll Wissenschaftsernst fängt auch die Mama-süchtige Männergesellschaft nun an, den Ursprung eines großen, ja vielleicht allen Übels bei den Müttern zu entdecken. Genauer gesagt: bei dem, was die Männergesellschaft aus den Müttern macht.

Allein gelassen mit Kind und Konsum, allmächtig in ihrer Wabe, ohnmächtig nach außen, sehen sich Mütter im Fadenkreuz einer neuen Gesellschaftskritik, deren Annahme sie im Interesse ihres Selbstschutzes eigentlich verweigern müssen.

Zwar kann nicht die Rede von Schuld sein, denn die Mütter haben dieses Macht-Monopol weder begehrt noch erstritten. Dennoch mutet es an wie ein Urteil: Ursächerinnen für fast alle zeitgenössischen Lebensängste, Liebesmängel und Leistungsschwächen sollen sie sein. Wissenschaftlich nachgewiesen wird, wie und wieso die Maßlosigkeit des Anspruches der Kinder, deren Unfähigkeit zu verläßlicher Bindung, deren Anfälligkeit und Hinfälligkeit dank mütterlicher Überdüngung gedeiht.

Bekannt ist, wie speziell die Töchter sich seit einer Weile wehren gegen ihre übermächtige Prägung durch die Mutter. Wie sie unausweichlich dennoch als deren Abklatsch weiterwirken.

Speziell die Söhne aber, beklagt nun öffentlich der Gießener Psychoanalytiker und Gruppentherapeut Michael Lukas Moeller, die Männer und sogenannten Väter seien »an der Mutter erkrankt«. Und zu ihrer Krankheit gehöre, daß sie diesen Befund meist zeitlebens vor sich selbst verbergen.

Der Gießener Institutschef äußert solche Einsichten aus tausendfältiger praktischer Beobachtung im Nachwort zu einer bislang einzigartigen Sammlung intimer Mutter-Bekenntnisse deutscher Männer, die sich der Interviewerin Barbara Franck anvertrauten.

( Barbara Franck: »Mütter und Söhne«. ) ( Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg; 240 ) ( Seiten; 14,80 Mark. )

Für den Seelenarzt Moeller sind das Zeugenaussagen über einen vertuschten sozialen Notstand, Belege für »unser modernes genetisches Armutsmilieu«, das die »zwangsläufige Isolation« von Mutter und Kind der Industriegesellschaft beschere. Matriarchat ist entstanden, eines, das keiner will und das keinem frommt außer vielleicht dem Mechanismus industrieller Produktion, ein »Zwangsmatriarchat« laut Moeller und »das folgenreichste Ergebnis des beschleunigten sozialen Wandels«.

Aber dessen werden die eigentlich Leidtragenden sich so gut wie nicht bewußt. Die Männerbeichten für Barbara Franck winden sich wie im Slalom an der Wahrheit vorbei. Muttersöhne ergründen nicht ihre Unmündigkeit. Aber sie bekennen: hilflosen Haß, angstgeborene Liebe, sklerotisches Knabentum.

Der Vater hat in 11 von 13 Fällen gefehlt oder nicht funktioniert. Mutter S.242 füllte das Vakuum. Unvergeßliche Wohltaten und Behinderungen gehen auf ihr Konto.

Klage eines vielleicht deswegen homophilen Blumenhändlers: Im Schlaf ereile ihn die Angst vor weiblicher Umklammerung. Oft fährt er aus den Kissen hoch, schreit.

Ein ledig gebliebener Geologe: täglich einmal fernmündlicher Austausch mit »Mutti«. Straff observiert sie seine Liebschaften, ist ohnehin unerreichbares Leitbild seiner Wahl.

Ein Polizist, verlassen immer wieder von seinen Frauen: Was er so sucht, ist das Reine, das Gütige und das Liebe, nicht diesen »blöden Scheißsex«.

Er schätzt, in eine 80jährige könne er sich durchaus verlieben. Bei seiner Mutti könne er auch jetzt noch alles in Klump hauen, die würde ihm alles nachsehen. Aber Zärtlichkeiten, die hat''s bei der nicht gegeben. Noch Lehrer und Pastor brachten das besser.

Ein verheirateter Maler: Horror bei bloßen Gedanken an Mutter und deren Liebeserwartung. Das steigert sich bis zum Haß. Er wünscht sich dann, sie tot zu sehen. Ehemals hätte er zu gerne mit ihr geschlafen. Das hat er nicht bekommen, aber später hat er sie um Geld erpreßt, erfolgreich, zu seinem Ekel. Darum kann er sie jetzt auch nicht respektieren.

Ein Lehrer, verheiratet: In seinen allwöchentlichen Lustträumen verwandeln sich Mädchen in Mutter. Die, meint er, träume auch so. Das möchte er aber nicht. Im Geiste greift er sich da »das Totschlagebeil«. Und gleich schüttelt ihn sein schlechtes Gewissen wieder, und er kriegt einen Asthma-Anfall. Muttchen, fürchtet er, sei vielleicht sogar unsterblich. Sie soll ihn aber nicht überleben.

Ein Antiquar, ohne Frau: Mama reist mit ihm. Mama redet für ihn. Er geniert sich, wenn Fremde sie für ein Ehepaar halten. SPD hat er gewählt. Er fürchtet sich, es Mama zu sagen.

Und so fort. Manche der Mütter haben ihren Söhnen minimale Wärme gespendet. Zu sexueller Annäherung aber, sagen Söhne, sei es doch gekommen. Verlockt sind sie worden, dann zurückgeschubst.

Mit zunehmendem Alter der Söhne wuchs oft die Skrupellosigkeit der Mütter, sich die dringend benötigte Kindesliebe zu erkaufen. »Je mehr ich sie heute ablehne«, taxiert ein Student das Klebeband mütterlicher Großzügigkeit, »desto mehr Liebesbeweise bekomme ich.« Das hält ihn, wenn er fort will. Mütter, sagt der Seelenarzt Moeller, könnten nicht umhin, so etwas zu tun, weil sie selbst isoliert, so unfertig, so außerstande seien, sich von ihren Kindern zu lösen.

»Scharenweise«, so wundert er sich, würden »Mütter zu sexuellen Partnerinnen ihrer Söhne«. Die Beziehung zum Sohn füllt sich mit »ungelebten Erwartungen«. Dieser Verführung S.243 könne bei der zwangsläufigen »Verdichtung« des Beieinanderseins im Kleinstfamilien-Alltag »kein Mensch widerstehen«.

Seelische Entwicklung, Emanzipation gar, sind fast unmöglich bei solcher Verklammerung. Jeder Schritt zur Reife, jede Vergrößerung des Abstandes gefährden die vertraute Zweier-Union, in welcher der Sohn mit einer Art Liebe überzogen wird, die er gerade nicht braucht. Denn: »Mit überwältigender und aufopfernder Liebe«, so der Matriarchats-Entdecker Moeller, »nimmt sich die Mutter, was ihr fehlt.«

Ersatz für den vermißten wahren Partner soll der Sohn ihr sein. Und da sie selbst nie wirklich erwachsen, von der eigenen Mutter nicht frei geworden ist, spielt sie dem Sohn mitunter auch eine verkappte Vaterrolle zu. So maßlos wird er geschätzt -- nur nicht als das, was er ist.

Selten sind das Vorgänge von spektakulärer Auffälligkeit. Trozdem fehlt es nicht an dramatischen Musterfällen, die das Wechselspiel der Abhängigkeiten faustdick offenbaren.

Der in der USA lehrende deutsche Mutter-Forscher Professor Hans Sebald verweist in diesem Zusammenhang auf das Schicksal des französischen Kollaborateurs und Gestapo-Schergen Jacques Vasseur, der seine Kindheit isoliert wie ein Schoßtier seiner Mutter erleben hatte müssen. Sie gab ihm Order, es den Nazis recht zu machen, in dem Glauben, da sei er sicher und nah.

Nach 1945, als steckbrieflich Gesuchten, verbarg sie ihn 17 Jahre lang wieder wie ein Haustier, und er sagte nach seiner Ergreifung, so bei »Maman« sei es ihm am liebsten gewesen. Vasseur bestritt nicht, Landsleute gefoltert zu haben. Ein Psychiater attestierte ihm, von seiner Mutter »emotional kastriert« worden zu sein, und die Mutter pflichtete ihm bei. »Straft mich«, rief sie den Richtern zu, »laßt ihn gehen!« Doch sie verurteilten ihn.

Aus der Praxis des Mutterforschers Moeller ist die hessische Bäuerin aktenkundig, die ihren Sohn von anderen Knaben und der Schule fernhielt, ihn zum hilflosen Fettsack mästete. Sie behielt ihn im Bett, aus dem sie den schwachen Vater fortgescheucht hatte, und las dem wehrlosen Liebling immerzu Märchen vor.

Der Sozialpsychologe Sebald wiederum benennt in einer gemeinsam mit der Erziehungswissenschaftlerin Christine Krauth erarbeiteten Studie

( Hans Sebald, Christine Krauth: »Ich ) ( will ja nur Dein Bestes«. Econ Verlag, ) ( Düsseldorf; 300 Seiten; 29,80 Mark. )

einen Fall aus Arizona: Ein Fünfjähriger und zwei bereits Volljährige waren unter Oberaufsicht der Großmutter durch Mutter und Schwester systematisch in ihrer Entwicklung gebremst worden. Der Kleine trug noch Windelhosen und konnte kaum eine Treppe bewältigen. Babykost und geistige Kindernahrung S.246 vom Bildschirm wurde auch noch von den erwachsenen Söhnen bevorzugt.

Wir kennen aus den Selbstmordakten eines pfälzischen Männerheims den Tabletten-Tod eines kontaktunfähigen Junggesellen, der noch mit 16 Jahren unter der verweichlichenden Obhut von Mutter und Großmutter seine Notdurft neben dem Eßtisch ins Töpfchen verrichtet hatte.

Nach dem Tod dieser Bezugspersonen hatte er trotz überdurchschnittlicher Intelligenz keinen Arbeitgeber, Vermieter, Freund oder Zimmergenossen finden können, der bereit gewesen wäre, es mit ihm länger auszuhalten. Die verfügbare therapeutische Sozialhilfe genügte nicht, ihn aus seiner sozialen Verkrüppelung aufzurichten. Bis zu seinem Selbstmord haderte er mit den entschwundenen Muttergestalten.

Ouvertüre und Ursache für derartigen mütterlichen Machtmißbrauch, ob er nun zu spektakulären oder gar keinen Auffälligkeiten führt, ist das Abdriften des Vaters ins familiäre Abseits. Der muß dazu nicht unbedingt davongehen oder davongetrieben werden. Sogar der sozusagen normal präsente amerikanische Mittelstandsdaddy spricht angeblich, laut neuerer Forschung, mit seinem einjährigen Kind pro Tag im Durchschnitt nur noch 37,7 Sekunden.

Väter verflüchtigen sich auch, wenn sie bleiben. So entspricht es oft ihrer Erfahrung mit dem eigenen Vater. So gebieten es Arbeitsteiligkeit und Hobbies und Geschlechter-Perspektiven der Industriegesellschaft. So fördern es, wider die eigenen Interessen und die des Kindes, Mütter, die in einer Welt voll Spezialisten ihre einzig mögliche Exklusivität in der Aufzucht ihres einzigen eigenen Produkts sehen und wahrnehmen.

Der väterliche Dritte also entschwindet aus dem Dreiecksverhältnis Eltern -- Kind, welches nach dem Absterben von Sippe und Großgruppe ohnehin das Minimum eines familiären Bezugssystems darstellt. Folge ist, daß zum dominanten Lebensbeispiel unweigerlich das Mutterbild wird.

Was bleibt Töchtern schon anderes übrig, als ihre Rolle, ihre Vorstellungen von Weiblichkeit, Liebe, Mutterschaft, menschlicher Beziehung von diesem Bild abzuleiten. Woran aber nehmen die Söhne Maß? Woran, wenn ihnen männliche Modelle allenfalls noch das Fernsehen suggestiv nahebringt? Ergo identifizieren auf ihre Weise auch sie sich mit der Muttermacht.

Beide Geschlechter verinnerlichen die gleiche unauslöschliche Mitgift. Äußerlich zeigt''s sich im femininen Schmelz junger Männer. Innerlich führe es, behauptet der Analytiker Moeller, zu schrecklichen Konflikten, weil die Gesellschaft Mamas männlichen Opfern eben ganz anderes als das von Mama Bezogene abverlangt. Mühsam wehrt der Sohn die weiblichen Impulse in sich ab, und mitunter beruht auf dieser Abwehr seine gesamte Männlichkeit.

So auch erklärt sich der Haß, mit dem viele Söhne sich ergebnislos von der Mutter abzustoßen, in allem das Gegenteil von ihr zu sein versuchen. Emotionale und sexuelle Sperren erklären sich so, übermäßige Verletzlichkeit und das windschiefe Selbstbewußtsein.

In Ehe-Therapien kommen die Folgen der Symbiose mit Mutter ein wenig ans Licht, diese, wie Moeller es nennt, »Neigung zu Rückzug und Gefühlsferne im Gewand der Sachbezogenheit«. Ein »Unbehagen bei zu großer Nähe« überträgt der Mutterbehinderte auf spätere weibliche Bezugspersonen.

Selbstsichere, standfeste Väter wachsen aus dieser Erbmasse nicht. Nur wieder solche, an die man sich nicht halten kann. Mutter-Geschöpfe kommen schlecht zurecht mit Aggressivität und Konflikten. Die im Nest mit der Mutter erlebte »Überdosis Nähe« (Moeller) erzeugt Beklemmungen vor nahen Beziehungen ebenso wie das Bedürfnis, sich anzulehnen, anzupassen, einer absoluten Führung anheim zu fallen.

Dafür taugen Sekten, in mancher Hinsicht auch Armeen. Sozialpsychologe Sebald weist darauf hin, daß in totalitären Industriegesellschaften der Typus des Muttergeschädigten auch deswegen weniger Aufsehen erregt, weil viele seiner Schwächen gut ins System passen.

Für den Professor Sebald wurzeln hingegen so ziemlich alle schwer erklärbaren Nachwuchskrankheiten der wachsenden Mittelschicht westlicher Industriestaaten in dem, was er mit dem Modewort »Mama-Syndrom« belegt: das ominöse Rentner- und Sicherheitsdenken von Jugendlichen, ihre Apathie und Unzufriedenheit, ihre Anfälligkeit für totalitäre Ideologien und Religionen, für Sucht und Selbstmordgedanken.

Ja, noch die Art ihres Protestes, ihrer Verweigerung, ihrer Schuldzuweisungen an das System läßt ihn stracks an die Mütter denken. Anderen alles, sich selber möglichst wenig abzufordern entspreche der beschriebenen Genese: Immer sind andere, ist anderes schuld.

Diesen Mama-Kindern aus den mittleren Schichten verheiße die Gesellschaftsflucht in Kollektiven und Cliquen eine Geborgenheit, die sie sonst nirgends mehr fänden. Sie wollten, zürnt Sebald, den warmen, leistungslosen, verpflichtungsfreien Aufenthalt »wie im Mutterschoß«.

Auf der Haut von Junkies nimmt die Tätowierung »Mama« in der Tat einen Spitzenplatz ein. Der amerikanische Alkoholiker-Therapeut Edward A. Strecker zog Bilanz aus sämtlichen ihm vertrauten Suchtfällen: »Bei über 80 Prozent ist die Grundkrankheit das Mama-Syndrom.«

So entdeckt die Gesellschaft ihr zentrales Leiden. Und kein Zweifel bleibt, wo das weitergereicht wird, wo das sich bis zum Irrsinn verdichtet: in der Ehe. Da vereinen sich Kind gebliebene Töchter mit Kind gebliebenen Söhnen, und sie suchen beiderseits blindlings und ahnungslos im Grunde nur wieder eine Art Mutter.

Das Trauerspiel ist reich an Varianten: Die Frau wird behandelt, wie Mutter den Sohn behandelte. Die Frau wird bestraft, weil sie nicht wie Mutter S.249 ist. Die Frau wird bestraft an Mutters statt. Sie ihrerseits verlagert auf den Mann den Haß, den sie Mutter gegenüber stets gesüßt oder in sich verborgen hatte. Von ihm will sie vergebens die total versorgende, allumfassende Spezies Liebe, von der sie meinen muß, daß Mutter die einst für sie hegte.

»Ehekrisen«, bestätigt Moeller, sind oft »das Aufeinanderprallen der beiden in den Partnern wieder auflebenden negativen Mütter«. Und das Leiden setzt sich fort in den Kindern: Vater zieht ab, Mutti dominiert, es wiederholt und verstärkt sich in vielen Familien so schon seit drei Generationen.

Dieses Matriarchat wächst und wächst. Doch es folgt nicht wie die längst vergangenen Mütter-Reiche einem den Menschen und ihrer Natur gemäßen Gesetz. Wirtschaftszwänge bestimmen, wie es geht und weitergeht, sogar noch, findet Professor Moeller, in den »Nischen für alternative Existenzformen«.

Die Wirtschaftszwänge freilich sind Manneswerk. So sind die Männer die wahren Urheber der neuen Muttermacht. Moeller: »Die ohnmächtigen Mütter ... herrschen über die herrschenden Männer, weil deren Herrschaft sie beherrscht.« Dafür hat er einen Namen erfunden, auf den er stolz ist, weil er Ursache und Wirkung in eines nehme: Männer-Matriarchat. (Feministinnen haben sich daran schon gestoßen.)

Es handelt sich um eine Einbahnstraße gesellschaftlicher Fehlentwicklung. Umkehr scheint auf lange Zeit unmöglich. Offenkundig ist die Unlösbarkeit des zugrunde liegenden Konflikts: Anstelle der verblassenden Ur- und Naturforderungen humaner Entwicklung bestimmen zu lange schon die dynamisch-unmenschlichen Forderungen der Produktion die Richtung.

Beschleunigt wird es weiterwuchern, das Männer-Matriarchat. Keine radikalen, bloß arg homöopathische Gegenmittel fallen den Analytikern ein, da sich taugliche Väter oder andere helfende Dritte ja wohl nicht vom Arbeitsmarkt beziehen lassen. Kooperation von Kleinfamilien, Abbau der verbreiteten gesellschaftlichen Sperren gegen Problem- und Gesprächsgemeinschaften, Verbreitung von Einsichten in die menschenfeindliche Mechanik der jetzigen gesellschaftlichen Rollen von Kind, Frau und Mann -- dies und derlei wird von den Gelehrten Moeller und Sebald als Arznei verschrieben.

Aber Hoffnung erlaubt Sebald sich erst fürs 21. Jahrhundert. Bis dahin werde sich, glaubt er, die Familie »hin zu partnerschaftlichen Sympathie-Gruppen entwickeln«, werde somit »dem Mama-Syndrom der Nährboden entzogen« sein.

Sollte bei dem von ihm jetzt so gering geschätzten Jugendprotest vielleicht doch die Richtung stimmen?

S.240

Ruhig, mein Kind, du sollst nicht weinen Mama macht all deine

Alpträume wahr Mama packt in dich all ihre Ängste Mama behält dich

unter ihren Fittichen Die läßt dich nicht wegfliegen ... Mama hält

ihr Baby kuschelig warm.

*

S.240Barbara Franck: »Mütter und Söhne«. Verlag Hoffmann und Campe,Hamburg; 240 Seiten; 14,80 Mark.*S.243Hans Sebald, Christine Krauth: »Ich will ja nur Dein Bestes«. EconVerlag, Düsseldorf; 300 Seiten; 29,80 Mark.*

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