Zur Ausgabe
Artikel 52 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Die hochgerühmte Stotterschule

aus DER SPIEGEL 16/1975

Durch deutsche Städte zieht seit Wochen (und wird das noch bis Ende April tun) die hochgerühmte Salzburger Festspiel-Inszenierung von Thomas Bernhards »Macht der Gewohnheit« -- laut Willen des Autors ist die von Dieter Dorn erarbeitete Bühnenversion die einzige, die das deutsche Publikum zu Gesicht bekommen darf.

So zur Tournee verurteilt, entläßt das Stück auf seine Zuschauer eine zusätzliche Gemeinheit: Denn auch die traurigen Helden Thomas Bernhards, Artisten eines schäbigen Wanderzirkus, die ihr Direktor mittels jahrelanger täglicher Proben des unerreichbar bleibenden Forellenquintetts schurigelt und in der Zucht hält, sind auf Tournee. Verächtlicher Kernsatz des Stücks: »Morgen in Augsburg!«, bis zum Erbrechen wiederholt. Bei der Tournee darf jeder deutsche Provinziale, von Flens- bis Frei- und Augsburg, sich den Satz, nebst Bemerkungen, wie das Publikum mieft, für den Heimweg an den Hut stecken, Masochismus als Theatervergnügen.

Dieter Dorns Inszenierung der »Macht der Gewohnheit« ist von der Kritik mit fast einhelliger Begeisterung umarmt worden, sowohl in Hinsicht auf das Bernhard-Stück als auch in bezug auf die Schauspieler-Dressur des hochbegabten Dieter Dorn. Dem Stück haben die Kritiker -- allen voran Benjamin Henrichs -- die Qualität einer (endlich wieder erreichten) deutschen Komödie ans sprachklappernde Skelett gelobt. Und: Der dem Zirkus entnom-

* Mit Darstellern Lichtenhahn, Anita Lochner, Minetti, Dallansky.

mene Slapstick (rutschender Clownshut, kratzender Fidelbogen, unter den Schrank rollendes Kolophonium) wurde, als Gott sei Dank dem Theater zurückerobert, rhapsodisch gefeiert.

Eine Komödie? Das Stück tritt mit seinem traurig-witzigen Grundeinf all, daß zur Musik Ungeeignete, Musik Hassende sich mit Schubert und musikalischen Marterinstrumenten quälen, nicht nur hoffnungslos auf der Stelle -- es hat auch einen Sprachwitz, der aus teils komischen, meist enervierenden Satzrepetitionen besteht. In der letzten Szene ist es dann soweit, daß nahezu jeder der fünf Quintett-Spieler nahezu jeden Kurzsatz einmal vorwärts und einmal rückwärts spricht und die anderen ihn wiederholen. Dagegen bietet eine Stotterschule die reinste Sprachkurzweil.

Wahr ist: Die dürre Handlung des Stücks ist wie eine Wanne, in die der Zuschauer nur zu geneigt gemacht wird, das symbolische Wasser lauer Bedeutung nachzufüllen. Wahnwitz der Kunst, ein Bernhardsches Dauertremolo, taucht aus den Wellen. Sinnlose Ausbeutung, als Irrsinnsmechanik dargestellt, bildet Badeschaum, und daß der die anderen quälende Direktor sich selbst am meisten piesackt, also die puritanische Flagellanten-These von Künstler und Kapitalist, wird sogar in Kernseifensätzen geliefert.

Der Slapstick wiederum ist in das Stück auf schamlos fleddernde Weise gebracht: Es gleicht einem Beethoven-Pianisten, der sich dazu bequemt, den lieben Kleinen den Flohwalzer ins Ohr zu hämmern. Da unser literarisches Theater den Zirkus ebensogut beherrscht wie der Zirkus, sagen wir, den Hamlet, entsteht vorwiegend drollig sein wollende Peinlichkeit und hämische Herablassung.

Aber ich glaube, daß Bernhard sich mit der Zwangsumwandlung der Salzburger Dorn-Inszenierung zur Tournee einen zusätzlichen Bärendienst erwiesen hat. Wie die Schauspieler jetzt, nach wochenlangem Tingeln, spielen, das läßt sich nur als zwangsläufiges Tournee-Geschick deuten: Jede in Offenbach hervorgerufene Heiterkeit führt zu einem neuen Draufsetzer in Fürth -- und erst morgen in Augsburg!

Anders jedenfalls läßt sich nicht erklären, daß ein so großartiger Schauspieler wie Bernhard Minetti seine Rolle eigentlich nur noch pointenkitzelnd anbellt und anheult. Wie man ins Parkett schallt, so lacht es heraus.

Auch daß der Dompteur der Truppe, Hans Peter Hallwachs, der vor Manneskraft nicht mehr laufen kann, seine dumpfe Verzweiflungsbesoffenheit mimt und dröhnt wie eine Kollegenerheiterung in der Kantine zu fortgerückter Stunde, offenbart eher das Elend reisender Elite-Stoßtrupps als die (ursprünglich gewiß vorhandenen) Qualitäten der Dorn-Regie. Die merkt man am ehesten bei dem geigekratzenden Jongleur Fritz Lichtenhahns, der eine komische Verklemmung und eine anrührende Kleinlichkeit für die Rolle bewahrt hat. Und an dem Spaßmacher Bruno Dallanskys, der die leise traurigen Fallübungen eines Clowns zart erspielt und erst am Kontrabaß mit der dauernd herunterpurzelnden Mütze ins »Lache, Bajazzo«-Klischee ausrutscht.

Das beste Stück des vergangenen Jahres, wie viele Kritiker meinen? Warum nicht? Aber dann wird man seufzen dürfen: Was für ein dürftiges (Theater-)Jahr!

Hellmuth Karasek
Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 52 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.