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»Die Knarre löst die Starre«

Von Monika Maron
aus DER SPIEGEL 49/1990

Maron, 49, siedelte 1988 aus der DDR nach Hamburg über, wo sie als Schriftstellerin lebt. Im November wurde ihr der »Irmgard-Heilmann-Literaturpreis« verliehen.

Judith Kuckart erzählt die Geschichte zweier Frauen, der Ungleichzeitigkeit ihrer Kindheit, Jugend, die für die eine tödlich endet, die andere in eine unentrinnbare Ordnung entläßt*. Jette, das Kind des Krieges, des Nachkrieges, des Kalten Krieges, Apothekertochter aus Wallerfang; und Katia, Kind der Wohlstandszeit, des Friedens, von Jette gehütet, für drei Mark die Stunde.

Eines Tages verläßt Jette die Stadt und wird zur meistgesuchten Frau Deutschlands. Die verschwiegene Intimität der Kleinstadt verdrängt dem Kind Katia den Sinn der Bilder, die es auf Plakaten oder im Fernsehen von Jette findet. »Wenn Katia Jette achtzehn Jahre lang nicht gesehen hat, dann auf den Fahndungsfotos.« Erst die Nachricht von Jettes Tod, » . . . im Libanon ums Leben gekommen«, treibt Katia auf Jettes Spur. Jette ist in einer Gefahr umgekommen, die für Katia nie bestanden hat. Sie sucht die Voraussetzung der Gefahr.

Katia verfolgt Jettes Weg über Tübingen, Berlin, durch die Schlagzeilen der Zeitungen und die Betten einander ablösender Männer bis in die Minute ihres Todes bei Sidon. Sie sucht, erinnert sich, was sie nicht findet, erfindet sie. Nicht die politische Entscheidung will sie nachvollziehen, sondern die Entscheidung für die Gewalt. Was läßt eine Waffe, »die Knarre löst die Starre«, für ein fröhliches und gewissenhaftes Mädchen aus der Provinz zur letzten Verheißung werden? Welche Augenblicke des Lebens, zwangsläufige oder zufällige Bruchstellen einer Biographie, entscheiden die Richtung des nächsten Schritts?

Katia erkennt Verwandtschaft und den abgründigen Unterschied. Mit dem freien Blick derer, die der Unschuld nicht bedürfen, weil Schuld nicht in Betracht kam, treibt sie ihre Neugier dem Geschehen hinterher, neidvoll und befremdet, will sie herausfinden, was nicht in den Zeitungen stand, was es jenseits des _(* Judith Kuckart: »Wahl der Waffen«. S. ) _(Fischer-Verlag, Frankfurt am Main; 176 ) _(Seiten; 32 Mark. ) Rechts und des Rechthabens zu verstehen gibt: »Jette jagen, aber die Zeit ist nicht einzuholen. Sie wird immer hernachhinken, Neid am Bein, weil sie, wo Glück und Gefahr gemeinsame Sache machten, nicht dabei war.«

Die Kleinstadt Wallerfang in den fünfziger Jahren mit ihren Blicken und Sätzen, »das tut man nicht«, Jette ist »eine heiße Braut«, »treibt sich mit Jungen herum«, eine Zeit, in der Haß Staatsdoktrin war, hier wie dort, der Gedanke an Gewalt, geboren aus der Erinnerung an Gewalt; jemandem den Kopf einschlagen, weil er das andere denkt, noch immer nicht abwegig. Mittendrin die wilden, unbehüteten Nachkriegskinder, die in Ruinen spielen statt auf Abenteuerspielplätzen, die Kindermädchen werden und selbst keine hatten.

»Im Schatten von Kindermanns Hut zeigt Jette freundlich die Zähne. Sie ist siebzehn. Eine kleine radikale Provinzminderheit pinkelt nächtens zum Ausgang der fünfziger Jahre in den Schornstein auf Kindermanns Elternhaus. Im Hintergrund weint - was sonst - ein Saxophon. Die Gefühle sind groß und echt, anders läßt es sich nicht sagen. Ein blondes Mädchen hält stehend beim Pinkeln mit.«

Roh und wild auch die Art ihrer Liebe, wenn Jette die Grenze überschreitet von der Oberstadt zu den roten Bergen, den Halden eines versiegten Eisenbergwerks, wo die Kinder wohnen, mit denen Katia nicht spielen darf, und wo Jette die Jungen mit den Motorrädern trifft.

»Jette erfährt . . . wie ähnlich die Sprache der Liebe und die des Kampfes sind. Für das unstete Glück wird sie zukünftig bereit, den Siebten Himmel sich freizuschießen. Sie verliebt sich nicht in Jacob, sondern in die Heftigkeit, mit der sie ihn zuläßt.«

Der Weg in die Gewalt vollzieht sich unspektakulär, fast nebenbei, als Begleiterscheinung von Jettes hungrigem Leben. »Das Leben wie die Liebe leben.«

»Jette, hast du Angst gehabt? - Nicht soviel wie Wut.«

Die westdeutsche Gesellschaft hat den Terrorismus der siebziger Jahre unter ihrem Schuldspruch begraben. Die wahnsinnigen Aktionen nachfolgender Terroristengenerationen, die unbelehrbar Bomben werfen, während ganz Europa sich in Demokratie und Nachdenklichkeit übt, erleichterte die selbstgerechte Geschichtsschreibung auf der einen, provozierte Heroisierung auf der anderen Seite. Die wenigen Versuche aus der Generation von Meinhof, Ensslin, Baader, sich dem Thema verstehend zu nähern (Margarethe von Trotta »Die bleierne Zeit«, Stefan Aust »Der Baader Meinhof Komplex"), gerieten in den Schnittpunkt der Kritik, von rechts, weil überhaupt nichts verstanden werden sollte; von links, weil nicht bedingungslos verteidigt wurde.

Judith Kuckart, dieser Generation nachgeboren, nicht verstrickt in die politischen und emotionalen Entscheidungen jener Jahre, ertastet, was sie wissen will, an den Innenseiten des Phänomens. Das hitzige politische Klima wird nicht erörtert, es findet sich in der Hast und Härte der Sprache, die hoch ansetzt, manchmal zu hoch, so daß sie abstürzt, bis ins Banale. Ein Tribut an den riskanten Versuch, der Größe des Themas und dem radikalen Pathos seiner Helden gerecht zu werden.

Kuckart erzählt assoziativ, eröffnet so verschiedene Möglichkeiten des Weiterdenkens, läßt Deutungen zu, die sie selbst in Betracht zieht, aber nicht suggeriert. So könnte es gewesen sein, im Spiegel ihrer Phantasie.

»Wahl der Waffen« ist Judith Kuckarts erster Roman nach einem Essayband über Else Lasker-Schüler ("Im Spiegel der Bäche finde ich mein Bild nicht mehr") und einem Fotoband - mit zwei Stücken von Judith Kuckart - über das von ihr gegründete Tanztheater Skoronel ("Eine Tanzwut").

Das Tanztheater ist Kuckarts zweite Passion, und zuweilen findet sich ihre Ästhetik des Tanzes im Text, schön, wenn es die Dynamik und den Rhythmus der Handlung antreibt, wenn die Bewegung des Erzählens gebrochen und kontrapunktiert wird; fragwürdig, wenn der Gedanke, gleich der tänzerischen Geste, auf seine Abstraktion verkürzt und dem Text als Aphorismus beigegeben wird, als traue die Autorin der Kraft ihres Erzählens nicht.

Und leider hat niemand sie daran gehindert, auf die Hilfsverben zu verzichten ("Etwas auslösen, das größer als man selbst"), was ihrer Absicht, die Sprache zu härten und zu kürzen, nicht nur nicht dient, sondern die Sprache lyrisch verzieht und dem Verdacht aussetzt, manieriert zu sein. Die Einwände sind marginal, gemessen an den Qualitäten des Buches, das mutig ist, intelligent und poetisch.

* Judith Kuckart: »Wahl der Waffen«. S. Fischer-Verlag, Frankfurt amMain; 176 Seiten; 32 Mark.

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