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Die Kraft von Revolvern

aus DER SPIEGEL 42/1979

Sie denkt, »daß es gut ist, wenn ich alles beschreibe, weil ich ein ungewöhnlicher Mensch bin«. Aber kein Tagebuch soll es werden, das ist »lächerlich für ein Mädchen von achtzehn und auch sonst auf der Höhe«.

Sie will »schreiben wie Film, denn so ist mein Leben und wird noch mehr so sein": Doris, die kleine Tippmamsell in Irmgard Keuns Roman »Das kunstseidene Mädchen«, hat genug vom Büro-Mief, von den Schikanen, vom lüsternen Arbeitgeber, der bei der Attacke »atmet wie eine Lokomotive kurz vor der Abfahrt«.

»Ein Glanz« möchte sie werden, »der oben ist«, eine von jenen Ladies, die »Kronen aus sich heraus atmen«, die »Fremdworte richtig lächeln, wenn sie welche falsch aussprechen«; so schön sein möchte sie »wie eine gesungene Nacht«.

Das Zeug dazu hat sie. »In mir ist Kraft von Revolvern«, gelegentlich: »In mir pfufft die Wut wie ein Motor«, oder: »Ich bin gebläht voll Exaltierung.« Und fix ist sie: »Mein Leben rast wie ein Sechstagerennen.«

Sie flieht, aus deutschen Landen? in die große Stadt Berlin, mit einem geklauten Pelz aus sibirischen Eichhörnchen, einem »Feh«. In Berlin -- »viel eilige Leute wie rasender Staub« -- stehen die Uhren auf fünf vor Hitler, Deutschland im Jahre 1931.

Die Metropole ist ein Glitzerding in einem grauen Meer von Arbeitslosen, Wirtschaftskrise. Das Billett zum Glamour soll für Doris der »Feh« sein; sie wird »sehr gehoben durch ihn«, in die Sphäre erotischer Extravaganzen, der Spekulanten und Hochstapler, denen Doris? Leib-Eigenschaften, erstklassige, ein paar Scheine wert sind.

Doch die Karriere knickt immer wieder, Doris gerät in die Hinterhöfe der Armseligen und Getretenen? der Kriegsinvaliden, Körper-Verkäuferin

* Zeichnung des Malers Jaeckel. Berlin, 1932.

nen, hoffnungslos Hoffenden; ihre Freundin Tilli etwa »filmt, aber sie kriegt keine Rollen«; einer wartet auf den Sozialismus, aber »schön haben wir?s dann auch nich«.

Der Roman vom Stehauf-Mädchen Doris, geschrieben im Jahre 1932 von der 22jährigen Kölner Fabrikantentochter Irmgard Keun, geschrieben mit dem Tempo und Timbre einer sport-, film- und jazzversessenen Zeit: ein Glitzerding selber, keß, scharf, komisch, von tiefer Menschenkenntnis.

Den Zeitgenossen kam die Keun wie ein Witz aus heiterem Himmel vor. »Hurra!« schrie Tucholsky, hier erscheine, »was es noch niemals gegeben hat, eine deutsche Humoristin«; und, gönnerhaft: »Sie hat Humor wie ein dicker Mann, Grazie wie eine Frau.«

»Das kunstseidene Mädchen« wurde zu einem Bestseller der Vor-Hitler-Tage und Irmgard Keun (der Berliner Maler Willy Jaeckel zeichnete sie als vifen blonden Traum) zum gefeierten Darling der Literaten-Szene.

Der Düsseldorfer Claassen-Verlag macht sich daran, schon mit Erfolg, das Keunsche Werk aus dem Literatur-Museum zurück in den Literatur-Betrieb zu bringen. Sieben Leben hat die Katze, sieben Romane hat die Keun geschrieben.,, Das kunstseidene Mädchen« und der Vorgänger, der Erstling »Gilgi -- eine von uns«, sind wieder zu haben; Rest folgt.

Heute, fast ein halbes Jahrhundert nach der »Mädchen«-Premiere, wird keiner auf die Idee kommen, Irmgard Keun bloß als Humoristin zu feiern. Hinter dem Pizzicato-Jargon aus neuer Sachlichkeit und alter Zärtlichkeit steht

* Bardamen des bekannten Transvestitenclubs »Eldorado« beim Tanz. Auf dem Photo befindet sich eine Frau: links vorn.

eine junge Frau, die einer hektischen Untergangszeit eine hellsichtige Satire vorhält, eine Groszartige Karikatur.

Und die schnoddrige Doris, deren Sex so gar nicht verlötet ist und die trotzdem das Oberklassen-Ziel nicht erreicht: Irmgard Keun gibt der Göre ein naives Gespür für die Handicaps ihrer kleinbürgerlichen Herkunft, ihrer mangelhaften Bildung, ihrer ewigen Abhängigkeit; sie setzt sie in Trab in Richtung Weiber-Solidarität und Emanzipation -- als wär?s ein Stück von heute.

Mit dem gesunden Instinkt haßt Doris die lemurenhaft herankriechenden oder grob pöbelnden Nazis: Irmgard Keun, ihrer Schöpferin, war es ähnlich ergangen, und das hat dem Lebensweg der ungewöhnlichen Frau eine dramatische, traumatische Wendung gegeben, in die Emigration.

Irmgard Keun lebt heute in Köln, unterm Dach eines Mietshauses, in einem Einzimmer-Appartement. Ihr Gesicht ist schwer geworden, seit 20 Jahren hat sie nichts mehr veröffentlicht, 20 Jahre, in denen das Leben offenbar kein »Glanz« war. Nächstes Jahr wird sie 70, die »Kraft von Revolvern« bricht immer mal wieder durch.

Sie baut keine Seufzerbrücken zur Vergangenheit. Grollend, raunend, sarkastisch holt sie Bruchstücke, Glitzerszenen, bekannte Gesichter, vermischte Gefühle aus der Erinnerung hervor, auch ein eigenes Gedicht aus der Emigration:

»Langsam kommt der Wahnsinn angekrochen / Und der sagt, er sei nicht Wahn, nur Sinn. / Während ich mich mit ihm unterhielt, hat er gesprochen: / Du, mein Kind, wirst immer sein, wo ich bin.«

Sie stammt aus einem großbürgerlichen, weitläufigen Haus, Neugierde war ihr angeboren. Im Religionsunterricht fragte sie, was denn die Schlange, die zur Strafe im Staube kriechen müsse, vorher getan habe, ob sie geflogen sei? In den Maschinenräumen des Vaters »erschrak ich furchtbar« über die Realität der Arbeitswelt.

Sie hatte eine »süchtige Lust nach Beobachtung«, streunte durch alle Viertel Kölns, »besonders durch die Puff-Gegend«. Unter ihren Freunden waren Jüdinnen und Sozialdemokraten, die feiten sie früh gegen Hitler: »Ich mochte ja schon den Kaiser nicht.«

Die Funde des Seh-Ungeheuers Irmgard Keun sind in ihren ersten Roman eingegangen, »Gilgi -- eine von uns«, das bitter-süße, aber schon politisch und sozial wache Präludium zum »Kunstseidenen Mädchen«. Gilgi, auch eine Tippmamsell? hat sich »schon auf der Schule geschämt, wenn »Deutschland, Deutschland über alles? gesungen wurde -- so ein widerwärtiges Lied, so fett zu sprechen, so fett zu denken«.

Zum Schreiben verführt wurde Irmgard Keun von Alfred Döblin. »Wenn Sie nur halbwegs so gut schreiben, wie Sie erzählen«, sagte er ihr, »dann wird aus Ihnen die beste Schriftstellerin, die wir in Deutschland haben.« Döblin weilte zu einer Dichterlesung in Köln, danach hat ihn drei Tage keiner gesehen, außer der Keun.

Mit dem »Gilgi«-Manuskript fuhr Irmgard Keun nach Berlin, bot es dem nächstbesten Verlag an, tags darauf bekam sie einen Vertrag. Das Buch, 1931 erschienen, wird ein Erfolg (Hans Fallada: »Ein herrlich tapferes, junges, gläubiges, ehrliches, anständiges Buch"), und die Keun bekommt den Schub fürs »Kunstseidene Mädchen«.

»Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz": Unter dem Signet geraten die Keun-Bücher schon im Frühjahr 1933 auf die schwarzen NS-Listen. Irmgard Keun läßt sich nicht einschüchtern: 1935 erhebt sie Schadensersatzklage gegen den preußischen Fiskus -- wegen der Beschlagnahme ihrer noch im Verlags-Lager gestapelten Bücher durch die Gestapo.

Im selben Jahr wird sie in Köln inhaftiert, offenbar gegen eine hohe Summe bekam sie der Vater frei. Für die Emigration brauchte sie einen Paß: Irmgard Keun, mittlerweile mit einem NS-Sympathisanten verheiratet, bekam nur, damals üblich, einen Gemeinschaftspaß mit ihrem Mann.

»Pures Glück« -- in Frankfurt durchschaut ein wohlmeinender Beamter ihre Absichten: »Sie wollen fort, junge Frau? Ich wollte, ich könnte es auch.« Sie erhält das Dokument, vom belgischen Konsulat das Visum, im Frühjahr 1936 reist sie nach Ostende.

»Nach Mitternacht«, ihr zweiter Exil-Roman und ihr bestes Buch, beschreibt die Hitler-Jahre, die sie noch kennenlernte: das Einstimmen größenwahnsinniger Kleinbürger in das braune Geheul, das Popanz-Ballett eines Führer-Auftritts, das Zerbrechen privater Beziehungen, zauderndes, zwiespältiges Verhalten der Juden, Selbstmord der Verzweifelten.

In Ostende gerät Irmgard Keun in die deutsch-österreichische Literaten-Kolonie -- Stefan Zweig, Ernst Toller, Hermann Kesten, Egon Erwin Kisch und Joseph Roth, bald darauf ihr Liebhaber: »Er hatte Werbungsmethoden, die eindrucksvoll waren.«

An der Seite des Ruhelosen, mit immer wieder erbettelten Vorschüssen von holländischen Emigranten-Verlagen, mit Pfandhaus-Erträgen durchstreift sie dann die Kaffee-Häuser des noch freien Europas, reist mit ihm nach Lemberg, in seine galizische Heimat. Sie schreiben an gleichen Tischen und, Kisch in einem Brief, »saufen wie die Löcher«.

Roth plagt sie mit seiner Eifersucht, nachts wickelt er sich ihr Haar um den Finger; geht er aus, schließt er sie im Hotelzimmer ein. Irmgard Keun: »Der Portier hat mich dann rausgelassen.« Nach zwei Jahren wird es ihr zuviel, in Paris verläßt sie ihn und zieht »mit einem französischen Marineoffizier nach Nizza«.

Kurz bevor die Deutschen in Holland einmarschieren, ist sie wieder in Amsterdam -- in Todesangst, von NS-Holländern verraten zu werden. »Wir haben alle nur von Selbstmord gesprochen, aber wir hatten uns schon so an Schlafmittel gewöhnt, daß sie gar nichts mehr nutzen würden.«

Nach dem Einzug der Deutschen verteilte ein jüdischer Arzt Zyankali-Kapseln. Irmgard Keun schluckte eine, »aber die bekam mir sehr gut«; sie wußte nicht, daß die Wirkung erst durchs Zerbeißen eintritt. Hals über Kopf, ohne Gepäck, floh sie nach Den Haag, wo sie keiner kannte.

Ein Kölscher Sprengmeister des Hitler-Heeres, dem sie »den Penis nach innen geredet« hatte, hilft ihr da aus der verzweifelten Situation: Er schwört vor dem Konsulat Stein und Bein, die Keun sei seine Kusine, und sie habe den Paß verloren. Mit falschem Namen reist Irmgard nach Deutschland zurück und überwintert den Krieg in der Illegalität.

»Ich war froh um jede Bombe, die fiel.« Nach 45 beginnt sie wieder zu publizieren, sogar einen Roman, auch ihre früheren Bücher werden neu aufgelegt. 1951 läßt sie noch einmal, im bigotten Adenauer-Köln, den Revolver knacken: Als uneheliche Mutter kündigt sie im Lokalblatt »mit großer Freude die Geburt meiner Tochter« an.

Sie schreibe »wie Film, denn so ist mein Leben«, schrieb die Keunsche Doris. So ist das Leben: Kaum der unverdienten, unverständlichen Vergessenheit entrissen, wird schon über die Verfilmung der Keun-Bücher verhandelt.

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