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GESCHICHTE Die Kranken und die Macht

Ob Kaiser Friedrichs Krebs, Lenins Aphasie, Churchills Herzflimmern die Weltgeschichte verändert haben, erörtert ein neues Buch.
aus DER SPIEGEL 17/1976

Oft genug, so scheint es, Vertrauen die Mächtigen dieser Erde uneingeschränkt nur ihren Ärzten -- zu Recht oder zu Unrecht.

So meinte Bismarck von seinem »bayerischen Grobian« Professor Schweninger, der habe »den Teufel im Leib, und wenn er hier ist, sind wir alle fidel«. Hitler erfreute sich an seinem Spritzendoktor vom Kurfürstendamm: »Morell hat mir jedenfalls geholfen.« Als Premierminister Winston Churchill 1955 mit 80 Jahren aus dem Amt schied, sagte er weinend zu Lord Moran: »Es ist wunderbar, daß Sie mich so lange in Gang gehalten haben.

Die komplizierten Beziehungen zwischen berühmten Patienten und deren Ärzten, ein Vexierspiel zwischen Mut und Resignation, Ruhmestaten und Eisenbartiaden, politischen Zwängen und einsamen Entschlüssen, hat jetzt der Schriftsteller und Wissenschaftsjournalist. Heinz Sponsel, 62, in einem

* Mit General Bodenschatz 1940.

neuen Buch beschrieben*. Um zu zeigen, wie wichtig die Gesundheit für die Entschlüsse führender Staatsmänner ist, zitiert er den Romancier Emile Zola: »Ein paar Sandkörner im Menschen und schon geraten ganze Imperien ins Wanken.«

Damit bezog sich Zola jedoch vor allem auf einen Fall, der hei Sponsel fehlt: auf das Blasensteinleiden Napoleons III., dessen Kaiserreich mitten im Deutsch-französischen Krieg von 1870/71 zugrunde ging.

Seit 1864 litt der Kaiser an qualvollen Stein-Koliken. ohne sich zu einer damals durchaus riskanten Operation entschließen zu können. Kurz vor dem Krieg, am 1. Juli 1870, trat cm Ärztekonsilium in Paris zusammen. Es beschloß. wegen Napoleons geschwächter Widerstandskraft auf einen Eingriff zu verzichten und seinen Gesundheitszustand vor jedermann geheimzuhalten.

Dazu erklärte später Emile Ollivier, der Ministerpräsident von 1870, der Krieg wäre vermieden worden, hätten die Ärzte nicht geschwiegen, denn niemand hätte den Kranken als Oberbefehlshaber ins Feld ziehen lassen.

Ohne den Krieg aber wäre die deutsche Einheit verzögert, das kleindeutsche Kaiserreich womöglich nicht proklamiert worden: Die Geschichte Europas hätte einen anderen Verlauf genommen.

Ähnlich folgenreich wirkte sich der Kehlkopfkrebs Kaiser Friedrichs 111. auf die deutsche Geschichte aus. Denn das Fehlurteil des englischen Spezialisten Sir Morell Mackenzie und des weltberühmten Pathologen Rudolf Virchow über die Bösartigkeit der Geschwulst verhinderte eine frühzeitige Operation, die eine längere Lebensdauer ermöglicht hätte.

So regierte der liberale Kaiser Friedrich 1888 nur 99 Tage, und sein 29jähriger Sohn Wilhelm II. kam sozusagen viel zu früh auf den Thron. Hätte jedoch Friedrich länger gelebt, wären Verständigung, sogar Freundschaft mit England möglich gewesen.

Einer umgekehrten Fehldiagnose sah sich Reichskanzler Fürst Bismarck 1882 durch Berliner Professoren ausgesetzt. Sie hatten angeblich festgestellt: Magen- und Leberkrebs, daher eine Lebenserwartung von höchstens sechs. neun oder zwölf Monaten.

Kaviar-Liebhaber Bismarck erkrankte zwar im Frühjahr 1883 schwer au Neuralgien, Gallensteinen und Gelbsucht, aber er litt keineswegs an Krebs, und er wurde von seinem Arzt Schweninger geheilt. Ihm war es zu danken, daß der Kanzler weiterhin seine Politik des europäischen Gleichgewichts makeln konnte: 1887 schloß er den geheimen Rückversicherungsvertrag. der

* Heinz Sponsel: »Die Ärzte der Großen«. Econ Verlag. Düsseldorf; 304 Seiten; 28 Mark.

Rußland mit dem Dreibund versöhnen sollte.

Bei der Behandlung Bismarcks scheute der schweigsame Schweninger jedoch vor cholerischen Ausbrüchen nicht zurück. So entriß er einmal auf dem Flur der Fürstin Johanna eine Flasche Nordhäuser (Weizenkorn, 42 Prozent), warf den kühlen Klaren aus dem Fenster und herrschte die perplexe Durchlaucht an: »Wenn Sie Ihrem Mann das Saufen wieder angewöhnen wollen, bin ich hier überflüssig.«

Während Bismarck fast ständig kränkelte, hatte der 47jährige Lenin 1917, zu Beginn der Oktoberrevolution, trotz strapaziöser Jahre der Verbannung und Emigration noch nie eine ärztliche Praxis von innen gesehen.

Doch auch in seinem Fall wirkte eine schwere Erkrankung geradezu verhängnisvoll auf die Geschichte ein. Von Mai 1922 bis zu seinem frühen Tod am 21. Januar 1924 war Lenin -- mit Ausnahme eines Halbjahres -- regierungsunfähig. Er erlitt insgesamt vier Schlaganfälle. Nach dem dritten Gehirnschlag am 7. März 1923 diagnostizierten ausländische Spezialisten -- fünf Deutsche und ein Schwede -- übereinstimmend eine schwere Arteriosklerose des Gehirns: Lenin war nunmehr endgültig hilflos, er litt an Aphasie, konnte nicht mehr sprechen und war rechtsseitig völlig gelähmt.

Lenin hätte Stalin niemals zu seinem Nachfolger berufen. Auf dem Krankenbett warnte er im »Tagebuch der Sekretäre«, dessen Diktate als sein Testament gelten, ausdrücklich vor ihm. Er fürchtete von Stalins Charakter, den er als roh und gewalttätig ansah, das Schlimmste. Aber seine Krankheit hinderte ihn daran, sich von ihm zu trennen oder sich der Wahl Stalins zum Generalsekretär zu widersetzen.

Ähnlich vermochte dann auch Präsident Roosevelt, der am 12. April 1945 starb, auf der Krimkonferenz von Jalta im Februar 1945 Stalin nicht mehr Paroli zu bieten.

Churchills Leibarzt Lord Moran notierte damals in seinem Tagebuch über Roosevelt: »Er beteiligte sich kaum an der Debatte und saß meistens nur mit offenem Mund dabei ... Jetzt ist der Scharfsinn geschwunden und nichts übriggeblieben.«

Von Roosevelts Arzt Dr. Roger Lee hatte Moran erfahren, daß der Präsident -- seit vielen Jahren wegen spinaler Kinderlähmung an den Rollstuhl gefesselt -- acht Monate zuvor einen schweren Herzanfall erlitten hatte. Lee: »Er war jähzornig und wurde sehr nervös, wenn er sich längere Zeit konzentrieren mußte.«

Aber auch Churchill zeigte bereits Anzeichen von Gedächtnisschwund und Konzentrationsschwäche -- offenkundig eine Folge der schweren Erkrankung, die ihn im Dezember 1943 in Tunis befallen hatte. Lord Moran meldete nur eine Lungenentzündung nach London, doch der Premier litt auch an gefährlichem »Herzflimmern«, das der Arzt geheimhielt.

Im Juni 1953 wurde Churchill, seit 1951 zum zweiten Male Premierminister. von einem schweren Schlaganfall getroffen. Er konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr gehen und resignierte: »Ich bin nur noch ein Rumpf -- atmen und ausscheiden, das ist alles.« Aber er schaffte es noch einmal: Bis zum April 1955 blieb er im Amt. Lord Moran wußte jedoch: Churchills Arbeitseifer und Einblick in Details blieben seither vom Kreislauf abhängig.

Adolf Hitler hingegen bildete sich bis zur Götterdämmerung von Berlin ein. ein Meister der Details zu sein, alles zu begreifen und dazu noch Volk und Wehrmacht trotz aller Niederlagen mit dem illusorischen Willen zum Endsieg erfüllen zu können.

Hitler schien dabei zu ignorieren, daß er zumindest seit 1944 total von den Pillen und Spritzen seines Leibarztes Morell lebte: Zuletzt erhielt er 120 bis 150 verschiedene Pillen und zumindest zehn Spritzen pro Woche. Diese Summierung, meint Sponsel, »führte schließlich zu dem, was man Zerstörung eines Menschen nennt«.

Der Führer schien auch nicht zu merken, daß er bereits süchtig geworden war, daß er in Morells Spezialmittel »Vitamultin« Pervitin und Coffein in hoher Konzentration bekam. Ebenso verlangte er ständig Kokain-Pinselungen, die ihn nach dem Attentat des 20. Juli 1944 von seinen heftigen Kopf- und Ohrenschmerzen befreiten.

Bei seinem schlechten Herz- und Kreislaufzustand konnte das zu einem Herzinfarkt führen. Ebenso enthielten die Antigas-Pillen Morells, die Hitler gegen seine Magenkrämpfe einnahm, Belladonna und Strychnin, also Gift. Das wiederum mußte auf die Dauer das Mittelhirn endgültig zerstören.

US-Außenminister Dean Rusk schrieb in seinen Memoiren: »Die internationale Liste derjenigen, die Verantwortung getragen haben, während sie ... manchmal todkrank waren, ist lang, und es gibt genug Entscheidungen, die bei guter Gesundheit anders ausgefallen wären.«

Sponsel fragt sich, ob dieser Vorwurf -- gemünzt auf die Diktatoren dieses Jahrhunderts -- nicht eher den »Ärzten der Großen« gelte: »Warum hat nicht einer von ihnen mit einer wohldosierten Spritze gewagt, das zu tun, was Zivilisten mit Attentaten versuchten?«

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