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»Die Kuh ist kurz vor dem Milchgeben«

Die »deutsche Mode« auf dem hindernisreichen Weg zum Erfolg Seit gut einem Jahr erst gibt es die »deutsche Mode«, die so eigenständig sein will wie die französische und italienische. Bis jetzt zählte für die neuen deutschen Designer nur der Beifall. Jetzt müßte sich das Geschäft einstellen - doch der Durchbruch zum wirtschaftlichen Erfolg fällt den deutschen Modemachern schwer. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Mit scharfen Blicken, teils hoffnungsvoll, teils bösartig, verfolgt die Modebranche, was aus der kleinen Gruppe von Top-Designern wird, die sich aufgemacht hat, »deutsche Mode« als etwas Eigenständiges zu etablieren.

Zu sehen ist, nach dem Jahr eins der neuen Mode-Zeitrechnung: Fußangeln und Selbstschüsse säumen den Weg der Kreativen - aber vorwärts geht''s. Wolfgang Joop hat in Hamburg und München Boutiquen unter seinem Namensschild eröffnet, mit zinnoberroter Decke, vergoldeten Säulen und Kapitellen, Regalen aus gebürstetem Messing und mit hohen Eisenlampen, deren Licht aus griechisch anmutenden Opferschalen flutet.

Der Hamburger »in«-Architekt Peter Preller hat sich damit als Laden-Designer für deutsche Modemacher ins Gespräch gebracht.

Die Opferschalen-Lampen leuchten, in Gold und neben kubistischen, mit Taft bezogenen Sesseln, auch schon in Jil Sanders Vorführ-Salons; der Düsseldorfer Modehändler Eickhoff stellte sie eilig in sein neugestaltetes Ladengeschäft auf der Kö.

Der Berliner Reimer Claussen ließ sich unterdes von Andy Warhol porträtieren; die Trag-Weite deutscher Designer-Kleider umriß er mit dem Slogan »Vom Büro in die Oper«. Gahl Burt, Gattin des smarten US-Botschafters in Bonn, kaufte in Berlin bei Claussen, als Tribut ans deutsche Mode-Land. (Sonst trägt Mrs. Burt patriotisch nur New Yorker Designer.) Im Oktober wird Claussen (nach Joop und dem Wahl-Pariser Karl Lagerfeld) mit der Krefelder Seiden-Trophäe, dem »Goldenen Spinnrad«, ausgezeichnet.

Die Düsseldorferin Uta Raasch klebte schon nach zwei Messe-Wochen im März rote Punkte wie in einer Bildergalerie an ihre handgestrickten Pullover. Gestickte Schmetterlinge beflügeln nun das Strickwerk. Mehr als 6000 Pullover pro Saison (Ladenpreis: rund 1000 Mark pro Stück) kann die Designerin nicht liefern; es langte aber für Uta und den Manager-Gatten Jonas zu einer Sommer-Boutique und einem Haus in Kampen auf Sylt.

Der stille Münchner Jürgen Weiss, 43, veredelt nicht nur seine Patchwork-Kleider, er entwarf auch neue Uniformen für die Lufthansa-Stewardessen und die Damen von den Jordanian Airlines. Dazu wurde er Professor an der Fachhochschule für Gestaltung in Pforzheim. Die Hamburgerin Barbara Bernstorff, die weiße Lilien zu ihren Symbol-Blumen erkor, hat den meisten Erfolg mit ihren üppigen Stufenröcken; in ihrer Hamburger Boutique »En Vogue« sucht die Designerin herauszufinden, »was mein Markt will«.

Gescheitert sind bisher fast alle Versuche die kleine, feine Designer-Mode durch Geldheirat in großem Stil marktfähig zu machen: *___Die Düsseldorferin Beatrice Hympendahl liierte sich mit ____dem Münchner Konfektionär Lodenfrey - die Partner ____trennten sich wieder nach der ersten Kollektion. »Die ____Stimmung zwischen Designer und Konfektionär«, resümiert ____Beatrice, »war auf Null gesunken.« Seitdem arbeitet sie ____wieder in ihrem 15-Mann-Atelier am Rheinufer und nur ____noch »für meinen eigenen Kreativ-Pott«. *___Die Kölnerin Caren Pfleger tat sich mit dem Hamburger ____Otto-Versand zusammen und verabschiedete sich nach elf ____Monaten wieder. Ehemann Horst Pfleger, gelernter ____Jurist, erinnert sich an zwei glückliche Momente - »als ____der Vertrag unterschrieben und als er aufgelöst wurde«. ____Jetzt produzieren sie Carens Kleider wieder ____selbständig, aber sie »stehen auch wieder auf der ____grünen Wiese«. *___Der Münchner Manfred Schneider verzankte sich nach ____einigen Monaten mit dem Ehemann einer schönen Kundin, ____einem Stuttgarter Lebensmittel-Filialisten, der ihm ____seine Edel-Konfektion finanziert hatte und beim letzten ____Defilee im Düsseldorfer »Breidenbacher Hof« noch ____Champagner und winzige Reibekuchen mit Kaviar hatte ____auffahren lassen. Jetzt wirft er seine Luxus-Kleider ____auf den Markt, ahnt aber, »daß ich nicht mehr reich ____davon werde«.

Die Hamburgerin Daniela Bechtolf, 29, jüngster Fixstern am westdeutschen Mode-Himmel, arbeitet mit einer »Minimal-Spanne für mich« und grübelt, »wem das Mode-Image und Prestige einer aufsteigenden deutschen Designerin von Nutzen sein« könnte.

Die Konfektionsbranche nennt die Designer mit leicht ironischem Unterton _(In seiner Hamburger Boutique. )

»unsere Kreativen«. Aber sie bestaunt und genießt den PR-Aufwind, der nun der ganzen Branche wohltut - schließlich nähen und exportieren westdeutsche Konfektionäre schon seit mindestens zehn Jahren Kleider für viele Millionen Mark im Jahr. »Die Kleinen machen die Publicity«, gibt der Konfektionär Fritz-Konrad Müller von der Firma »Louis London« in Sindelfingen zu, »die Großen profitieren davon.«

So richtig Profit macht bisher kaum einer von den deutschen Top-Designern. Sie kraxeln alle in der gefährlichen Zone zwischen fünf und zehn Millionen Mark Umsatz, jenseits derer das Geschäft erst anfängt sich zu lohnen. Vor allem der Zwang zur Vorfinanzierung macht ihnen zu schaffen.

Ein Kleid braucht vom Entwurf bis zur Auslieferung an die Geschäfte sechs Monate. In dieser Zeit muß der selbständige Designer viele Tausend Meter Stoff für die georderten Kleider einkaufen und die Zwischenmeister auszahlen, die ihre Näherinnen löhnen müssen. Geld kommt erst wieder herein, wenn die Kleider schon länger in Schaufenstern liegen.

»Die Designer kommen aus der Liquiditätsenge nicht heraus«, erläutert Nikolas Graf von Bernstorff - und auch nicht aus dem kreativen Druck, dem Zwang, immer Neues zu entwerfen, das gefällt. Wenn Bernstorff bei einem Mode-Defilee seiner Frau Barbara zusieht, kommt er sich vor »wie beim Roulette«. Der Graf ist sonst in der Land- und Forstwirtschaft tätig, das Familiengut Wotersen wird im Winter als Kulisse zu der Serie »Das Erbe der Guldenburgs« im ZDF zu sehen sein.

In Ländern wie Italien und den USA stützen in dieser schwierigen Phase große Konfektionäre die Top-Designer. Sie nehmen ihnen Produktion und Vertrieb ab, finanzieren die originalen Designer-Entwürfe und die aufwendigen Modenschauen.

Nie wären Armani und Versace ohne Hilfe von Fabrikanten weltweite Markennamen geworden. Auch der Produzent der neuen New Yorkerin Donna Karan schaufelt noch Millionen in ihre Firma. Wer investiert, muß durchschnittlich fünf Jahre warten, ehe er Erfolge sieht. Besonders in Amerika ist die Industrie noch immer darauf aus, Designer zu entdecken und deren Namen hochzureizen in der Hoffnung, daß sie sich in Markennamen verwandeln.

In Deutschland, wo große Konfektionäre zwischen 250 Millionen und einer Milliarde Umsatz machen, ist solche Bereitschaft kaum zu entdecken. »Hier sehen sie zu sehr auf den Pfennig, sie denken nicht langfristig genug«, vermutet Manfred Kronen, Chef der Konfektionsmesse Igedo. Das Zusammenwirken von deutschen Designern und Konfektionären beruht bisher auf Mißverständnissen. »Die Konfektion denkt, der Designer kommt mit seinem Zauberstab und vergoldet alles«, meditiert Edith Sonanini, die Ihren Namen kurz bei dem Hersteller »Louis London« in Sindelfingen einbrachte. Beatrice Hympendahl erinnert sich, wie man bei Lodenfrey dachte, »sie könnten mit mir sofort ein Riesending durchziehen«.

Bernhard Frey andererseits und sein Sohn Dr. jur. Dr. phil. Peter Frey konstatieren nach einem Jahr, daß ihre »Euphorie für die deutschen Designer jetzt stark reduziert« ist. »Die Designerware«, beklagen sie, »ist nicht so abgeflossen, wie wir es erhofft haben.«

Wenn deutsche Konfektionäre von den kleinen Produktionsserien der Designer-Kleider sprechen, kommt meist sofort der Satz: »Das rechnet sich nicht.« Erstaunt haben sie festgestellt, daß Top-Designer komplizierte Rockschnitte mit vielen Arbeitsgängen machen, für jedes Blusenmodell einen anderen Stoff wollen, auf Stoffmessen von Kaschmir und Seide fasziniert sind und nur teure Knöpfe aussuchen.

Horst Pfleger ist nach einem Jahr Otto-Versand ziemlich sicher, daß Konfektionären nichts an der »Vielfalt eines exklusiven Produktes« liegt. Beatrice Hympendahl bekam bald zu hören, daß im Näherlohn ihrer Blusen »noch viel Luft drin ist«. Bald war die Luft zur Hälfte rausgedrückt. Hympendahl: »So sahen die Blusen dann auch aus.«

Es wurmte die Konfektionäre auch, daß ihre Designer auf üppigen Modenschauen beharrten. Auf Kosten von Lodenfrey

ließ Beatrice Hympendahl aus Paris Mannequins einfliegen und heuerte Friseur und Visagistin an. Konfetti rieselte auf die jubelnden Zuschauer. Vater und Sohn Frey waren entsetzt: »Das Geld kommt doch nie wieder rein.« Und: »Wenn man die läßt, dann ufern die aus.«

Igedo-Manager Kronen glaubt trotz allem, daß es auch in Deutschland harmonische Verbindungen zwischen Designern und Konfektionären geben könne. Allerdings gehöre dazu eben nicht nur Geld, sondern auch Gefühl: »Das Geschäft ist emotionell und personengebunden. Entweder verstehen sich die Leute oder nicht.«

Immerhin gibt es im deutschen Mode-Land schon ein funktionierendes Gespann - den Hamburger Wolfgang Joop und den Schleswig-Holsteiner Konfektionär Jan Erik Mullikas, 42, der seit vier Jahren Joop-Kleider produziert. Mullikas sei der einzige, lobt der Designer, »der das Künstlerische ebenso hoch bewertet wie das Geschäftliche«. Der Betrieb von Mullikas liegt auf den satten Wiesen zwischen Hamburg und Kiel (in Ellerau) und ist mit 330 Arbeitnehmern noch familiär und übersichtlich.

Mullikas ist mit Geduld gewappnet, »wie ein Bauer, der sich ein Kalb kauft und es zur Kuh großziehen will, in der Hoffnung, daß sie Milch gibt«, erläutert der Konfektionär. Die Kuh, fügt er hinzu, sei jetzt »kurz vor dem Milchgeben«. Joops Kleider machen etwa zehn Millionen Mark Umsatz im Jahr.

Der Traum aller deutschen Designer ist es, wie Jil Sander eigene Läden zu haben - in der Branchensprache als »Jil-Sander-Syndrom« bekannt. Dafür gibt es auch geschäftliche Gründe, nicht nur solche der Eitelkeit: Der deutsche Einzelhandel ist noch weit davon entfernt, das teure Etikett deutscher Designer nach vorn zu hängen und damit Reklame zu machen. »Die wollen nicht die Designer herausstellen«, hat Rainer Stubner von der Manfred Schneider Collection erfahren, »die wollen mit ihrem eigenen Namen glänzen.« Die meisten Einzelhändler übernähen das kostbare Designer-Etikett schlicht mit ihrem eigenen Firmennamen.

Auch Albert Eickhoff in Düsseldorf, ein König im deutschen Kleiderhandel, wird beim Anblick elitärer deutscher Kleider nicht sentimental. Er kauft zwar Joops Röcke und Uta Raaschs Pullover ein, aber seine Devise bleibt: »Wenn man zu Eickhoff geht kauft man Eickhoff.« Der agile 50jährige führt eine Gruppe von zwölf hochrangigen Einzelhändlern an, die zusammen für knapp 100 Millionen Mark im Jahr ordern.

Den meisten Enthusiasmus wecken deutsche Designerkleider in kleinen erlesenen Läden. So findet Ina Gärtner, Besitzerin der Hamburger Amica-Boutique, es »toll, daß unsere deutschen Designer von Null auf 100 gekommen sind« und versucht sie kräftig voranzubringen.

Einstweilen liegt es der deutschen Mode-Branche noch fern, dem modischen Gespür deutscher Designer zu vertrauen. »Die deutschen Einkäufer gehen erst nach Mailand und Paris«, beobachtete der Münchner Jürgen Weiss. »Dann kommen sie zu uns, und es soll bei uns billiger sein.«

So verkaufte Beatrice Hympendahl in den ersten Messewochen von ihrem knöchellangen Redingote nur drei Stück, zwei davon nach London. Erst nachdem die glockigen Mäntel als Neuheiten über die Mailänder Laufstege gerauscht waren, wurden sie in Düsseldorf nachgeordert.

Dabei liegen die deutschen Designer-Kleider für den kommenden Winter gut im Trend. Sie lassen den Platz ahnen, den sie einmal in der Weltmode einnehmen konnten: in der Nische zwischen dem praktischen Stil der Amerikaner und der ungebremsten Phantasie der Italiener und Franzosen.

In seiner Hamburger Boutique.

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