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AUTOREN Die Kunst der Verachtung

Er stammt aus einer vornehmen Aristokratenfamilie und ging durchs nackte Grauen - nun erscheint Edward St Aubyns Roman »Schöne Verhältnisse« auf Deutsch.
aus DER SPIEGEL 16/2007

Der Schriftsteller Edward St Aubyn macht keine Termine am Vormittag. Nein, er möchte sich nicht in einem Café treffen, da ist es ihm zu laut, auch nicht in seiner Wohnung, zu persönlich. Dienstagnachmittag, ein grauer, kühler Tag in London. Ein Haus in der feinen Wohngegend am Holland Park. St Aubyn öffnet die Tür zum Apartment seiner Ex-Frau. Im Rahmen steht ein Mann mit hoher Stirn und feinen Gesichtszügen, er trägt einen dunkelblauen Cordanzug, dunkelblaue Wildlederslipper, dunkelblaue Socken.

St Aubyn stammt aus einer Familie, die früher mal halb Cornwall besaß. Heute zählt er zu den angesehenen Schriftstellern Großbritanniens. Das war nicht immer so. Viele Jahre wurde mehr über sein spektakuläres Leben geschrieben als über sein Werk. Darüber, dass er zur schriftlichen Prüfung in Oxford vor über zwanzig Jahren mit einem heroingefüllten Kugelschreiber erschien, ohne Mine, weshalb er dummerweise nichts zum Schreiben hatte. Und seit ein Journalist ihn auf die Parallelen zwischen seinen Romanen und seiner Biografie ansprach, ist bekannt, dass St Aubyn als Kind über Jahre von seinem Vater vergewaltigt wurde.

Der Riss, der durch sein Leben geht, ist in seiner Gegenwart auf Anhieb spürbar. Mit auffällig leiser Stimme bittet er ins Wohnzimmer. Und obwohl das Gespräch noch gar nicht begonnen hat, wirkt er bereits erschöpft von der Aussicht, ein weiteres Mal seine Geschichte erzählen zu müssen.

St Aubyns Roman »Never Mind«, der jetzt unter dem Titel »Schöne Verhältnisse« ins Deutsche übersetzt wurde, erschien in Großbritannien bereits 1992*. Das Buch bildet den Auftakt zu einer Trilogie über die Familie Melrose. Wobei das Wort Familie sehr beschönigend klingt. David Melrose, der Vater, ist ein Aristokrat und Sadist, der es seiner Frau nicht verzeihen kann, dass er seinen Lebensstil nur mit

ihrem Vermögen verwirklichen kann. Sie hat ihre Selbstachtung in den Jahren ihrer Ehe durch Tabletten und Alkohol ersetzt. Und ihr gemeinsamer fünfjähriger Sohn Patrick ist schon im zweiten Kapitel ein so einsames Kind, dass es einen fröstelt.

Der Roman spielt an einem Sommertag im südfranzösischen Lacoste, einem Schauplatz, den St Aubyn deshalb wählte, weil dort das Stammschloss der Familie de Sade lag. Er selbst verbrachte viele Sommer mit seinen Eltern in einem Anwesen ganz in der Nähe. Dass »Schöne Verhältnisse« ein sehr autobiografischer Roman ist, steht außer Frage. »Wenn du dieses Buch jemals schreibst, bringe ich dich um«, hat sein Vater ihm gedroht. Es war dann der Vater, der starb, bevor St Aubyn sich mit 28 Jahren an diese Erzählung machen konnte.

An jenem Sommertag treffen Gäste ein in Lacoste: der nicht mehr ganz junge Nicholas, der furchtbar gern so souverän bösartig wäre wie David Melrose. Er wird begleitet von seiner etwas zu flippigen Geliebten Bridget. Dann sind da noch Anne und Victor, die ein Haus in der Nähe haben, sie Journalistin, er Philosoph, beide nicht ganz standesgemäß, aber man ist schließlich auf dem Land. Um Bridget einzustimmen auf ihren kleinen Urlaub bei den Melroses, erzählt Nicholas ihr eine Episode aus deren Leben. Wie David seine Frau einmal zwang, auf allen vieren unter einem Feigenbaum auf der Terrasse herumzukriechen und die fauligen Feigen, alle fauligen Feigen, mit dem Mund vom Boden zu essen. Nicholas hatte dieser Szene damals fasziniert zugeschaut.

St Aubyn macht sich keine große Mühe, seine Figuren in ihrer düsteren Komplexität zu entwickeln, sie sind, wie sie sind, von Anfang an. Aber umso genauer geht er ihrem Snobismus nach, entlarvt feinsinnig ihre Kälte, ihre Gier, ihre Eitelkeit.

Die Eleganz von St Aubyns Stil steht in schillerndem Kontrast zu den Grausamkeiten, von denen er erzählt: der Vergewaltigung Patricks durch seinen Vater an diesem heißen Tag und wie dieser ihn später zum Essen zwingt; der Versuch des Jungen, Trost zu finden bei seiner Mutter, die ihm aber den Rücken zuwendet, weil sie einen Scheck ausfüllt für ein Kinderhilfswerk.

Der Tag in Lacoste gipfelt in einem Abendessen. Die Dialoge sind von jener intelligenten Schnelligkeit, die Small Talk in einen verbalen Fechtkampf verwandelt. Vielleicht muss man dieser Art von Konversation, die nie die Form, aber gern den anderen Menschen verletzt, jahrelang beigewohnt haben, um sie so leicht und präzise zu Papier zu bringen.

»Snobismus ist eine verfeinerte Form von Verachtung«, sagt St Aubyn. »Wenn

man jemanden nur noch als Ding betrachtet, ist es kein großer Schritt mehr dahin, ihn auch zu vergewaltigen.«

Es fällt ihm nicht leicht, diese Worte zu sprechen. Zwischendurch ist es sehr still

im Raum, St Aubyn schaut zum Fenster hinaus, nimmt den Satz erst nach einer peinigend langen Pause wieder auf.

Es gibt eine Passage in seinem Werk, in dem Roman »Some Hope«, dem dritten Band der Melrose-Trilogie, die vielleicht beschreibt, wie St Aubyn sich fühlt, wenn das Thema auf seinen Vater kommt, auf die Vergewaltigungen. Patrick Melrose ist in diesem Buch bereits erwachsen, mit Ende zwanzig erzählt er zum ersten Mal in seinem Leben einem anderen Menschen, was ihm als Kind angetan wurde: »Patrick unterbrach sich plötzlich und schwieg. Er konnte die erzwungene Beiläufigkeit des Tons nicht aufrechterhalten. Erinnerungen, die sein ganzes Leben lang wie Springmesser aufgeblitzt waren, tauchten wieder auf und ließen ihn verstummen.«

Heute ist St Aubyn 47 Jahre alt. 22 Jahre sind vergangen seit dem Tod seines Vaters, 13 Jahre, seit er den dritten Band der Melrose-Trilogie ("Schöne Verhältnisse«, »Bad News«, »Some Hope") beendet hat. »Ich habe in diesen Romanen versucht, etwas in Literatur zu verwandeln, das ich nicht aus meinem Kopf bekommen habe«, sagt St Aubyn. Ganze Handtücher habe er beim Schreiben vollgeschwitzt. »Aber seit diese Ereignisse in meinen Romanen stehen, brauche ich nicht mehr über sie nachzudenken«, sagt er.

Er galt nach dem Erscheinen der Trilogie in Großbritannien als begabter Stilist, doch der Erfolg kam erst, als im vergangenen Jahr »Mother's Milk« veröffentlicht wurde. In diesem Roman kehrt St Aubyn noch einmal zur Familie Melrose zurück. Das Buch stand auf der Bestsellerliste, es wurde für den Booker Prize nominiert, auch die Übersetzungsrechte seiner frühen Bücher wurden daraufhin ins Ausland verkauft.

Warum kam der Durchbruch erst mit »Mother's Milk«? »Vielleicht weil sämtlicher Klatsch über mich schon bekannt war«, sagt er. »Es gab keine Möglichkeit mehr, die Aufmerksamkeit davon abzulenken, dass ich ein Schriftsteller bin.« Schwer zu sagen, ob da Bitterkeit mitschwingt oder nur britischer Humor. Nach einer kleinen Pause fügt er hinzu. »'Mother's Milk' hat ein universelles Thema: ein Kind zu sein und ein Kind zu bekommen. Vom eigenen Vater vergewaltigt zu werden ist eine einsamere Erfahrung.«

Wieder ist Stille im Raum. Aber das Gespräch neigt sich ohnehin dem Ende zu. Beim Abschied zeigt St Aubyn im Flur auf eine Fotografie von zwei Jungs: »Das sind meine Kinder«, sagt er voller Wärme. Gleich hat er ein Gespräch in ihrer Schule. Eines, das endlich wieder von der Gegenwart handelt. CLAUDIA VOIGT

* Edward St Aubyn: »Schöne Verhältnisse«. Aus dem Englischenvon Ingo Herzke. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln; 192Seiten; 17,90 Euro.

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