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Die letzten Schnaufer der Dinosaurier

Uwe Pörksen über Ivan Illich: »Genus. Zu einer historischen Kritik der Gleichheit« Uwe Pörksen, 48, ist Professor der Germanistik an der Universität Freiburg. Zusammen mit dem aus Österreich stammenden Kultur- und Zivilisationskritiker Ivan Illich ("Entschulung der Gesellschaft") war er 1981 Gast am Berliner Wissenschaftskolleg. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Wir müssen eine kriminelle Formel finden ...« Unter den 17 ersten Gästen des Berliner Wissenschaftskollegs, das im Herbst 1981 eröffnet wurde, war ein Revolutionär, der um eine derartige Formel nicht verlegen war: »Wozu braucht der Bürgermeister dieser Stadt ein Auto? Es gibt doch die U-Bahn - und Fahrräder!«

Der Vortrag des Ivan Illich im Kolleg über »Genus und Sexus« segelte hart am Rande des Skandals, nicht nur, weil er es darauf angelegt zu haben schien, es mit allen geladenen Lagern, Feministinnen und Konservativen, zu verderben, und zwischen allen Stühlen sitzend Saxophon spielte.

Man war ratlos. Verrückt oder trivial? »Ich verstehe nicht, wie man so einfache Sachverhalte so verschnörkelt darstellen kann«, meinte eine Berliner Autorin; er sagte: »Das müssen Sie meiner Unfähigkeit zuschreiben.«

Die Atmosphäre, in der Illich das archaische Verhältnis zwischen Mann und Frau vor dem 12. Jahrhundert zum Mythos zu erheben schien, war einigermaßen gespannt. Ein neues Paradigma oder Paranoia? »Ich würde sagen, beides«, meinte Leo Löwenthal. »Etwas Wesentliches wurde angepackt, aber auf der Grundlage unzulänglicher ökonomischer Vorstellungen.«

Illich verbeugte sich. Eulenspiegel vor dem Rat der Stadt.

Ich kann mir nicht leicht eine sachlichere Leidenschaft vorstellen, des Analysierens, Entdeckens, Aufdeckens jenes Zivilisationsprozesses, der mit zunehmender Geschwindigkeit den Erdball überzieht. Wo liegen die Gründe, die Triebkräfte der europäischen Sonderentwicklung seit dem Ausgang des Mittelalters? Wo findet die Enthemmung statt, die ihre beunruhigende Fehlentwicklung ermöglicht?

Illich hat sich seit einiger Zeit in die Historie vertieft. Er schreibt an einer Geschichte der »Knappheit« (scarcity), in seiner eigenwilligen Sprache ein Begriff, der das Merkmal aller Dinge benennt, die in das Bezugsfeld einer warenintensiven Gesellschaft geraten. In der sogenannten Überflußgesellschaft werden alle Dinge in einen grenzenlosen Sog der Verknappung gezogen. Welches Bauprinzip hinderte die alten Gesellschaften an der »verrückten Reise« der Neuzeit?

Illich sucht einen festen Punkt außerhalb unserer Welt, zum Beispiel im 12. europäischen Jahrhundert, und zwingt von da aus, die Gegenwart neu zu durchdenken. Man versteht ihn schwerlich, wenn man seine Erfahrung nicht mitbedenkt: die der Arbeit unter Puertoricanern in New York, die des atemberaubenden Schwunds alter Kulturtechniken in Mexiko oder in den Ländern Lateinamerikas. Sein Interesse gilt zuerst der schweigenden großen Mehrheit, die in der Lebensform der »modernisierten Armut« die Hauptkosten des Zivilisationsprozesses trägt.

»Es wäre vermessen, vorhersagen zu wollen, ob man sich an diese Epoche, als die Bedürfnisse nach den Plänen von Experten geformt wurden, mit einem Lächeln oder einem Fluch erinnern wird.«

»Man wird sich daran erinnern als ans Zeitalter der Schule, wo die Menschen ein Drittel ihres Lebens trainiert wurden, nach Vorschrift Bedürfnisse zu akkumulieren.«

»Die Räuberbanden der Bedürfnismacher könnten nicht fortfahren, unsere Steuergelder und die Ressourcen von Natur und Wirtschaft für ihre Testverfahren, Kommunikationsnetze und andere technische Spielereien zu verschleudern, wenn unsere autonome Bedürfnisbefriedigung nicht paralysiert wäre.«

Der Fixpunkt dieser Kritik war noch in den letzten Arbeiten, »Das Recht auf Gemeinheit« und »Fortschrittsmythen«, die Idee der »Subsistenz": die kleinräumige Unterhaltswirtschaft in einer außerhalb des Produktionssogs liegenden Umwelt. Dieses Utopia erscheint nun in einer Beleuchtung, die Illich vermutlich Anhänger und Leser kosten wird. Indem er sich der Frauenfrage annimmt, eine getrennte Frauenwelt und Männerwelt in dies Utopia einzeichnet, legt er einen harten Brocken vor.

Die ersten Reaktionen auf die Veröffentlichung von »Gender« (deutsch »Genus") in den USA fielen weit unverblümter aus als seinerzeit in Berlin: »Zurück nach Utopia«, »irrationaler Traum«, »hochromantische und vereinfachte Vision alter Gesellschaften«, »radikaler Abschied von den bisherigen Büchern«, »er diskretitiert sich selbst«, »Angriff auf den Eckpfeiler der Geschlechtergleichheit«, »konservativ«, »naiv«, »Gender ist manchmal unsinnig, oft sentimental und immer Ausdruck der Megalomanie des Autors«, »silly«, »his arrogance appears limitless«, »trap«.

Es gibt auch eine respektvolle Besprechung des Historikers Keith Thomas und eher nachdenkliche weibliche Stimmen, allerdings nur zu seiner Gegenwartsdiagnose: »Was er beschreibt, ist real genug.«

Was ist die These? Illich macht etwas zum Thema, was jeder weiß: daß es bis ins 20. Jahrhundert auch in unserer Zivilisation eine getrennte soziale Lebensform des Mannes und der Frau gibt und daß sie sich unter dem Einfluß der ökonomisch-technischen Entwicklung rapide auflöst. Als Basis dieser Entwicklung, wie aller Entwicklung, sieht er die Ökonomie.

»Eine Industriegesellschaft kann nicht existieren ohne bestimmte Unisex-Postulate: Männer und Frauen sind für die gleiche Arbeit geschaffen, sie nehmen die gleiche Wirklichkeit wahr, und sie haben, mit geringfügigen kosmetischen Variationen, die gleichen Bedürfnisse.«

Erst wo »Arbeit« und »Arbeitskraft« abstrakt, sozusagen als physikalische Größe, aufgefaßt werden, werden das Konkurrenzspiel und der Verknappungssog in Gang gesetzt. Das Subjekt in einer industriellen Ökonomie ist notwendig ein geschlechtsloses Menschenwesen, die

Signatur des Zeitalters ist in diesem Sinn die Herrschaft von »Sexus«.

»Erbarmungslos verwandeln ökonomische Institutionen die zwei Geschlechter in etwas Neues, nämlich in ökonomische Neutra, die sich durch nichts unterscheiden als durch ihr biologisches Geschlecht, das jeder kulturellen Einbettung beraubt ist. Eine charakteristische, aber ziemlich sekundäre Ausbuchtung der Jeans ist jetzt noch alles, was die einen Arbeitnehmer von den anderen unterscheidet und privilegiert.«

Die Grenzen zwischen Mann und Frau werden aufgehoben, nicht aber die Diskriminierung der Frau. Ihre Zurücksetzung wird in der Industriegesellschaft oft erst geschaffen und immer verschärft. Das drückt sich im Bereich staatlich erfaßter Wirtschaft in der seit 1880 konstanten Lohndifferenz zwischen Mann und Frau aus (5:3). Im Bereich der »verschwiegenen« Wirtschaft aus Tausch, Bestechung und Schwarzarbeit, die in manchen Gesellschaften wichtiger ist als die legale, werden Frauen noch erkennbarer ausgebeutet.

Die Hausfrau schließlich als Partnerin des Lohnempfängers tut zunehmend eine Arbeit, die zum Unterhalt nichts Eigenes mehr beiträgt, sondern als unvermeidlicher Schatten der Warenproduktion diese Ware nutzbar macht, sie einkauft und von der Verpackung befreit: »Schattenarbeit« in der polemischen Terminologie Illichs. Die »Ver-Hausfrauung« der Dritten Welt ist gleichbedeutend mit einer zunehmenden Diskriminierung der Frau auch in diesen Ländern. »Eine ökonomische Benachteiligung der Frauen kann ohne den Verlust von Genus und ohne die soziale Konstruktion von Sexus überhaupt nicht existieren: Das ist es, was ich zeigen möchte.«

Der »Herrschaft von Sexus« geht das »Reich des Genus« voraus, das Geschlechterverhältnis in der Dorfgemeinde oder in irgendeiner sozialen Kommune vor der industriellen Warenproduktion. Im Genus sieht Illich ein fundamentales Bauprinzip nichtindustrieller Kulturen. Gegenüber der Unisex-Ökonomie ist deren Unterhaltswirtschaft bestimmt durch die Dualität von Mann und Frau. Männer und Frauen unterscheiden sich durch die verschiedene Arbeit, die sie tun, durch die Werkzeuge, die ihnen zugeordnet sind. »Genus ist in jedem Schritt, in jeder Geste, und nicht nur zwischen den Beinen.« Es führt zu verschiedenen Sprachen der Geschlechter, zur Aufteilung des Hauses.

Illich meint keineswegs, daß die polar angelegten geschlechtsspezifischen Lebensformen ihren Grund im Biologischen haben; das Biologische kann sich auswirken, aber die Genus-Spezifizierung ist sozial motiviert und variiert unendlich. Es ist eine soziale Grundregel. Der gemeinsame Nenner, unter dem er das Geschlechterverhältnis in der Unterhaltswirtschaft faßt, ist »asymmetrische Komplementarität«, »doppelsinnige Komplementarität«.

Als die erste Pointe des Essays, sozusagen die eine Seite des Prismas, durch das wir die Welt neu zu sehen haben, erscheint die Universalität dieses unterschiedlichen sozialen Schemas Frau und Mann. Es ist nicht nur ein fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte, und zwar interkulturell, es reicht rudimentär auch weit hinein in die Zivilisationswelt. Das unausgesprochene Argument: wenn »Genus« ein so universelles Faktum ist, dann ist das allein aussagekräftig und eine Provokation für das Denken.

Die zweite, schärfere Pointe des Essays ist sein angedeuteter Entwurf einer Geschichte des Geschlechterverhältnisses in Europa - sozusagen die historische Lehre in der Ursache des Genus-Schwundes. Illich unternimmt es, unter der Perspektive von »Genus« und »Sexus«, die Geschichte umzuschreiben, ansatzweise, aphoristisch. Es geht darum, die Einmaligkeit des europäischen Weges zu verstehen.

Dieser Weg muß im Mittelalter begründet sein. Er läßt ihn im 12. Jahrhundert beginnen - seine historische These ist eine Zuspitzung dessen, was Philippe Aries in der »Geschichte des Todes« und in der »Geschichte der Kindheit« beschreibt: Auch dort ist die Epoche vor dem 12. Jahrhundert eine - fast im Unbestimmten gelassene - Epoche der

positiv gesehenen Ruhe, des »gezähmten Todes« und des unauffälligen Kindes. Illich spitzt diese These zu. Er sieht in »Genus« eine Hemmschwelle der Entwicklung, ein aktives Gegenprinzip zu dem dynamischen und universalistischen Entwurf der Industriegesellschaften. Wie kam es zu ihrer Überschreitung, zu dem Sündenfall?

Die Antwort verblüfft. Eine neue Form der Ehe im 12. Jahrhundert, das herausgehobene Paar, wird zum Auslösungsfaktor Nummer eins erklärt. Illich denkt zunächst an die ökonomische Außenseite, die Basis. Das Paar als Kleinbetrieb und besteuerbare Einheit, als Produktionsgemeinschaft, entbindet eine in der Welt singuläre Produktivität und steht deshalb am Beginn der Geschichte der »Knappheit«.

Als eigentlicher Zerstörer von Genus erscheint aber im Hintergrund nicht weniger überraschend die Kirche. Sie ist verantwortlich für eine neue Innenansicht des Paares. Sie wertet es auf, indem sie die Ehe zum Sakrament erklärt, und unterwirft es sich. Sie dringt ein in Haus, Bett und Seele - ersetzt die alte »Rechtschaffenheit« durch ein von einem perfektionierten Dienstleistungsunternehmen erzeugten und geschärften Gewissen.

Indem sie erstmals Homosexualität als konstitutionelle Abweichung definiert und mit Häresie verbindet, schafft sie zugleich einen neuen Begriff des heterosexuellen Paars. Die Kirche standardisiert und homogenisiert die Geschlechter, indem sie den Zwang zur jährlichen Beichte (Laterankonzil von 1215) einführt. An die Stelle des alten Liturgen tritt der Beichtiger, der einer geschlechtslosen Seele lauscht.

Es gibt drei historische Phasen: das Zeitalter von »Genus« (bis ins 11. Jahrhundert), die Übergangsphase des »gebrochenen Genus« (12.-18. Jahrhundert), und die Herrschaft von »Sexus« (seither). Statt des geteilten Hauses und seiner Götter, der »Laren«, ist das geschlechtslose, besitzgierige Neutrum zum Subjekt der Geschichte geworden. Es beginnt ein Krieg der Geschlechter mit immer neuen Niederlagen für die Frau, dem im Zeitalter von Genus, des komplementären Angewiesenseins der Frauen und Männer aufeinander, zumindest eine Waffenruhe vorausging, wenn auch manchmal eine grausame, und eine Würde der Geschlechterdomänen.

Wer einen so kühnen Geschichtsentwurf vorlegt, hat die Beweislast. Das Buch, 128 Seiten Text und 119 Fußnoten, die sich zu Exkursen ausweiten und von einer ausschweifenden Belesenheit zeugen, ist als Ganzes ein Essay, ein Versuch, vielleicht ein Versuchsballon. Wie weit trägt er? Die Frage ist eigentlich nur von einer Akademie, von Ethnologen, Anthropologen, Soziologen, Ökonomen, Historikern, Mediävisten, Linguisten, Theologen und einigen anderen mehr zu beantworten. Was mein Spezialgebiet angeht, so ist der Blick auf den Faktor Genus anregend und ergiebig: Nicht nur in der alten mittelalterlichen Literatur, noch in der Sprache der Gegenwart springen einem die Genus-Sphären entgegen.

Aber trägt die historische Konstruktion? Inwiefern hat gerade »Genus« jene begrenzende, entwicklungsbremsende Kraft gehabt - und nicht die hierarchische Ständeordnung oder, wie Jacob Burckhardt annahm, der Zunftzwang? Die einzigartige Produktivität des europäischen Paars als Erzeuger von Überschuß - wo wird die nachweisbar?

Mir will immer noch nicht einleuchten, daß die Kirche erst im 12. Jahrhundert zum Konzept des Genus-losen, abstrakten Menschen durchgedrungen sei und nicht etwa schon in der Paulinischen Theologie, es sei denn, man mache das apostolische »mulier taceat in ecclesia«, »die Frau schweige in der Versammlung«, zum Angelpunkt. Ich habe Zweifel an dem Kausalitätsdenken des Buches, an dem Versuch, von dem konsequent weitergedachten und kraß formulierten Endziel des Zivilisationsprozesses her seine Geschichte zu schreiben und zu beurteilen, ihn in einer einlinigen Kausalitätskette aus einer Ursache, dem Genusschwund, herzuleiten.

Erliegt Illich hier einem Denkzwang, den er an sich bekämpft? Diese Suche nach einer Ursache führt aber zu enthüllenden Beschreibungen und den interessantesten

Seitenwegen. Die diagnostische Verve ist oft durchschlagend. Genus ist, unter anderem auch, eine Denkfigur, die den Zivilisationsprozeß neu und grell beleuchtet, eine Denkfigur von offenbar größerer historischer Realität als die klassenlose Gesellschaft. Illichs Daten sind oft gar nicht neu. Aber das Buch ist ein Ruck in einer stagnierten Diskussion.

Die dritte, anstößigste Seite des Prismas, durch das er die Welt neu zeigen will, ist die in dem Essay ausgesprochene vehemente Bewertung. Sie ist eigentlich ein Skandal: die Parteinahme für, so scheint es, historisch mehr als 700 Jahre zurückliegende Formen des Soziallebens. - Die Bewertung kommt allerdings eher indirekt, durch die Kritik an der Sexus-Epoche, zum Ausdruck. Ihr positiver Sinn wird kaum klar. Man könnte den Verdacht haben, es sei, von der gegenwärtigen Mobilität und Rollendiffusion ausgehend, das ferne Ideal einer Rollensicherheit gemeint, wie es verkastete Gesellschaften vermitteln. Ich lese etwas anderes heraus: Trauer über ein zerstörtes Gut, dessen aktueller Charakterisierung sich Illich verweigert.

Über die Zukunft sagt er nichts: »Ich habe keine Strategien anzubieten. Ich weigere mich, Spekulationen über mögliche Rezepte anzustellen. Ich will verhindern, daß die Schatten der Zukunft auf die Entwürfe fallen, mit denen ich zu erfassen suche, was war und was ist.« - Das ist kaum Mangel an Mut, eher Ratlosigkeit und die Hoffnung, daß sich aus einem gründlich veränderten Blick auf die Geschichte neue Impulse ergeben.

»Genus« hat die Chance, in die Blickweise auch seiner Gegner einzugehen. Ein aufrührerisches Buch, das an der Zerstörung unserer Normen arbeitet. Die Vermutung des Autors, schon hier und jetzt die letzten Schnaufer der Dinosaurier des Fortschritts zu intonieren, dürfte dagegen verfrüht sein.

Uwe Pörksen
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