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Festivals Die Maske des Dandys

Wenn Weimar im Juni sein Kunstfest eröffnet und 1999 gar zur Kulturstadt Europas wird, dann steckt hinter all dem ein Manager neuen Typs: Bernd Kauffmann will die Klassikerstadt mit internationalem Flair beglücken.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Noch liegen die Bilder auf dem Boden, die neuen Möbel sind nicht ausgepackt. Der Chef aber ist präsent und schon aus Prinzip beschäftigt.

Vor wenigen Tagen erst hat Bernd Kauffmann sein neues Weimarer Büro bezogen, großzügige Räume in einem Stadthaus an der Frauentorstraße. Eine Adresse voller Symbolik: Nach 200 Metern links findet sich Goethes Domizil am Frauenplan, 200 Meter nach rechts Hitlers Lieblingshotel, der »Elephant«, und unten, im Erdgeschoß, residiert die Deutsche Bank.

Im Vorzimmer kämpft Kauffmanns Sekretärin mit dem Computer-Drucker. Endlich spuckt das Gerät ein erstes Exemplar des neuen Briefpapiers aus. Und der Briefkopf kann sich sehen lassen: »Weimar 1999. Kulturstadt Europas GmbH. Kunstfest Weimar. Der Intendant und Generalbeauftragte«.

Das alles und noch ein bißchen mehr ist also dieser Mann. Groß, schlank und elegant, mit schulterlangem Haar und einem süffisanten Lächeln: Bernd Kauffmann, 51, kennt sehr wohl die Bedeutung seiner Ämter. Er, der Import aus Hannover, soll Weimars alljährliches Kunstfest zum überregional beachteten Ereignis machen. Vor allem aber muß er das verschlafene Nest zur Kulturstadt Europas im Jahre 1999 präparieren.

Selbstbewußt spricht der Mann von kühnen Plänen. Theater, Literatur, Kunst, Musik im Überfluß. Ob Jorge Semprún oder Jack Lang, ob Enzensberger oder Philip Glass: Ein großer Name jagt den anderen. Ja, nichts weniger als eine »besondere Identität« will er, Bernd Kauffmann, der Stadt Weimar »in dieser verrückten und orientierungslosen Welt« verschaffen.

Warum das? Hat Weimar dieses exklusive Profil nicht längst, die Stadt Goethes, Schillers und auch Nietzsches? Nein, das ist ihm nicht genug. Den Kult der Klassiker hält er für das Symptom einer Krankheit namens »Verspätungskultur« - eine der typischen Kauffmann-Wortschöpfungen, die etwa soviel bedeutet wie: Die Leute hier hängen alle ein bißchen an der Vergangenheit.

Was allein noch keine Schande wäre. Aber Kauffmann sieht sich umstellt von Verdrängungskünstlern. Wer vom großen Erbe schwärme, unterschlage allzuoft den »Terror von Buchenwald«. »Und damit«, hier läßt er keinen Zweifel, »wird sich das Kulturstadtprogramm beschäftigen, ob es manchen Leuten gefällt oder nicht.«

Plötzlich ist er da, der scharfe, harte Ton. Wer diesen Mann nach seinem Äußeren beurteilt, der unterschätzt ihn ganz bestimmt. Hinter der Maske des Dandys und Ästheten verbirgt sich ein neuer Typ, ein Kulturmanager, der von Kunst ebensoviel versteht wie von Organisation. Und der seine Interessen sehr wohl durchzusetzen weiß.

Solcherlei Beharrlichkeit hat ihre Gründe: Der Katholik absolvierte die Jesuitengymnasien in Bad Godesberg und Berlin. Dann Jurastudium und Referendariat in Hamburg, nebenher wirkte er auch noch als Regieassistent am Thalia-Theater. Schließlich arbeitete sich der Jurist vom Pressesprecher zum Abteilungsleiter im hannoverschen Kultusministerium hoch, zuletzt war er dort Generalsekretär der Stiftung Niedersachsen.

Erst die Wiedervereinigung gab dieser westdeutschen Normalkarriere eine unverhoffte Wendung. 1992 avancierte Kauffmann zum Präsidenten der Stiftung Weimarer Klassik, einer Dachorganisation für 23 Museen, Archive und Schlösser in und um Weimar. Mit unbestrittenem Erfolg reformierte der Ministeriale aus Hannover die zu DDR-Zeiten reichlich verstaubten Institute der Klassiker-Pflege.

Der Start des Wessis in Weimar war gleichwohl alles andere als leicht. Kauffmann kam erstmals im November in die thüringische Kleinstadt. »Weimar im Winter«, so erinnert er sich heute, verbreitete eine Stimmung wie beim »Tod in Venedig«. Die Stadt »war von einem fortschreitenden Verlust an Neugier geprägt, fast 60 Jahre lang, zuerst im Dritten Reich, dann in der DDR«. Dadurch sei »viel an kreativen Energien erstickt«.

Zu seinen Aufgaben zählte auch die Abwehr dubioser Überraschungsangriffe auf den guten Ruf der Weimarer Säulenheiligen. 1994 hatte ein Geschäftsmann aus Gelsenkirchen beim Deutschen Patentamt kurzerhand die alleinigen Rechte zu »Herstellung und Vertrieb von Waren aller Art« im Namen von Johann Wolfgang von Goethe angemeldet. Babywindeln, Kalender, jeder Kram wäre mit dem ehrwürdigen Namen geschmückt worden - wenn Kauffmann nicht prozessiert hätte.

Inzwischen hat der Jurist der Stiftung selbst alle Rechte an Goethes Namen gesichert - und dazu noch die von neun weiteren Weimarer Größen.

1993 schon hatte der Ministerrat in Brüssel Weimar zur Europäischen Kulturhauptstadt für das Jahr 1999 ausgerufen. Der korrekte Titel lautet allerdings bescheidener »Kulturstadt Europas«. Gleich nach der Wahl aber erhob sich in der Stadt Katzenjammer. Weimar ist pleite und kann den Kulturstadt-Rummel überhaupt nicht bezahlen.

Um sich die Blamage einer Absage in Brüssel zu ersparen, haben schließlich der Bund und das Land Thüringen alle Kosten übernommen. Allein das Programm wird 48 Millionen Mark verschlingen, dazu kommen noch etwa 380 Millionen für neue Museen, Konzerthallen, aber auch Straßen, Plätze und andere Bauten.

Kauffmann wurde von Anfang an als Kandidat für den Chefposten des Weimar-99-Managements gehandelt. Nach langen Querelen entschied sich endlich der Verwaltungsrat der eigens gegründeten »Kulturstadt Europas GmbH": Kauffmann durfte am 1. April dieses Jahres antreten. Sein Amt als Präsident der Stiftung Weimarer Klassik ruht seitdem. Einen weiteren Job, den Vorsitz im Kulturrat der Expo 2000 in Hannover, konnte sich der umtriebige Organisator allerdings nicht verkneifen.

Das hat ihm nun den Vorwurf von Günther Beelitz eingebrockt, er mißbrauche Weimar ''99 nur als »Durchlauferhitzer« für das Expo-Programm. Auf Beelitz, den Intendanten des Weimarer Nationaltheaters, ist Kauffmann entsprechend schlecht zu sprechen: »Unfug«, kommentiert der Manager schroff, den Job in Hannover betreibe er nur ehrenamtlich und außerdem: »Die Expo hat mit der Kulturstadt soviel zu tun wie der Transrapid mit Goethe.«

Also: Wieviel hat Weimar 1999 mit Goethe zu tun? Natürlich will Kauffmann ein großes Faust-Projekt auf die Bühne bringen, ein neues Goethe-Museum wird gebaut. Das sind Pflichten, das erwartet man von ihm. Umstritten ist dagegen die Kür, etwa seine Idee, Goethes Gartenhaus 50 Meter neben dem Original noch mal aufzubauen.

Wer den Sinn dieser Attrappe bezweifelt, wird mit Argumenten förmlich füsiliert. Kaskaden von Fremdwörtern müssen nun helfen. Kauffmann empört sich über die »mediale Banalisierung der Kunst«, er verweist auf Walter Benjamin und den »Verlust der Aura« und hofft doch auf den »melancholischen Rest der Authentizität« - eine ganze Menge Wortgeklingel also für eine ziemlich schlichte Idee.

Von ähnlicher Natur sind seine Pläne für Veranstaltungen unter dem Leitmotiv Titanic. »Weimar ist ein Titanensturz, wie die Titanic, irgendwo versunken«, erklärt er dem staunenden Gast, dem die Stadt eben noch ganz real erschien, als gewaltige Baustelle sogar, mit viel frischer Farbe und Beton.

Und falls Kauffmann den Geist des klassischen Weimar meinen sollte: Auch der macht einen recht lebendigen Eindruck. Ganze Hundertschaften von Studienräten flanieren hier täglich voller Ehrfurcht an den diversen Goethe-, Schiller- und Nietzsche-Häusern vorbei.

Mit seinem prätentiösen Gehabe macht sich Kauffmann die Aufgabe unnötig schwer. In Weimar wird er nur trotz und nicht wegen seiner skurrilen Ideen respektiert. Und wenn denn mal jemand Kritik übt, so wie kürzlich der Sozialdemokrat Edelbert Richter, dann reagiert der Kritisierte darauf wie auf eine Majestätsbeleidigung.

Kauffmann holt einen Brief des Weimarer Bundestagsabgeordneten aus der Schublade, in dem dieser ihm in höflichen Worten erklärt, daß er in all dem, was bislang über das Kulturstadt-Programm bekanntgeworden sei, allzuwenig von der realen, nämlich tristen sozialen Lage der Stadt erkennen könne. Womöglich, so Richter, solle der »schöne Schein« davon sogar ablenken.

Kauffmann kann diesen Vorwurf nun gar nicht begreifen - aber nicht etwa, weil seine Pläne den Sozialdemokraten Lügen strafen würden. Im Gegenteil: Der Kulturmanager hält schon den Gedanken selbst für frevelhaft: Richter wolle der Kunst offenbar eine »Sozialabgabepflicht« verordnen. Wie gräßlich.

Der Herr Generalbeauftragte muß sich schon mehr als genug mit provinziellen Kleingeistern herumplagen. In einem Exposé für das Jahr ''99 findet sich etwa eine »Sommerwerkstatt« zum schönen Thema »Wir bauen Bienenwohnungen aus der ganzen Welt«. Kauffmann weiß genau, daß außerhalb Weimars höhnisches Gelächter über solche Aktivitäten erklingen wird. Allein: Das städtische Bienenmuseum sei nun mal äußerst beliebt. »Der Honig«, und plötzlich liegt ein wenig Resignation in seiner Stimme, »wird der Kunst und Kultur nicht schaden.«

Selbstverständlich würde Kauffmann lieber eine internationale Attraktion nach der anderen nach Weimar holen. Im Kuratorium der Kulturstadt GmbH sitzt denn auch nicht ein einziger Bürger der Stadt, dafür Prominenz aus aller Herren Länder. Aber er darf den Bogen nicht überspannen: »Ich kriege hier schon häufig genug Schläge in den Rücken.«

Kauffmann schaut auf die Uhr, die Audienz ist beendet. Letzte Entscheidungen sind jetzt gefragt für das im Juni anlaufende Kunstfest. Kauffmann gewann niemand Geringeren als Hans Magnus Enzensberger für den Höhepunkt des Programms. Der Münchner Dichter hat ihm ein kleines Stück geschrieben; das allerdings trägt den listigen Titel »Nieder mit Goethe!«

Martin Doerry

* Aktion der Pariser Companie Pesce Crudo vor dem Nationaltheater.

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