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Die Masse stand dazwischen

aus DER SPIEGEL 32/1996

»Opposition bei uns hieße«, lehrte die Partei, »die Einheit der nationalen Kräfte zerschlagen und dem Verderb freien Lauf lassen.« Doch was die Herrschenden kriminalisierten und mit Sanktionen bedrohten, gab es in der DDR von Anfang an.

Widerstand im klassischen Sinne, notfalls gewaltsamer Umsturz, stand allerdings zu keiner Zeit auf der Tagesordnung, der Massenprotest vom 17. Juni 1953 bildete bis zum nahenden Zusammenbruch des SED-Regimes die Ausnahme. »Widerständiges Verhalten« dagegen war alltäglich.

19 Autoren, Politikwissenschaftler, Historiker und einstige DDR-Oppositionelle, beschreiben in ihrer Studie die vielfältigen Formen gesellschaftlicher Verweigerung - vom politischen Nonkonformismus bis zum kaum verhüllten Protest. Oft artikulierten sich Ablehnung und Abscheu nach dem Motto: »Etwas Legales tun und dabei doch opponieren« - etwa in abertausend »Eingaben« gegen schlechte Wohnungen oder zu niedrige Renten.

Wer nicht der Partei beitrat, zeigte schon Distanz zum System, und wer gar einen Ausreiseantrag stellte, brach »konsequent und öffentlich« mit dem real existierenden Sozialismus.

Alltägliches Opponieren bündelte sich schließlich in den Massenkundgebungen auf den Straßen der untergehenden DDR. Gleichwohl lautet das Fazit des Berliner Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk: »Wie jede andere Gesellschaft ... war auch die DDR-Gesellschaft durch Aktionisten im Sinne des Systems wie durch wenige Aktionisten gegen das Regime gekennzeichnet. Die Masse der Bevölkerung stand dazwischen.«

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