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LITERATUR Die Millionen-Reise

aus DER SPIEGEL 51/2009

Der Deal stammt noch aus den glücklichen Monaten vor der großen Finanzkrise. Eine Million Dollar erhielt der amerikanische Schriftsteller Reif Larsen, 29, für sein Manuskript »Die Karte meiner Träume«. Auch wenn das Buch in 30 Ländern erscheinen soll, ist das eine Menge Geld für einen experimentellen Debütroman, der von einem frühreifen Zwölfjährigen handelt, der Karten und Diagramme zeichnet und von zu Hause wegläuft, um einen Wissenschaftler zu treffen. Der Junge soll einen Forschungspreis bekommen und begibt sich deshalb auf seine Reise, die ihn von der Farm seiner Eltern in Montana in die Hauptstadt Washington führt. Nicht gerade das Material, aus dem Bestseller entstehen.

Tatsächlich lebt dieser Roman aber auch nicht so sehr davon, was erzählt wird. Wichtiger ist, wie es erzählt wird. Ganz ähnlich wie zuvor Mark Danielewski oder Marisha Pessl versucht Larsen, die Möglichkeiten des Romans zu erweitern, indem er die moderne Drucktechnik zu Hilfe ruft. Das Werk ist voller typografischer Spielereien. Und auf fast jeder Seite finden sich kleine Bilder, Landkarten, Skizzen, schematische Zeichnungen. Die Reiseroute wird über mehrere Seiten neben dem Text nachgezeichnet, imaginäre Lexikoneinträge und Häusergrundrisse ergänzen die Geschichte.

Larsen entwirft nicht nur eine Welt für seinen Protagonisten - er lässt ihn diese immer wieder aufs Neue kartografieren. Das ist so aufregend wie bezaubernd und überdeckt souverän die Schwächen, die das Buch auch hat. Denn so ganz weiß Larsen nicht, wohin er eigentlich will mit diesem neurotischen Junggenie, das, anstatt seiner Schwester beim Putzen von Maiskolben zu helfen, lieber Diagramme ihrer Bewegungen erstellt. »Die Karte meiner Träume« ist genauso Familien- wie Verschwörungsgeschichte, Entwicklungsroman wie Fallstudie.

Reif Larsen: »Die Karte meiner Träume«. Aus dem amerikanischen Englisch von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 452 Seiten; 22,95 Euro.

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