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RECHTSCHREIBUNG »Die Minister ließen sich leimen«

aus DER SPIEGEL 39/1998

Christian Meier, 69, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und Professor in München, über die Belastungen für den Öffentlichen Dienst durch die Rechtschreibreform

SPIEGEL: Herr Professor Meier, als leidenschaftlicher Gegner der Rechtschreibreform bekämpfen Sie nun die Neuerung auch noch als Verschwendung und deutsches Erbübel. Wieso?

Meier: Anscheinend findet bislang keiner etwas dabei, daß von der Sekretärin bis zum Staatssekretär alle Beamten und Angestellten durch die Innenminister dazu verpflichtet werden sollen - es in einigen Ländern sogar schon sind - , sich auf die Schulbank zu setzen und den einstweilig gültigen Unsinn auch noch zu lernen. Eine unglaubliche Anmaßung.

SPIEGEL: Pennäler und Lehrer müssen das doch auch.

Meier: In der Schule ist man es seit mehr als 30 Jahren gewohnt, zu allen möglichen Experimenten verdonnert zu werden. Aber die anderen Staatsdiener, Bundeswehr, Finanzverwaltung, Außenamt, Justiz und was auch immer, sollten doch eigentlich genug mit den Aufgaben zu tun haben, für die sie bezahlt werden.

SPIEGEL: Nach österreichischen Erfahrungen braucht die Umschulung gerade mal 20 Stunden.

Meier: Selbst wenn es nur 15 sind, ist das eine Groteske. Ich frage mich: Warum wurde kein Aufschrei laut? Sind wir noch immer oder schon wieder so untertänig, daß unsere Ämter und Gerichte sich dergleichen verordnen lassen?

SPIEGEL: Hatten Sie den deutschen Bückling tot geglaubt?

Meier: Ich hatte ihn tot gehofft. Rechtschreibung ist nicht weltbewegend. Aber als Indiz sind die Vorgänge um diese sogenannte Reform aufschlußreich, für den Hang zum vorauseilenden Gehorsam, von dem man in Deutschland offenbar immer noch nicht genug hat, auch für den Umgang der Regierenden mit Schriftstellern und mit einer ganzen, zuständigen Wissenschaft, deren kompetenteste Vertreter allesamt gegen die Reform sind.

SPIEGEL: Empfehlen Sie den nunmehr Betroffenen den passiven Widerstand?

Meier: Schön wär's. Und möglich müßte es sein in einer Sache, von der die Vorgesetzten der Beamten in aller Regel nichts verstehen. Selbst die Kultusminister und, ihnen folgend, das Bundesverfassungsgericht haben sich ja in mancher Hinsicht leimen lassen. Die Sache selbst ist widerständig. Die Feder sträubt sich.

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