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MONTHERLANT Die moralische Stütze

aus DER SPIEGEL 21/1959

Der etwas schäbige Kleinbürgersalon, den das Premierenpublikum im Stadttheater Aachen als erstes Szenenbild sah, ließ nicht sogleich vermuten, daß die eigentliche Handlung in Henry de Montherlants Bühnenstück an einem anderen Ort spielt, nämlich - nach Meinung des Autors - in »einem keltischen Zauberwald«.

Dem 63jährigen Dichter Montherlant geht es in seinem Schauspiel »Brocéliande« - die wörtliche und sinngemäß richtige Übersetzung aus dem Französischen müßte »Der Wald von Brocéliande« heißen - um den poetischen Nachweis, daß Kleinbürger ihren tristen Alltag nur ertragen, weil sie gleichzeitig in Phantasmagorien leben. Ähnlich wie der im Herbst 1953 verstorbene walisische Dichter Dylan Thomas in seinem Hörspiel »Unter dem Milchwald« verwendet auch Montherlant den Begriff Wald als Symbol für eine Art Dickicht - als Symbol für die Verwirrung von Intellekt und Gefühlen.

Das Trugbild, in das der Hauptheld in Montherlants Schauspiel, der kleinbürgerliche Monsieur Persilès, flüchtet, beruht auf dem Wahn vom königlichen Blut in seinen Adern. Neunundfünfzig Jahre lang, davon dreißig an der Seite seiner gemütlich strikkenden, im Ernstfall jedoch sehr resoluten Frau, konnte Persilès nur mit Mühe seiner Minderwertigkeitskomplexe Herr werden. Kläglich gesteht er: »Immer schweigen und immer zittern, das ist mein Schicksal.«

Aus seiner dumpfen Privatatmosphäre erhebt sich Persilès, als ein - ihm fremder - Adliger namens Edgar Bonnet de la

Bonnetiere brieflich mitteilt, daß er ihn zu sprechen wünsche. Persilès gerät in Aufregung schon bei der bloßen Vorstellung, daß ein Fremder, dazu einer mit so wohlklingendem Namen, ihn besuchen wird: Er kleidet sich sorgfältig an und zittert der von Bonnet de la Bonnetiere festgesetzten Stunde entgegen.

Der »Zauberwald« des adligen Gastes ist die Ahnenforschung, die er nicht ohne Ironie betreibt. Sein Urteil: »Sie wird zum Triumph der Hochstapelei, weil sie einem profunden Bedürfnis der menschlichen Natur entspricht ... Gendarm und Kammerdiener werden plötzlich große Herren, allerorten schießt das vornehme 'von' aus der Erde.« Persilès vergißt diesen Einwand, als sein Besucher ihm sagt, er, Bürger Persilès, stamme in direkter Linie von Ludwig dem Heiligen ab, der im 13. Jahrhundert regierte.

Nach dieser Entdeckung und erst recht. nachdem der Stammbaum lückenlos zusammengestellt ist, hat Persilès, der zuvor den Adel als »nicht normal« verachtete, zum erstenmal etwas, was einem Selbstvertrauen ähnlich sieht: Der Kleinbürger, der jahrzehntelang treu seinen Dienst als Bürochef im Ministerium für Öffentliche Denkmäler und Ruinen versehen hat, wähnt, er zähle zu den Privilegierten. Begütigend warnt Madame Persilès ihren Gatten: »Dein Drama ist, aus allem ein Drama zu machen.«

Dieses Drama führt Autor Montherlant, der kurz nach dem Ersten Weltkrieg (freilich nicht lange) eine ähnliche Stellung innehatte wie sein Hauptheld Persilès -Montherlant war Generalsekretär der Gedenkstätte von Douaumont -, mit Hilfe von bis ins Idiotische übersteigerten Dialogen seinem Höhepunkt zu: Immer wieder entfernen sich Bonnet de la Bonnetière und Persilès in ihrem Adelsrausch von der Wirklichkeit. Der Besucher empört sich zum Beispiel über die Frage, ob er eine in Frankreich hochgeschätzte Auszeichnung trage: »Das Band der Ehrenlegion? Oh, pfui, Monsieur, wofür halten Sie mich?«

Persilès, den Montherlant voller Verachtung als einen Menschen zeichnet, der stets »eine moralische Stütze« nötig habe wie alle »schwächlichen Charaktere und Frauen«, läßt es sich im Zauberwald seines Wahns für eine Weile wohl sein. Wahrscheinlich hätte er vom Leben nie mehr verlangt als dieses entlegene Glück - aber gerade das gönnt der Dramatiker ihm nicht: Zu glauben, daß Halbheit und Unentschlossenheit lebensfähig seien, widerspräche den Maximen Montherlants.

Er verwendet Bonnet de la Bonnetiere, der trotz seines Adelsrausches einer feinen Ironie fähig ist, um Persilès an seinem Wahn verzweifeln zu lassen. Der Besucher spottet zum Beispiel: »Das Brocéliande (der Zauberwald) des Adels wird niemals untergehen, denn es wird immer noch Menschen geben, die ihren Adel nachzuweisen versuchen, auch wenn der ganze Adel an die Wand gestellt werden sollte.«

Der strickenden Frau Persilès vertraut er ein Geheimnis an, das er dem Gatten wohlweislich verschweigt: Mit der legitimen Abstammung von Ludwig dem Heiligen habe es zwar seine Richtigkeit, verrät Bonnet de la Bonnetière, Monsieur Persilès sei aber nicht der einzige Nachfahre des berühmten Königs, sondern einer von ungefähr fünfzehntausend,

wenn man die unübersehbare Zahl der illegitimen Nachkommen nicht mitrechne.

Mehrere Wochen lang bewahrt Madame Persilès das Geheimnis. Dann aber wird ihr der von Bonnetière eingeimpfte Hochmut ihres Gatten unerträglich. Während eines Streits schleudert sie ihm die Wahrheit ins Gesicht; Persilès fällt in die banale Welt seines Angestelltendaseins zurück und bringt, nachdem er für kurze Zeit vom Glück gekostet hat, nicht mehr die Kraft auf, weiterzuleben. Der Nachfahre des Heiligen Ludwig taumelt ins Nebenzimmer und erschießt sich.

Henry de Montherlant sieht die dramatischen Gestalten seines neuen Schauspiels als stellvertretend für die

nach seiner Meinung - ratlosen französischen Politiker von heute an: Statt eine klare Konzeption zu entwerfen, erlaubten sie sich fortwährend geistige Rückgriffe in die Vergangenheit. Das Ergebnis solcher Politik, nach Montherlant: »Das Frankreich von heute ist eine Nation, die sich an der Nase herumführen läßt.«

Als Ausweg aus diesem persönlichen und politischen Dilemma empfiehlt der Dichter, unbedingt aggressiv zu sein und sich bequeme Phantasmagorien aus dem Kopf zu schlagen. Den Gestalten seines Schauspiels »Brocéliande«, so heißt es im Stück, könne man beikommen, indem man ihnen die Augen öffne. Denn: »Bildung schadet dem Renommee des Adels« - resümiert Montherlant.

Dramatiker Montherlant: Das vornehme »von« ...

... schielt aus der Erde: Szenenbild* aus »Brocéliande«

* Tilla Hohmann, Günter Arnswald als Ehepaar Persilès.

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