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Krimis Die Morde des Superhirns

aus DER SPIEGEL 32/1996

So einen lieben sie in Hollywood: Einen Bestseller-Autor aus dem Bilderbuch, der mit seiner Frau und den beiden Söhnen ganz komfortabel in einem Haus mit Garten in Wimbledon lebt, der mehr als nur halbwegs gut aussieht und ein charmanter Erzähler ist. Bewundern müßte man ihn allein der Bilder wegen, die überall an den Wänden hängen, Diego Rivera, Picasso, Matisse.

Der britische Schriftsteller Philip Kerr, 40, in Schottland geboren, Autor von sechs Spannungsromanen, hat für die Filmrechte an seinem letzten Buch, »Gridiron«, das gerade unter dem Titel »Game over« auf deutsch erschienen ist, eine Million Dollar bekommen*. Bekanntlich verdirbt Geld den Charakter; das ist der Trost der Armen. Aber wo steht geschrieben, daß Schriftsteller das Geld verachten müssen? Die es nicht tun, das sind eben Bestseller-Autoren.

Und weil Kerrs Bücher weltweit eine Millionenauflage erreicht haben, weil sein neues Buch auf allen Bestseller-Listen stand und überdies ein Techno-Thriller ist, über moderne Architektur und ein intelligentes computergesteuertes Gebäude, genügte das der Presse, ihn als »Englands Antwort auf Michael Crichton« zu feiern. Nur schreibt er besser als Crichton.

Wenn er in »Game over« mit den Ängsten und Ressentiments der High-Tech-Gesellschaft spielt, will er dabei vor allem seinen Spaß haben und ihn auch denen gönnen, die sich von literarischen Vergnügungsparks eher fernhalten.

Er ist ein literarischer Streuner, kann Chandler perfekt imitieren und parodieren, Wittgenstein zitieren und sich in seinen Büchern mühelos durch das Berlin der Nazi-Zeit, durch St. Petersburg und die Intrigen der Russen-Mafia ("Gesetze der Gier"), durch ein futuristisches London und die Denkwindungen eines intelligenten Serienmörders und nun eben durch Los Angeles und Architekturvisionen bewegen. »Früher«, sagt Kerr, »hat man mir immer gepredigt, schreib nur über das, was du kennst. Was für ein Blödsinn. War Shakespeare je im alten Ägypten oder auch nur in Schottland?«

Kritiker werfen ihm vor, er spekuliere mit »Game over« auf Hollywood. Aber das ist die Geschichte von der Henne und dem Ei: Natürlich habe er an Katastrophenfilme gedacht und an Bruce Willis. »Die Dichter des 17. Jahrhunderts bezogen ihre Inspiration aus der Antike, ihre Heroen stammten aus dem klassischen Griechenland, aus Rom«, sagt Kerr, »heute kommen sie aus Hollywood.«

Und dann stammen sie immer noch aus der Antike. In »Game over« verselbständigt sich ein Wolkenkratzer, beziehungsweise der mit Sensoren ausgestattete Zentralcomputer dieses Wunderwerks der Architektur, und übt Rache an seinen Schöpfern, dem Stararchitekten oder »Architechnologen« Ray Richardson nebst seinen Angestellten und den gewöhnlichen unschuldig Beteiligten. Wie von diesen so einer nach dem anderen zu Tode kommt, auf mitunter groteske Weise, das erinnert auch an die Spukschlösser früherer Zeiten und an Agatha Christies »Zehn kleine Negerlein« und den Kinderreim.

Man müsse eben, sagt Kerr, die alten Mythen »ein wenig vereinfachen, popularisieren, sogar wenn man bloß aus der Bibel zitiert«. Abraham haben seine Erfinder den Computer genannt, der nicht nur alle Bewegungen in der Kathedrale aus Stahl und Glas überwacht, sogar die intimsten, sondern in der Lage ist, die nächste, verbesserte Version seiner selbst zu entwickeln. Doch weil er dabei ein wenig voreilig war, muß Isaak, der eigentliche legitime Nachfolger, vom Netz - und statt des alten Abraham übernimmt ein mörderischer Bastard die Macht im Hochhaus. An der Genese dieses Ismael, so hieß in der Bibel Abrahams Sohn mit der Sklavin Hagar, ist allerdings durch eine Art Kurzschluß das Computerspiel »Flucht aus der Zitadelle« beteiligt.

Die ersten beiden Toten werden gleich nach dem Richtfest gefunden, die nächsten erwischt es bei der Begehung des Hauses, und keine Flucht, nirgendwohin, ist möglich, der Computer hat das Gebäude hermetisch abgeriegelt - da waren''s nur noch fünf.

Wer glaubt, Kerr bediene alle Vorurteile gegen Architektur und Technik und erhebe sich in alttestamentarischem Zorn oder auch nur wie der Prince of Wales gegen unsere jüngsten Errungenschaften, der wird dies Hochspannungs-Werk verschlingen. Dabei wurde der Autor, zu Beginn »ein Philister, eben einer wie Prince Charles«, während der Recherche zu einem Fan moderner Architektur, und »technophob« war er nie. Man kann »Game over« auch als Satire lesen.

Der mörderische Computer spricht darin wie Alec Guinness, und das Empfangshologramm - »eine wirkliche Empfangsdame könnte ja entführt werden« - gleicht der Moderatorin im Frühstücksfernsehen. »In japanischen Firmen«, sagt Kerr, »gibt es schon Krankenschwestern-Hologramme. Das wirkt sehr beruhigend auf die Angestellten.«

Die »Humanoiden« in »Game over«, die Architektengruppe, erscheinen dagegen wie Comic-Figuren, allein die Namen, mit den Alliterationen, deuten daraufhin, Kay Killen, Bob Beech oder Ray Richardson. Und beinahe funktioniert das Buch wie ein Computerspiel: Superhirn gegen Baumeister Überheblich.

Die großbusige Meisterschwimmerin erstickt im Pool, eine Chlorgasvergiftung, drei erfrieren im Aufzug, ein anderer hatte in der Toilette ertrinken sollen, wäre er diesem Schicksal nicht durch Selbstmord zuvorgekommen. Die fetthüftige Architektengattin hängt an einer Liane (des obligatorischen Baums im Bau), als sie von Käfern befallen wird: »Dann kroch etwas unter das Gummiband ihres Höschens in die Ritze ihres üppigen Hinterns und fing an, sich in ihr Gesäß zu bohren. Sie zitterte vor Ekel und versuchte, sich zu kratzen.«

»Der Tod kann unheimlich komisch sein. Das ist ja auch eine von Quentin Tarantinos Obsessionen, und vielleicht bin ich ein morbider Typ.« Kerrs Vater starb mit 48, er war damals 21. »Man hat Schule und Ausbildung hinter sich und könnte sich nun entscheiden, wie man leben will, leben soll, und dann denkt man nur an die eigene Sterblichkeit.« Oder man versucht, von den ungezählten Möglichkeiten wenigstens in der Phantasie diese alle zu leben. Oder wenigstens die unerfüllten Wünsche der Eltern zu leben.

Sein Vater war Anwalt gewesen, er selbst studierte Jura, deutsches Recht. Und weil er schon immer Bücher hatte schreiben wollen, schien ihm eine akademische Karriere ganz geeignet. Doch es wurden ihm nur Jobs in Afrika angeboten, »und was die Welt am wenigsten brauchte, war noch ein Afrika-Roman«.

Also ging er in die Werbung. Gegenüber der Agentur war die London Library, »und weil Werbeleute Vier-Stunden-Lunchs haben«, konnte er in dieser Zeit schreiben. Und dann hat er genau überlegt, womit man reüssieren könne: Ein Krimi sollte es sein, das war die »Hintertür zur Literatur«, und ein Krimi, der in Nazi-Deutschland spielte, »March Violets«, »Feuer in Berlin«, der Held darin, Bernie Gunther, ein Privatdetektiv, der die Nazis haßt, aber gelegentlich für sie arbeiten muß. »Eine Art Philip Marlowe. Der Spaß dabei war, so zu schreiben, als habe Chandler in Berlin gelebt.«

Kerr schrieb noch zwei weitere Gunther-Krimis, Stilexperimente, ein wenig fragwürdig. »Aber ich wollte in allen Büchern eine neue Welt erforschen, um etwas darin über mich zu entdecken, vielleicht auch eine Art Exorzismus zu betreiben.« Dennoch ähneln sich die Szenarien: »Das Wittgenstein-Programm« spielt 2013 im von der EU überwachten London. Eine apokalyptische Stadt, wo ein Serienmörder sich ins Computernetz gehackt hat, in das »Lombroso-Programm«, nach dem italienischen Schädelvermesser benannt, der schon im 19. Jahrhundert behauptete, an gewissen physischen Abweichungen potentielle Gewalttäter zu erkennen.

Die in diesem Programm Registrierten tragen Tarnnamen, Charles Dickens, Bertrand Russell; der sie umbringt, jedesmal mit sechs Schüssen in den Kopf, wird Wittgenstein genannt. Seine Droge ist die Vernunft: »Ich töte, weil es keinen logischen Grund gibt, nicht zu töten.« Ein intellektuelles Spiel, sehr ironisch und fast ebenso vertrackt wie der »Tractatus« des österreichischen Neopositivisten; und vielleicht Kerrs bestes Buch.

»Vielleicht bin ich vom Tod besessen«, sagt er. »Man muß sich selber immer neu erfinden, vielleicht ist das banal, aber vielleicht ist das auch eine Familienkrankheit.« Sein Großvater hatte stets behauptet, ein Nachkomme von Deacon Brodie zu sein, der ein berühmter Dieb gegen Ende des 18. Jahrhunderts war, tags ein geachteter Bürger, ein Kunsttischler in Edinburgh, und nachts ein Einbrecher. Dieser Deacon Brodie soll Robert Louis Stevenson zu »Dr. Jekyll and Mr. Hyde« inspiriert haben: »Das Buch ist ja eigentlich eine Metapher für den Schriftsteller, der tags einem ordentlichen, respektablen Beruf nachgeht und nachts, über seinem Manuskript, alles sein kann, Hyde ist oder Superman.«

Daß er vorhatte, sich eine zweite Identität als Autor zu erfinden, unter Pseudonym zu schreiben, liegt an seiner Produktivität. Er könnte leicht zwei oder drei Bücher im Jahr schreiben, »aber weil die Verleger träge sind«, muß er sich an die Regel halten, eins pro Jahr. Die Idee zu dem ursprünglich unter Pseudonym geplanten Buch aber hat er an Tom Cruise verkauft, eine Geschichte über Luxusjachten; und dies wird ihm den nächsten Hollywood-Vertrag verschaffen: »Wer dort einmal ein Buch verkauft hat ... aber die meisten Autoren sind ja viel zu faul, sitzen rum und warten auf eine Inspiration.«

John Updike hat einmal gesagt, Schriftsteller müßten Sprechstunden haben wie Ärzte. Das zitiert er gern, daran hält er sich, hat einen Stundenplan. Und ein Notizbuch immer dabei: »Schriftsteller sind Diebe, sie stehlen Dialoge, sie stehlen Gesichter.«

Die Bilder im Salon hat er alle selbst gemalt, den Diego Rivera, den Picasso, den Matisse.

* Philip Kerr: »Game over«. Aus dem Englischen von PeterWeber-Schäfer. Wunderlich Verlag, Reinbek; 496 Seiten; 42 Mark.

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