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BELLETRISTIK Die neue Heftigkeit

Tragische Glückskinder, mordende Mütter und Ehemänner, Säufer, Sexbesessene - die Erzähler greifen, so entschieden wie lange nicht, nach möglichst bizarren Lebensläufen.
Von Mathias Schreiber
aus DER SPIEGEL 41/2002

Verliebter, dicker Troll

Karen Duve erzählt kraftvoll und drastisch aus dem Alltag der Sehnsucht. -------------------------------------------------------------------

Widerspruch tut weh und gut: Da schreibt Karen Duve, 40, einen hinreißenden Liebesschmerz-Roman, haut ihm aber - nach einem Song der Band PIL - den Titel »Dies ist kein Liebeslied« ins weinende Gesicht. Damit der Leser die Tränen leichter erträgt?

In ihrem neuen Buch, nach dem erfolgreichen »Regenroman« und dem Geschichtenband »Keine Ahnung« (beide 1999), erzählt Duve, die bei Brunsbüttel lebt, die Leidensgeschichte eines Mädchens namens Anne. »Eines Tages«, im Juni 1996, beschließt Anne, das diffuse, verkorkste Leben um sie herum zu ihrem eigenen zu machen und kauft sich ein Flugticket nach London, »wie sich andere Leute einen Strick kaufen«. In London lebt Peter Hemstedt, in den sich Anne vor Jahren, da war sie gerade 18, glücklos verliebt hatte. Von dem Wiedersehen erwartet sie entweder ein Wunder oder das Ende aller Träume.

Bevor der Leser erfährt, wie der Fall ausgeht, teilt ihm die Ich-Erzählerin mit, wer sie ist, das heißt vor allem: wer sie nicht ist, aber stets hat sein wollen; und wie es dazu kam, dass - zum Beispiel - die jungen Männer immer nicht konnten, wenn sie es wollte, und dass plötzlich, als sie konnten, sie selbst nicht mehr wollte und von den entsprechenden Herren als »Schwanzfopperin« beschimpft wurde.

Anne kämpft mit ihren kleinbürgerlichen Eltern, die den Familienhund Benno einschläfern lassen, um besser verreisen zu können. Sie kämpft mit ihrem Bruder, dem »Finanz-Makler-Arsch«, mit Freundinnen, die das Leben so viel leichter nehmen als sie, mit allen möglichen Jobs - etwa in einer Kleinfabrik für aufrollbare Hundeleinen, in einer Schnellreinigung oder als Taxifahrerin, die bei ihren Nachtfahrten auch schon mal »das Zurücksinken in Einsamkeit, Stille und Dunkelheit« genießt.

Vor allem aber kämpft sie mit ihren Pfunden. Anne fühlt sich wie ein fetter, hässlicher »Troll« mit Mordsgesäß und viel zu dicken Oberschenkeln, sie frisst und hungert, kotzt und frisst - und redet sich ein, wenn sie erst schlank wäre, »würde mein richtiges Leben beginnen«.

Da bleibt es nicht aus, dass sie in einer psychotherapeutischen »Irrenfarm« in der Lüneburger Heide landet. Die Gruppengesprächstherapie dort gipfelt in der Frage: »Bist du sicher, daß es nicht irgend etwas gibt, was du ansprechen möchtest?« Anne flieht vor dem Psychogelaber zu einer »Sadistenfete« mit Folterangeboten, in eine düstere Villa; dann in die freie Natur, wo sie vergebens versucht, sich mit einem Feldstein totzuschlagen. »Es tat so weh, daß mir sofort klar wurde, daß ich heute nicht mehr sterben würde.«

All dies rekapituliert Anne auf der Reise nach London. Sie trifft dort den schlanken, erfolgreichen Jugendfreund Peter tatsächlich und leibhaftig, sie darf sogar in seiner Designerwohnung übernachten - aber er muss erst noch rasch jenes legendäre EM-Halbfinale Deutschland gegen England ansehen, das die Deutschen durch Elfmeterschießen gewinnen.

Das andere Finale sei hier nicht verraten. Es wird erzählt wie das Übrige auch: im Flug, mit Tempo und kraftvollem Rhythmus. Die Liebesgeschichte ist eingebettet in ein Gesellschaftsporträt, das vieles aus Karen Duves Biografie - sie ist selbst 13 Jahre lang Taxi gefahren - verarbeitet. Die sarkastisch genaue Prosa meistert das Sehnsuchtsthema der großen Liebe souverän und ohne Kitsch - auch wo es vom »stampfenden Indianerrhythmus« irgendeiner Pop-Melodei begleitet wird. MATHIAS SCHREIBER

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