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KLASSIK Die Operndämmerung

Die Metropolitan Opera in New York, 125 Jahre alt, gilt als erste Musikbühne der Welt, so mutig wie kreativ und größenwahnsinnig. Weil nun auch die Met sparen muss, öffnet Generaldirektor Peter Gelb sein Haus neuen Geschäftsideen. Verrät und ruiniert er die Kunst? Von Klaus Brinkbäumer
aus DER SPIEGEL 11/2009

Es war ein Moment wie früher, als alles noch groß war, die Oper und die Gagen, die Met und ihre Stars, auch New York. 15 Uhr war es, ein Dienstag, unten bauten sie gerade die Bühne zusammen für Verdis »Il Trovatore«, Scheiterhaufen und Burg, und oben, in einem engen Zimmer auf roter Couch, saß Stephanie Blythe vor Fotos einstiger Premieren und hörte von der Million. Peter Clark kam herein, der Pressechef des Hauses, und fragte: »Weißt du es schon?«

»Was denn?«, fragte Blythe.

»Der Nilsson-Preis?«

»Ja bitte?«, fragte Blythe.

»Plácido bekommt ihn«, sagte Clark. Und Stephanie Blythe begann zu lachen, es war ein Bühnenlachen, ganz hell, es dauerte lange, bis sie aufhören konnte. Dann sagte sie: »Plácido? Er hat das Geld natürlich sehr, sehr nötig. Aber ... ach, na ja, ich liebe Plácido Domingo. Er verdient jeden Preis der Welt, im Ernst, ich hoffe nur, er führt jemanden zum Essen aus. Inklusive Dessert.« Dann lachte sie wieder.

Birgit Nilsson, die schwedische Sopranistin, ist vor drei Jahren gestorben, in ihrem Testament hatte sie den Nilsson-Preis ausgeschrieben, eine Million Dollar für herausragende musikalische Leistungen. Den ersten Preisträger hatte Nilsson vor ihrem Tod noch selbst benannt: Domingo. Es gibt wohl wenige Orte, wo die Nachricht vom Gewinner der ersten Nilsson-Million mit ähnlichem Verlangen erwartet wurde wie hier an der Met. Sie alle hätten das Geld verdient gehabt, alle, die gerade hier singen, die Netrebko, der Villazón, die Blythe und schon auch Domingo, so sehen sie sich hier, so werden sie auch ganz gern gesehen.

Die Metropolitan Opera an der Upper West Side in New York begreift sich als beste Bühne der Welt. Inzwischen ist sie es tatsächlich wieder, nicht in jeder Nacht, aber gestern Abend war sie es, mit Patricia Racette als Madama Butterfly. Die Met ist zugleich traditionsbewusst und modern und manchmal zerrissen zwischen diesen Polen. Stars werden hier gemacht wie in dieser Saison Stephanie Blythe, hier entsteht die Oper der Zukunft wie Robert Lepages Version von »La Damnation de Faust«, eine Multimedia-Illusion. Denn die Met ist kreativ und kühn und konnte jahrzehntelang eine Menge Dollars verschwenden; 291 Millionen sind das Budget dieses Jahres.

Natürlich sangen und singen sie alle hier, einst Pavarotti, die Callas und Domingo, heute Elina Garanca, Marcelo Álvarez und noch immer Domingo. Am 15. März feiert das Haus seinen 125. Geburtstag, bald kommt ein neuer »Ring«, 8 Premieren planen sie für die nächste Saison und 18 Wiederaufnahmen, voll ist der Saal Abend für Abend. Und doch?

»Ja, genau: und doch«, sagt Peter Gelb.

Peter Gelb, 55, seit 2006 Generaldirektor, dreimaliger Emmy- und einmaliger Grammy-Gewinner, Liebhaber schwarzer Schuhe, schwarzer Anzüge, schwarzer Hemden und schwarzer Krawatten, immer lächelnd, ist der Mann, der die Met in ihre Zukunft führen soll. Oder will. Vielleicht auch muss? Er weist der Oper die Wege, und die Wege sind neu.

Sind sie auch richtig? Passen die Wege des Peter Gelb zur edlen Kunst?

Selten hat ein Manager die Szene so verwandelt wie Gelb in seinen drei Jahren. Er lässt Premieren auf den Times Square übertragen, er lässt Menschen im Opernhaus 375 Dollar für feine Sitze zahlen und 15 Dollar für Stehplätze. Gelb überträgt Met-Inszenierungen über Digitalradio und Internet-Fernsehen, und zehnmal pro Jahr kommt die Met live ins Kino: 31 Länder, 850 Theater zeigten vor ein paar Wochen Anna Netrebko in »Lucia di Lammermoor« - live, Popcorn-Oper.

Theatralisch und offen soll die neue Oper sein, sagt Gelb, er hat eine hohe Stirn, trinkt Wasser aus der Flasche, er erzählt nicht nur von der Zukunft, sondern ganz gern auch von früher.

Gelb wuchs im intellektuellen New York auf, der Vater saß in der Chefredaktion der »New York Times«, die Mutter war Schriftstellerin, Peter mochte Lehrer nicht und liebte die Oper. Er riss Karten ab in der Met für 20 Dollar pro Aufführung, einer seiner alten Kollegen ist heute noch da.

Gelb war bei Sony und beim Boston Symphony Orchestra, und ein paar Jahre lang war er der Manager des Pianisten Vladimir Horowitz. Der wollte jeden Tag das Gleiche essen, täglich Seezunge, also bekam er Seezunge, wo immer sie waren; Botschafter, Intendanten, alle suchten nach Seezunge für den Maestro. Dann die Moskaureise: Horowitz befürchtete, »der Russe« würde sein Piano ansägen oder auch explodieren lassen, darum sagte Horowitz die Reise ab - und Gelb musste im Weißen Haus anrufen und einen Brief Ronald Reagans besorgen. Reagan garantierte für die Sicherheit des Pianos, und in Moskau aß Horowitz Seezunge und spielte meisterlich.

»Er war psychotisch und funktionierte doch. Na ja, meistens. Ich habe verstanden, dass man die Sorgen der Künstler nicht unbedingt verstehen muss, um sie ernst zu nehmen; wenn man aber will, dass sie Erfolg haben, muss man verstehen, dass diese Sorgen für die Künstler Fragen von Leben und Tod sind«, sagt Gelb.

Vielleicht liegt es ja an diesen Erfahrungen, dass Gelb schon mal zum Mittagessen mit Netrebko nach Paris fliegt und nach dem Espresso wieder heim; er sieht ein bisschen blass und müde aus. Gelb scheint eine leicht ironische Geduld mit allen Exzentrikern des Gewerbes zu haben, und jene, die durch die Katakomben der Met streifen, berichten, der Chef würde ihnen Hundesitter besorgen und Wohnungen mit Blick auf den Central Park, und stets stehe das richtige Mineralwasser vor dem Spiegel und daneben das Lieblingsgericht.

Wer sich der Met nähert, nähert sich dem wuchtigen Lincoln Center zwischen Columbus Avenue und Amsterdam Avenue, das die drei Straßenzüge von der 62. bis zur 65. Straße einnimmt. Es gibt eine Menge Eingänge, viele Hallen, das Herzstück des Lincoln Center ist das Opernhaus. Ein beigefarbener Bau, fünf Rundbögen an der Fassade.

Das Foyer: roter Teppich, goldene Decke, die Leuchten sind gerade aus Österreich zurückgekommen, wo die Kristalle geputzt wurden. Die Kartenabreißer tragen Smoking mit rotem Revers. Der Zuschauerraum: fünf Ränge, 3800 rote Sitze. Und alle, die herkommen, lieben den Moment, wenn die Kronleuchter hinaufgezogen werden um drei vor acht.

Schmal ist der Orchestergraben. Und breit und tief, ein Reich für sich, ist die Bühne. Sie haben neun Etagen dort hinten, drei unter und sechs über der Bühne, die Kulissen werden mit Fahrstühlen Morgen für Morgen an Ort und Stelle gehievt: die Spiegeldecke für Anthony Minghellas romantischtraumwandlerische »Butterfly«, die teerschwarzen Höhlen aus »Orfeo ed Euridice«, das düster-schottische Schloss der »Lucia di Lammermoor«; mit Donizettis Oper kehrte Anna Netrebko aus der Babypause zurück.

Natürlich ist Peter Gelb umstritten. Die Damen und Herren von der Metropolitan Opera Guild fühlen sich verraten an die Straßenkundschaft. Junge klatschen, Alte gehen, wenn die Regisseurin Mary Zimmerman eine neue Version von Bellinis »La Sonnambula« erschafft, eine Verfremdung, in der die ziemlich krude Geschichte einer Schlafwandlerin, die in der Nacht vor der Hochzeit im fremden Bett landet und den Bräutigam zu verlieren droht, aus den Schweizer Alpen ins heutige New York geholt wird, als Oper in der Oper, ironisiert und doppelbödig.

Die Solisten fürchten, dass die Kameras auf der Bühne die Kunst verändern werden, da bald nur noch schöne Schlanke Erfolg haben könnten, Sängerdarsteller statt echter Sänger. Ruth Ann Swensons Satz ging um die Opernwelt: »Ich bin ihm nicht dünn genug.« Und Gelbs Kollegen klagen, sie sagen, dass der New Yorker zwar seine Met schlau vermarkte, aber andere Häuser leere, weil das Publikum nun lieber ins Kino geht, Weltstars gucken.

Peter Gelb hört sich das alles an. Knetet seine Hände, massiert seine Waden. Er sagt dann: »Als mich der Vorstand zum Vorstellungsgespräch lud, sagte ich den Damen und Herren, dass die Met in Gefahr sei, zu einer irrelevanten und obsoleten kulturellen Institution zu verkommen. Sie war in Wahrheit ja bereits zu einer Insel geworden, entfremdet, elitär, ohne Wirkung auf die Menschen, nicht mehr verbunden mit der Gesellschaft.«

Als Pragmatiker sieht sich darum der Chef, weniger als jener PR-Mann, als der er beschimpft wird, auch nicht als Intendant europäischer Prägung, eher als Produzent, der beides im Blick haben muss, Geschäft und Kunst. In seinem Büro hängen Bilder jener Künstler, die Plakate der neuen Produktionen entwerfen, es gibt einen Aschenbecher, Ledermöbel und den Flachbildschirm, auf dem gezeigt wird, was gerade auf der Bühne geschieht. Gelb sagt: »Die Met musste sich erneuern und Brücken zum Rest der Welt bauen. Der Vorstand hörte mir zu, stellte mich trotzdem ein, also fing ich an.«

Als Stephanie Blythe, aufgewachsen in der Provinz des Bundesstaats New York, mit 16 erstmals auf dieser Bühne stand, fand sie den Saal »groß und weit«, die ganze Met ein »Meer von Sitzen«. Sie hatte einen Talentwettbewerb gewonnen, in der Pause von »La Bohème« ging sie zum Rand der Bühne und blickte nach oben, sie sagt: »Ich habe mir damals vorgenommen, mich ewig daran zu erinnern, wie sich das erste Mal auf dieser Bühne anfühlte. Und heute denke ich jedes Mal daran zurück, wenn ich hier bin. An diese Magie. Man darf die Magie eines solchen Hauses nie vergessen.«

Denn es kommt die Routine, selbst hier. Irgendwann sehen sie alle den Rost. Und wie schäbig der Bühneneingang ist, zwischen den Mülltonnen im Hof. Sie merken irgendwann, dass auch die Met nicht frei ist von Neid und den Abgründen, die es in jeder Firma gibt.

Und auch das Publikum verändert sich, wenn 15-Dollar-Tickets zu kaufen sind. Man sieht nun Pullover in der Met, Jeans, es wird mehr gehustet als in Berlin oder Hamburg, und sobald der Vorhang fällt, stehen in den ersten Reihen die Herren im Smoking auf und rennen hinaus, um als Erste am Taxistand zu sein. Keine Zeit für Applaus, kein Respekt.

Das sei New York, sagt Peter Gelb und lächelt, »nein, ich kritisiere unser Publikum jetzt nicht. Oper ist lang, Menschen werden müde«.

Und Stephanie Blythe sagt: »Es stimmt schon. Jeder ist immer beschäftigt, niemand hat die Ruhe, zu atmen oder etwas wirklich zu erfahren. In Paris bleiben die Leute und klatschen und klatschen, weil sie sich als Teil der Erfahrung verstehen. Ein gutes Publikum ist ein aktives Publikum, wir haben eher passive Zuhörer.«

Opernkonsumenten, sie kommen in die Met, kenntnisreich, doch abwartend, kühl, New Yorker eben. Und vorn kämpfen Netrebko oder Villazón oder Blythe darum, »auch dieses Publikum mitzunehmen auf eine Reise, so dass es an den einen Ort gelangt, an dem es denkt: Oh, ich weiß noch, wie es sich anfühlte, derart zu lieben, ja, ich erinnere mich noch, wie ich einmal etwas so leidenschaftlich wollte«, sagt Blythe.

Stephanie Blythe hat kurze braune Haare, sie trägt ein schwarzes T-Shirt und eine Strickjacke. Für sie, sagt Blythe, gehe es darum, im Rauschen der Stadt und auch dann, wenn ihr Publikum wieder zum Taxi rennt, das Gefühl von damals nicht zu verlieren, das Gefühl für das, was zählt.

Was zählt, ist die Akustik dieser Arena; »ehrlich« nennt Anna Netrebko die Met, »lebendig«, sagt Blythe; die fünf, sechs »sweet spots«, die perfekten Stellen dieser Bühne, suchen sie Nacht für Nacht.

Es zählen die Kollegen und Rivalen, sie befeuern sich gegenseitig, wo gibt es bessere? Es zählen all die Opernmacher in den Kellern und Dachzimmern, 1500 Angestellte, die Perückenfertiger in Zimmer 212 und die Schreiner, die Schneider, die pro Saison 1800 Kostüme nähen, und die Archivare, die in Raum B 9 Wagner-Partituren hüten, so fein und klein die Schrift.

Der Chor der Met zählt, der Stephanie Blythe einrahmte, als sie ihren Orpheus sang, glöckchenklar wie nie gehört, und all die vergnügten Sänger standen um sie herum, weil alle im Haus spürten, dass es besondere Abende waren. »Die Ankunft eines Stars, wie wir ihn einmal pro Generation erleben dürfen«, schrieb die »New York Times«.

Ganz besonders zählt auch das Orchester des Musikdirektors James Levine. Nach ihrem Met-Debüt begleitete James Levine die junge Mezzosopranistin Blythe in die Garderobe, hielt ihre Hand, sagte »Gut gemacht, Kind«, schloss die Tür, doch dann klopfte es, und da stand wieder Levine und sagte: »Es fühlt sich immer noch zu gut an, ich kann noch nicht gehen.«

Eine sterbende Welt, vielleicht. Eine schrumpfende, gewiss.

Sponsoren springen ab, welche New Yorker Familie kann noch zehn Millionen Dollar im Jahr spenden? Bislang fing Peter Gelb das alles ab, er strich vier neue Inszenierungen und nahm »La Traviata« wieder auf, er verzichtet auf zehn Prozent seines Gehalts. Jetzt muss er Leute entlassen. 40 Millionen Dollar, so groß kann das Defizit werden in der nächsten Saison.

Man sieht es überall in New York. Leere Museen, leere Theater. Oder halbvolle Theater, wenn die Karten zum halben Preis verkauft werden. Der Broadway wird konservativ in dieser Zeit, es gibt Tschechow, Beckett und wenig Neues. Die New York City Opera, kleine Schwester der Met, musste ihren Etat so sehr zusammenstreichen, dass Gerard Mortier, als Direktor eingeplant, noch vor Amtsantritt absprang.

»Wir waren eine alternde konservative Organisation mit dem Ruf kompletter Inflexibilität«, sagt Peter Gelb, »was hier fehlte, war das Verständnis, uns immer wieder selbst zur Welt bringen zu müssen, jedes Jahr neu. Und gerade und ganz besonders jetzt.«

Gelb steht auf, geht wieder durch sein Haus, nachsehen, was wo geschieht. Die Tänzer trainieren unten im Keller, einige Sänger üben Tschechisch, für Dvorák, alle Probenräume sind belegt, die ganze Metropolitan Opera arbeitet. Er wolle New York und seine Gäste nicht bedrohen und schon gar nicht langweilen, sagt Gelb, »man muss das Publikum erregen, provozieren, führen und schon auch seine Phantasie erweitern, gerade jetzt«.

Popularisierung, sagt Stephanie Blythe, sei das falsche Wort für das, was an der Met geschieht und geschehen müsse in Zeiten wie diesen. »Ich würde eher sagen, dass es um Essenz geht. Lasst uns Oper essentiell machen, lasst uns dafür sorgen, dass die Menschen die Oper brauchen, und dafür alles tun, was wir können«, sagt sie, dann geht sie singen.

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