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»DIE PRIVILEGIEN SIND ABGESCHAFFT«

aus DER SPIEGEL 44/1970

Ein Reformer der ersten Stunde, unermüdlich in aufreibenden Sitzungen der von ihm mitreformierten Universität ausharrend, uni trotz inkompetenter Mehrheiten für sachgerechte Lösungen zu kämpfen, und in diesem mühseligen Geschäft sich verzehrend -- so stellt sich Arnulf Baring in seinem SPIEGEL-Artikel dar.

Wer Barings Beteiligung an der Reform des Otto-Suhr-Instituts und der Freien Universität Berlin hat beobachten können, wird nicht zögern, ihm Bewunderung entgegenzubringen -- für die literarische Phantasie, mit der er eine Situation schildert, die völlig außerhalb seines eigenen Erfahrungsbereiches liegt.

Ebensowenig wie sich der Assistent Bering seinerzeit an der Ausarbeitung und Praktizierung der Reformsatzung des Otto-Suhr-Instituts beteiligte, hat sich der Hochschullehrer Baring bisher bereit gefunden, In den Gremien des Fachbereichs Politische Wissenschaft, dem er angehört, mitzuarbeiten. Diese Zurückhaltung mag sein gutes Recht sein, obwohl es fruchtbarer erschiene, wenn Herr Bering den anderen Mitgliedern des Fachbereichs seine Auffassungen im Gespräch und nicht nur in Protestbriefen oder über die Presse mitteilte.

Angesichts der Bescheidenheit seiner Mitarbeit ist die Klage Ober die Belastung durch hochschulpolitische Marathonsitzungen freilich nicht minder originell als die Polemik gegen Hausberufungen des hausberufenen Lehrstuhlinhabers Baring.

Demokratische Gremien, wie sie das neue Hochschulgesetz vorsieht, verlangen Einarbeitung und Engagement der Beteiligten. Wer sich von den Studenten und Assistenten für die aktive Mitarbeit entscheidet, opfert ein erhebliches Maß an Zelt, wobei Ihm keinerlei Vorteile erwachsen, schon gar nicht für seinen beruflichen Aufstieg; Im Gegenteil.

Herr Bering beklagt sich weiterhin darüber, daß die Privilegien nicht verschwunden, sondern unter die verschiedenen Gruppen verteilt sind, wobei unklar bleibt, um welche Privilegien es sich handelt. Sind die Privilegien unter die verschiedenen Gruppen verteilt, läßt sich nicht mehr von Privilegien sprechen, denn die Verteilung der Kompetenzen bedeutet ja die Abschaffung der Privilegien.

Abgesehen davon, daß es um die Privilegien der Professoren auch nach dem neuen Universitätsgesetz nicht so schlecht bestellt ist, kommt in diesen Äußerungen ein für einen »Reformer« und Politologen merkwürdiges Verständnis von Demokratie zum Ausdruck. Wie anders sollen denn Beschlüsse gefaßt werden, wenn nicht unter Beteiligung derer, die von Ihnen betroffen sind?

Während das Universitätsgesetz dieser Überlegung teilweise Rechnung trägt, handelt es sich für den Politologen Baring um »Konvente von Ständevertretern«. Was aber, um alles in der Welt, legitimiert Herrn Barling zu seinem Ruf nach einer Aufsicht des Staates, der zum Ausdruck kommt, wenn Herr Bering den universitären Gremien die Kompetenz zur Planung, »zur Planung nach übergeordneten Gesichtspunkten« abspricht?

Weiterhin ertönt der Ruf nach der Staatsaufsicht, wenn Baring das Eingreifen des Staates bei den Prüfungen voraussagt und in der Praxis den Versuch unternimmt, dieses Eingreifen zu initiieren. Diese Form von self-fulfilling prophecy versucht Bering mit dem Hinweis zu legitimieren, daß In den derzeitigen Prüfungen bei schlechteren Leistungen bessere Noten zu verzeichnen sind.

Seine Behauptung läßt sich nur aufrechterhalten, wenn man keine wissenschaftlichen Kriterien anlegt, sondern auf bloße Faktenhuberei aus Ist. Das wissenschaftliche Niveau der Diplomarbeiten ist in den letzten zwei Jahren zweifelsohne gestiegen. Mit der Fülle des Materials ist eine Spezialisierung eingetreten, die nicht nachteilig ist, wenn mit der Diplomarbeit der Nachweis erbracht wird, daß der Diplomand gelernt hat, wissenschaftlich zu arbeiten, was ihn befähigt, sich auch in andere Gebiete einzuarbeiten. Der Prüfungskandidat von morgen mag ein paar Daten der Statistik samt etlicher Jahreszahlen weniger kennen. Wer will, kann das Leistungsabfall nennen. Daß es sich nun aber um Politologen handelt, die in der Beherrschung der Methoden ihres Faches sicherer und bei deren Anwendung kritischer sind, sollte das mehr als aufwiegen.

Niemand konnte meinen, daß der Entschluß, ein Universitätsinstitut von Grund auf umzubauen und an veränderten Zielen zu orientieren, komplikationslos vonstatten geht. Schwierigkeiten hat es sicher auch bei der Neubesetzung von Assistentenstellen durch die Fachkommissionen gegeben. Barings Behauptung jedoch, daß in der Praxis Linke eindeutig bevorzugt werden, trifft gerade für seinen Bereich (Internationale Politik) nicht zu.

Auch das von ihm zitierte Beispiel, das Baring sehr einseitig, teilweise falsch darstellt, rechtfertigt seine Behauptung keineswegs. Nicht weil der betreffende Bewerber ein Angehöriger der Linken war, entschied »sich die Fachkommission für ihn. Auch nicht, weil Wissenschaftspluralismus im konkreten Falle bedeutet, »daß die Besetzung durch einen Marxisten erfolgen müsse": Das war die Meinung eines einzelnen Studentenvertreters und nicht diejenige der Fachkommission. Der Bewerber wurde gewählt, weil sich aus seiner bisherigen Arbeit die relativ seltene Synthese von marxistischem und systemtheoretischem Ansatz abzuzeichnen schien.

Nach Ablauf des halben Probejahres hat die Fachkommission die Arbeitsweise des Assistenten hart kritisiert. Sie erarbeitete Vorstellungen für die zukünftige formale und inhaltliche Kontrolle der Lehrveranstaltungen aller Mitglieder des Lehrkörpers, die auf Institutsebene diskutiert wurden.

Überdies hatte die alte Universität die wenigsten unter den Assistenten und Studenten, die kurzfristig neue Verantwortungen und ungewohnte Aufgaben übernehmen mußten, hinreichend darauf vorbereitet. Folglich konnten Unsicherheiten nicht ausbleiben. Aber selbst einzelne Fehlentscheidungen sind in Kauf zu nehmen, solange sie korrigierbar bleiben. (Nicht korrigierbar zum Beispiel Ist die »Hausberufung« Herings !)

Dennoch heißt, nach zweieinhalb Jahren Institutsreform Bilanz ziehen, feststellen, daß die Aktiva überwiegen:

Die Entscheidung weniger über alle Ist abgelöst durch rechtliches und praktisches Entscheiden vieler über viele. Kein Mitglied des Instituts wird länger Beschlüssen unterworfen, auf deren Zustandekommen er nicht aktiv Einfluß nehmen kann.

Das setzt voraus, daß Entscheidungsabläufe selbst durchsichtig für alle und einsichtig für jeden sind. Auch darin erweist sich das reformierte dem unreformierten Institut weit überlegen. Kein Organ, kein Gremium, das noch hinter versperrten Türen und unter Ausschluß der Öffentlichkeit Interessenpolitik zu Lasten Ausgeschlossener machen könnte

Fachkommissionen als dezentralisierte Planungsgremien an der Basis haben bewirkt, daß statt des einstmals unverbundenen Nebeneinanders von Lehrveranstaltungen jetzt ein Angebot von Semester zu Semester eingehender diskutierter und thematisch wie methodisch enger aufeinander bezogener Übungen und Seminare erarbeitet wird.

Parallel damit geht -- vorerst noch Aufgabe und Programm -- die Arbeit an der Studienreform. Bereits jetzt ist abzusehen, daß künftig Studium wie Prüfungen mehr von den Problemen als vom bloßen Stoff unserer Wissenschaft abgeleitet werden.

Es ist keineswegs sicher, daß wir in zehn Jahren eine funktionsfähige und demokratische Universität haben. Denn die Obstruktion von Herrn Professor Dr. Baring erschwert denen, die wie die Assistenten Intensiv an der Demokratisierung der Universität und der Erhöhung ihrer Leistungsfähigkeit mitarbeiten, das Erreichen dieses Ziels.

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