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KUNST Die Rache der Kopfgeburten

Der französische Philosoph und Berufspessimist Paul Virilio ist mal wieder in Sachen Katastrophenalarm unterwegs - dieses Mal mit einer furiosen Ausstellung.
aus DER SPIEGEL 49/2002

Schlimmer dürfte es in der Hölle auch nicht zugehen: Vulkane scheinen zu explodieren und entfachen ein Inferno aus Lava, Glut und Hitze; Erdbeben reißen Autobahnen auf, Orkane fegen ganze Städte weg, Tanker werden wie von einer unsichtbaren Kraft in die Meerestiefe gezogen, Flugzeuge stürzen vom Himmel. Das Einzige, was die Menschheit aber wirklich in die Depression treiben kann, ist ein Crash an der Börse. Weshalb eines der apokalyptischen Fotos in dieser Ausstellung ein paar trübsinnige Aktienhändler zeigt.

Zu sehen sind sie seit vergangenen Freitag in Paris: Unter dem Titel »Unbekannte Größe« und dem unausgesprochenen Motto »selbst schuld« verfolgt die Schau trotz anders lautenden Bekundigungen das Ziel zu schockieren - ganz sicher ist sie nichts für Sensibelchen*.

Wer nicht lesen will, muss gucken und gedenken - der »Titanic«, Tschernobyls und der Twin Tower, des Holocaust und Hiroschimas. Jahrzehntelang warnte der französische Philosoph Paul Virilio, 70, jeden, der es hören wollte oder auch nicht, vor der Technologiehörigkeit und dem Geschwindigkeitswahn, der alle und alles erfasst, denn die Zerstörung der Natur unterliege ebenso einer Beschleunigung wie der weltweite Terror. Nun will Virilio, einer der renommiertesten Vordenker der Franzosen, zur Abwechslung mit Bildern für Krisenstimmung sorgen. Mit Film- und Fotodokumenten und jeder Menge Furcht erregender Kunst, die er ausgewählt und zu einem Panorama des Schreckens zusammengestellt hat.

Kriegsmuseen gebe es ja schon, warum eröffne man nicht endlich auch »Museen der größten Unfälle?«, fragt Virilio. Ob die ungerechte Verteilung des Kapitals beim großen Globalisierungsspiel, die Verpestung von Luft und Wasser oder aber Anschläge - es handele sich bei all diesen Katastrophen um eine neue Form der Auseinandersetzung, um einen Krieg ohne offizielle Kriegserklärung.

Weshalb er nun mit einem Horror-Varieté zurückschlägt: Die Kalifornierin Nan-

cy Rubins wuchtete eine 5000 Kilogramm schwere Skulptur aus Flugzeugteilen zusammen. Und ihr New Yorker Kollege Lebbeus Woods installierte einen Stahlwald aus 900 Aluminiumröhren, der zu schweben scheint und den Eindruck erwecken soll, er sause gerade vom Himmel herab.

Als handele es sich um einen vorläufigen Höhepunkt, mündet das Spektakel - man ahnt es - in Bildern und Werken rund um den 11. September. Zu sehen sind etwa die Qualmwolken, die durch die oberen Stockwerke des World Trade Center ziehen. Überraschend erscheint an solchen Aufnahmen aber nur eines: Wie vertraut die Anblicke dieser Tragödie, der Trümmer und der traumatisierten Menschen, inzwischen wirken. Dieser Déjà-vu-Effekt mildert die Katastrophenstimmung.

Jedes System und jede technische Erfindung, so will Virilio dem Betrachter einhämmern, trage das Desaster schon in sich. Unfälle seien kein Zufall, sondern vorhersehbar. Nur das genaue Datum lasse sich nach wie vor nicht voraussagen.

Diese Art von Technologiekritik ist so alt wie die erste Maschine. Immer wieder kam im Laufe der Geschichte der Verdacht auf, die übereifrigen Forscher verwechselten ihre Erfindungen und Kopfgeburten gar mit lebendigen Schöpfungen - und vernachlässigten sträflich deren Gefahrenpotenzial. Warum sonst wurde die erste Atombombe auf den Kosenamen »Little Boy« getauft?

Der französische Künstler Francis Picabia (1879 bis 1953) lästerte einst über Maschinen, es handele sich bei ihnen um Töchter, die ohne Mutter gezeugt worden seien: Ihn verblüffte der Fortpflanzungs-Narzissmus, der sich auf das Erschaffen von Geräten fixiert - der aber durchaus nachvollziehbar für jeden ist, dem sein Auto mehr am Herzen liegt als seine Familie.

Wird jetzt die kollektive Katharsis gelingen und das Publikum geläutert die Horror-Show verlassen? Wenn nicht, brauchen die Besucher nur in die nächste Metro zu steigen.

Denn das kurioseste - und nicht ganz so verbitterte - Werk zum Irrsinn der Technologie ist ein paar Kilometer Luftlinie entfernt zu sehen, in einer Ausstellung im Maison de Victor Hugo. In dem Video »Beautiful Cloud« des chinesischen Künstlers Zhou Xiaohu wird ein ganzes Heer von rosafarbenen Klonbabys in die Welt gesetzt. Sie gelten längst als die zeitgemäßesten Inbilder einer Frankensteinschen Wissenschaft.

Die glatzköpfigen Säuglinge sitzen, so suggeriert es die Computer-Animation, brav und vergnügt im Kino und dürfen dort auf der Leinwand die wissenschaftlichen Errungenschaften ihrer nicht geklonten Ahnen bewundern, etwa eine eindrucksvolle Wolke. Es ist ein Atompilz. ULRIKE KNÖFEL

* Fondation Cartier, bis 30. März. Katalog in französischeroder englischer Sprache. 232 Seiten; 45 Euro.

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