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Musik »Die richtigen Worte flüstern«

aus DER SPIEGEL 32/1996

Larmore, 38, gehört zu den erfolgreichsten Mezzosopranistinnen ihrer Generation. Die Amerikanerin hat an allen namhaften Opernhäusern der Welt gastiert.

SPIEGEL: Mrs. Larmore, wie sind Sie zu der Ehre gekommen, für die olympische Abschlußfeier engagiert zu werden?

Larmore: Ganz einfach: Ich bin in Atlanta geboren und hier aufgewachsen. Hier ist meine Heimat. Das war wohl ausschlaggebend. So eine Chance bekommt man nur einmal im Leben.

SPIEGEL: Wäre Ihnen nicht bei Ihrem ersten weltweit übertragenen TV-Auftritt ein anderes Stück lieber als gerade die aufgedonnerte olympische Hymne von 1896?

Larmore: Schon wahr, wenn man das Stück zu Hause singt, klingt es ziemlich dämlich, aber im Stadion, am Ende der Spiele, wenn die Fahne eingeholt wird - da ist es perfekt. Das ist die Art emotionaler Musik, bei der die Menschen vor Rührung weinen.

SPIEGEL: Bislang kamen Sie ohne Massenauftritte aus. Steigen Sie jetzt ins Big Business ein?

Larmore: Nein. Für mich ist es perfekt gelaufen. Ich habe mich für den gesunden Weg entschieden. Ich wollte keine große Publicity, die dann doch zu nichts führt. Ich bin nicht angetreten, um reich und berühmt zu werden.

SPIEGEL: Berühmt sind Sie ja nun, wie steht's mit dem Geld?

Larmore: Es ist okay. Das meiste geht für unser Haus bei Chicago drauf. Das ist mein Gesundbrunnen. Früher habe ich zehn von zwölf Monaten gesungen. Das hat sich inzwischen verändert. Ideal wäre es, nur sechs Monate im Jahr aufzutreten.

SPIEGEL: Bei Ihrem Repertoire gehen Sie ähnlich vorsichtig zu Werke. Nach Jahren mit Mozart, Händel und Rossini haben Sie sich erst jetzt Bizets »Carmen« vorgenommen. Warum haben Sie die Partie zuerst auf Platte eingespielt und noch nie auf der Bühne gesungen?

Larmore: Weil man im Studio mehr Ruhe hat, eine Partie psychologisch zu entwickeln. Da gibt es nur das Mikrofon. Eines Tages bin ich von einer Aufnahmesitzung gekommen und wußte, daß ich diesen Part so gesungen hatte, wie ich es wollte. Und deshalb singe ich die Rolle in der übernächsten Saison in Paris zum erstenmal auf der Bühne.

SPIEGEL: Welche Carmen bieten Sie, das Superweib oder die Proletarierin?

Larmore: Weder noch. Jeder hat doch seine ideale Carmen im Kopf. Ich will keine vulgäre Schlampe sein, die ihren Rockzipfel mit den Zähnen festhält. Aber überlegen Sie doch mal: Für welche Art Frau gibt ein Mann wie Don José seine Karriere beim Militär auf? Doch nicht für ein Flittchen.

SPIEGEL: Da gibt es aber genügend Gegenbeispiele.

Larmore: So eine nimmt sich ein Mann für ein paar Stunden und vergißt sie dann. Aber die Frau, die ihn betört und verrückt macht, ist eine, die ihm im richtigen Moment die richtigen Worte ins Ohr flüstert. Das ist die Frau, nach der sich alle umdrehen. So wird meine Carmen sein, und das werde ich mit den Farben meiner Stimme ausdrücken.

SPIEGEL: An Ihrem Jaguar prangt ein Nummernschild mit den Buchstaben »La Diva«. Ironie oder Selbstbeschreibung?

Larmore: Das hat mein Mann mir dranmontiert. Erst war's mir peinlich, jetzt mag ich es. Ich habe aber gar keine Zeit, Allüren zu kultivieren. Außerdem komme ich ja aus bescheidenen Verhältnissen, wenn ich Zicken machen würde, bekäme ich von meiner Mutter aber ganz schön was zu hören. Was an mir die Diva ist? Ich denke, eine gewisse Eleganz, eine Art sich zu geben. Na, eine gewisse Qualität einfach.

SPIEGEL: Als Mezzosopran sind Sie ja auch weniger anfällig für Höhenflüge, oder?

Larmore: Ja. Früher hatte ich immer gehofft, daß meine Stimme noch etwas Höhe gewinnt. Aber sie wird immer tiefer, voluminöser und satter.

SPIEGEL: Viele Ihrer Fachkolleginnen sind dennoch zu den Sopranen übergelaufen und haben sich ihr Organ ruiniert.

Larmore: Das passiert mir nicht! Ich habe schon so viele Angebote abgelehnt, die Tosca oder die Leonore in »Fidelio« zu singen, daß ich immer scherze, ich müßte unbedingt eine Platte einspielen mit dem Titel »Nur die falschen Rollen«. Ich sehe mich in zehn Jahren viel eher als Prinzessin Eboli in Verdis »Don Carlos« oder in Camille Saint-Saëns' »Samson und Dalila«.

SPIEGEL: Ihre Biographie hört sich glatt und makellos an. Gab es keine Katastrophen?

Larmore: Schon der Anfang meiner Laufbahn in Nizza war fast ein Fehlstart. Da sang ich die Jane Seymour in »Anna Bolena« von Donizetti - ich war so jung und die Partie so hoch. Während der Proben hatte ich Alpträume und sah mich laut schreiend aus dem Theater rennen. Und bei der Premiere ...

SPIEGEL: ... kam alles anders?

Larmore: Warten Sie's ab. Als ich mit meinem Partner Jewgenij Nesterenko, der den Heinrich VIII. sang, das große Duett hatte, merkte ich, daß es viel zu langsam war. Und so habe ich mit der Hand den richtigen Takt auf Jewgenijs Schulter geschlagen. Und er, ein toller Kollege, zog sofort mit. Aber der Dirigent, der ein furchtbarer Kollege ist, dachte gar nicht daran, schneller zu werden. Wir beide sind an die Rampe getreten und haben den Kerl im Orchestergraben vor schierer Wut angefunkelt, und da sah ich plötzlich, daß die Zuschauer auf den Stuhlkanten hockten.

SPIEGEL: Vor Entsetzen?

Larmore: Nein. Vor Begeisterung! Das Publikum hat meine schreckliche Angst für Intensität gehalten. Die Zeitungen schrieben dann so Sachen wie »Der Sensationserfolg der Jennifer Larmore«. Das war der Wendepunkt. Ich habe an diesem Abend gelernt, daß ich mich im Leben vor nichts mehr fürchten muß.

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