Margarete Stokowski

Hamsterkäufe und Profitgier Die Selbstliebe in Zeiten des Coronavirus

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Ein naives Gedankenexperiment: Was wäre, wenn in Zeiten drohender Coronakrise nicht jeder nur an sich denken würde, sondern Verantwortung für seine Mitmenschen übernähme? Stellen Sie sich das mal vor!
Foto: Getty Images

Der beste Schutz gegen eine Ausbreitung des Coronavirus ist regelmäßiges Händewaschen, nicht ins Gesicht fassen, ausreichende Isolation bereits infizierter Menschen und die Abschaffung des Kapitalismus.

Ist jetzt natürlich für den Moment zu spät, leider. Aber stellen Sie sich das mal vor. Stellen Sie sich vor, Menschen mit verdächtigen Symptomen würden nicht sinnlos wacker trotzdem zur Arbeit gehen oder zum Meeting fliegen, sondern zu Hause bleiben, bis sicher ist, welche Krankheit sie haben. Sie würden das aus Verantwortung für ihre Mitmenschen tun, und die Chefin (sofern es eine gäbe) würde sagen: Ja, klar, danke für deine Vorsicht und gute Besserung. (Wenn Sie jetzt denken: "Haha, dann würden ja ALLE zu Hause bleiben!", dann denken Sie, dass Arbeit immer Ausbeutung sein muss und haben viel zu tun in der Hinsicht, tut mir leid, aber ist so.)

Stellen Sie sich vor, einzelne Menschen würden nicht literweise Desinfektionsmittel und palettenweise Nahrungsmittel zusammenhamstern, nur weil sie es sich leisten können. Stellen Sie sich vor, alle könnten einfach sicher sein, dass sie im Notfall die nötigen Dinge von der zuständigen Institution erhalten, und müssten anderen nicht die dringend benötigten Waren wegkaufen. An Witzen über Hamsterkäufe ist man derzeit im Internet äußerst gut versorgt. Dumm nur, dass nicht alle Menschen mitlachen können, weil nicht alle genug verdienen, um kubikmeterweise Vorräte zu horten - abgesehen davon, dass sie eventuell kein Auto haben, in dem sie das alles transportieren könnten.

Stellen Sie sich vor, es wäre keine verbreitete Sichtweise, zu denken, dass die Schwächsten und Ärmsten wahrscheinlich irgendwie selbst schuld sind an ihrer Lage. (Und stellen Sie sich vor, Sie wollen Nudeln essen und es gibt nur noch Dinkel-Vollkornnudeln, auch nicht schön.)

Stellen Sie sich vor, alle, die große Veranstaltungen planen, würden nicht zuerst an Profite und Verluste denken, und sie würden alles, was gefährlich werden könnte, absagen oder verschieben – und stellen Sie sich vor, der erste Reflex wäre nicht, dann zu denken: Aber das wäre doch viel zu teuer!

Jetzt könnte man sagen, das geht doch auch alles im Kapitalismus, man kann doch auch kapitalistisch denken und sich trotzdem umsichtig verhalten. Ja, theoretisch. Praktisch holt zurzeit, während das Coronavirus sich weltweit ausbreitet, der Kapitalismus die dunklen Seiten der Menschen hervor, die er in ihnen über Generationen hinweg herangezüchtet hat: Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Profitgier. Jeder ist sich selbst noch ein kleines bisschen mehr der Nächste, wenn es gefährlich wird. (Und ja, auch China ist ein kapitalistisches Land, trotz sogenannter Kommunistischer Partei.)

Kapitalismus ist die einzige funktionierende Wirtschaftsform, haben sie gesagt. Wohlstand und Sicherheit für viele, na ja, vielleicht nicht für jeden, aber prinzipiell... allerspätestens jetzt können wir sehen, wie gefährlich dieses Denken ist.

Menschen, die aufgrund einer Krankheit regelmäßig auf Desinfektionsmittel angewiesen sind, bekommen dieses kaum noch in Geschäften oder nur zu völlig grotesken Preisen bei Internetanbietern . In sozialen Netzwerken posten Mütter, ob jemand weiß, wo es in ihrer Umgebung noch Babynahrung zu kaufen gibt, weil die Regale leer sind und sie nicht mehr wissen, wohin. Ärztinnen und Pfleger berichten, dass Desinfektionsmittel und Atemmasken aus Krankenhäusern gestohlen werden, oder dass sie ihre Schutzmasken selbst bei Amazon kaufen müssen.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Man soll keine Panik verbreiten, heißt es gerade häufig, und das mag absolut gut gemeint sein, paart sich aber häufig mit der – ebenfalls richtigen – Aussage: Für gesunde Menschen, die ausreichend auf sich achten, ist das Coronavirus eh nicht schädlich, nur für Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen und alte Menschen. Nur: Die gibt es und sie können von immunmäßig Stärkeren angesteckt werden, und mit großer Wahrscheinlichkeit sind sie nicht diejenigen, die sich einen Prepper-Bunker anlegen können.

Stellen Sie sich vor, Solidarität wäre der allerhöchste gesellschaftliche Wert, und wir wären statt auf Egoismus darauf trainiert, immer die Schwächsten zu schützen. Und – stellen Sie sich vor, das würde nicht alles so wahnsinnig naiv und utopisch klingen. Das wär was.

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