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Die Strapazen und das Glück

Ralph Giordano, der in dieser Woche 84 wird, hat seine Memoiren geschrieben: Die »Erinnerungen eines Davongekommenen« erzählen von einem so bedrohten wie erfolgreichen Leben in Deutschland und sind literarische Geschichtsschreibung.
aus DER SPIEGEL 12/2007

Nach nahezu 550 Seiten kommt das in seiner Deutlichkeit überraschende Fazit: »Ich bin ein Glückskind und weiß das auch.« Ist das ein versöhnlicher, milde gestimmter Rückblick am Ende eines faszinierenden und schmerzvollen, eines abenteuerlichen und immer wieder schier unglaublichen Lebens?

Nein, der Mut und die Wut dieses Ralph Giordano, der am 20. März seinen 84. Geburtstag feiert, sind auf fast jeder Seite gegenwärtig oder beben zumindest nach; Mut, der nötig war, um zu überleben, Wut, die es zu kanalisieren galt, um nicht selbst in den Strudel der Gewalt gerissen zu werden. »Ich bin ein Glückskind« wäre wohl ein allzu gewagter und irreführender Titel für diese Memoiren gewesen, und so heißt das Werk nun treffend: »Erinnerungen eines Davongekommenen«.

Und doch ist es immer wieder Glück, das den in Hamburg geborenen und aufgewachsenen Sohn einer jüdischen Mutter davonkommen lässt - und die Familie mit ihm, genauer gesagt: durch ihn, durch seine Findigkeit und seine Entschlusskraft.

Eine Rolle spielt dabei eine Pistole, eine Parabellum, die sich der junge Mann für alle Fälle von einem Nazi-Gegner besorgt hat, der selbst schon gefoltert worden war und der Familie Giordano 1944 dringlich ans Herz legt: »Findet eine Höhle - lange habt ihr nicht mehr.«

Es ist Glück, unfassbares Glück, dass der 21 Jahre alte Ralph Giordano an einem Sonntag des Jahres 1944, als er überfallartig von zwei Gestapo-Männern verhaftet wird, diese Pistole gerade noch aus der Hosen- in die Jackentasche stecken kann - diese Jacke hängt dann beim Verhör, das in brutale Gewalt ausartet, über dem Stuhl. Der junge Mann wird zu Boden geschlagen, verliert das Bewusstsein. Doch die Waffe wird nicht entdeckt. Er kann die Folterstätte noch einmal verlassen.

Es ist Glück, eine Frage von Sekunden nur, dass die Mutter einer regelrechten Hinrichtung durch die beiden älteren Söhne entgeht, als die fünfköpfige Familie Giordano sich kurz vor Kriegsende in ihrem Versteck entdeckt glaubt und die Brüder sie nicht in die Hände der Nazi-Mörder fallen lassen wollen - Ralph hat seine Pistole schon entsichert und die Mutter im stillen Einverständnis ihren Nacken freigelegt, da stellt sich heraus, dass der lautstarke Besuch im Haus nicht ihnen gilt.

Und es ist wohl auch Glück zu nennen, dass die Brüder Ralph und Egon, am 4. Mai 1945 befreit und erlöst von den britischen Truppen, ihre Rachepläne nicht in die Tat umzusetzen vermögen. Glück nicht allein für drei Personen, üble Figuren und niederträchtige Denunzianten, die aufgespürt und gestellt werden, sondern auch für den jungen Giordano selbst: Er ist zu seiner eigenen Überraschung im entscheidenden Moment jeweils nicht in der Lage abzudrücken.

Die Beschreibung der Jahre von 1933 bis 1945 ist, kaum überraschend, der beklemmende, der heiße Kern dieser Erinnerungen, grandios und minutiös geschildert. »Was nun folgte«, heißt es einmal, kurz vor der Schilderung des Untertauchens der Familie, »läuft vor meinem inneren Auge ab wie im Zeitraffertempo - und ist, um es in der Erinnerung zu ertragen, auch nur auf diese Weise zu schildern.«

Dass Giordano, dieser unermüdlich fleißige Autor, sich noch einmal den Strapazen des Erinnerns ausgesetzt hat, ist nun ein Glück für den Leser - und die Archive der Zeitgeschichte. Das meiste von dem,

was er und seine Familie in den dreißiger Jahren, im Krieg und kurz danach erlebt haben, ist aus dem autobiografischen Roman »Die Bertinis« (1982) bekannt, den zu schreiben der junge Giordano schon Anfang 1942 entschlossen war und der dann tatsächlich 40 Jahre später erschien - und 1988 verfilmt wurde.

Nun aber - mit den nachgelieferten Memoiren - macht Giordano deutlich, dass die zum Teil unvorstellbaren Szenen in seinem Roman nicht erfunden, nicht einmal übertrieben oder zugespitzt sind.

Recht behaglich verweilen die »Erinnerungen eines Davongekommenen« bei der noch ganz unbedrohten Kindheit, den ersten zehn Lebensjahren: bis 1933. Das ist bisweilen etwas sentimental geraten, aber vielleicht war dieser Vorbau, diese langsame Annäherung an den Schrecken beim Schreiben einfach nötig. Wer will es tadeln?

Dann aber - und man liest es erneut gebannt - folgen die schrecklichen Demütigungen und lebensbedrohlichen Ereignisse Schlag auf Schlag, vom Auftritt der Gestapo in der elterlichen Wohnung im Mai 1933 über das erste Folterverhör des gerade 16 Jahre alten Ralph (das er übersteht, ohne die geforderte Unterschrift gegen die Mutter geleistet zu haben) bis zu jenem Tag im Februar 1945, da der Sohn die Überzeugungskraft aufbringen muss, die Familie in das feuchtfinstere, von Ratten verseuchte Versteck zu führen, das er hinter einem Mauerdurchbruch entdeckt hat.

Während im Roman nach der Rettung nur noch die Zeit bis Mai 1946 erzählt wird, ist in der Autobiografie an dieser Stelle noch nicht einmal die Hälfte dieses Lebens berichtet. Was folgt, ist das langsame Werden des Journalisten, des Buchautors und TV-Dokumentaristen Giordano, wieder nicht ohne schwer fassbare Hindernisse und Umwege.

Einer dieser Umwege ist die aus den Erfahrungen verständliche Hinwendung zum Kommunismus, eine schwer erschütterbare Liebe, die über spannend dargestellte elf Jahre deutscher Nachkriegsgeschichte andauert, einschließlich DDR-Verklärung - und der Entscheidung, statt für den SPIEGEL (in dessen erstem Impressum 1947 Giordano aufgeführt war) lieber für die Ost-Berliner »Weltbühne« tätig zu sein.

Auch nach der gründlichen Überwindung dieser Liebe und aller Illusionen bleibt Giordano ein penibler und scharfsichtiger Chronist des Lebens in der Bundesrepublik, besonders als Gerichtsreporter, der im Oktober 1958 in Bonn erstmals einen KZ-Prozess beobachtet. Die persönliche Folge schon bald: Magenleiden, Alpträume, »eine sich vertiefende Klaustrophobie«.

Dennoch legt Giordano erst richtig los: Früh erkennt er die journalistischen Möglichkeiten des Fernsehens, reist durch die Welt, bringt Filme mit, die, wie er selbst gern schreibt, »Fernsehgeschichte« gemacht haben.

Im Frühjahr 1980, 16 Jahre nach der ersten Arbeit für den Sender, erhält er vom WDR ein festes Anstellungsverhältnis, kann sich nun am Magen operieren lassen, ohne Sorge haben zu müssen, seine Frau unversorgt zurückzulassen. Dafür wird die klaustrophobische Flugangst immer stärker, und einmal kann man ihn nach der Landung nur ohnmächtig aus einer Maschine tragen, danach wird er nie wieder ein Flugzeug besteigen. Doch der Arbeitseifer bleibt ungebremst, bis heute.

Gelegentlich gerät das Buch ein wenig zur Selbstfeier - und warum auch nicht? Mehr als berechtigt ist der stolze Rückblick auf dieses Leben, voller Verwunderung darüber, dass es eine kaum zu erwartende Wende zum Guten genommen hat. Und dass die frühen Erfahrungen ihn, Ralph Giordano, nicht in die Knie gezwungen haben. VOLKER HAGE

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