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PHILOSOPHIE Die Sünde ist Marx

Die allerneueste Linke in Paris, »neue Philosophen« wie André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy, bekennt sich zu einem schroffen Antimarxismus.
aus DER SPIEGEL 30/1977

Acht Monate vor den Wahlen in Frankreich steht die Pariser Intelligenzija von wutschäumenden Alt-Trotzkisten bis zu entzückten Alt-Pétainisten -- wieder einmal kopf. Während die Öffentlichkeit zum erstenmal den Sieg der Volksfront erwartet, also des Sozialisten Francois Mitterrand und des Kommunisten Georges Marchais, hat sich auf dem linken Seine-Ufer eine Gruppe »neuer Philosophen« formiert, die den Untergang der Linken von links beschwört.

Wie kaum einmal seit den berühmten Feder-Fehden der fünfziger Jahre zwischen Sartre und Camus oder Sartre und Merleau-Ponty sind die linken Intellektuellen in Rage und einander in die Haare geraten. Diesmal geht es ihnen wirklich unter die Haut, um ihr höchstes Gut: um »Karl Kapital«, den Erzvater, Propheten und Pontifex maximus jedes Marxismus.

Der da so respektlos Karl Marx anredet, ist der Promoter, Herausgeber und vielleicht auch brillanteste Kopf jener Gruppe: Bernard-Henri Lévy, 29, der im Pariser Verlag Grasset allein drei Kollektionen betreut und nunmehr Millionen Franzosen aus dem Fernsehen vertraut ist.

Über seinen Freund André Glucksmann, 40, urteilt eine Pariser Fernsehzuschauerin sogar: »Er ist der absolute Publikumsliebling, so jung, so schön, und jeder ist hin, wenn er unter seinen langen Ponyfransen hervorblinkt und mit leiser Stimme so Großes zu ganz simplen Sachen sagt.«

Denn das ist neu an der das intellektuelle Frankreich -- aber auch die Politiker -- erschütternden Kontroverse: Sie wird auch (und vor allem) auf den Märkten der Massenmedien ausgetragen. Das geschieht im Fernsehen, im Funk, aber auch in den Wochenzeitschriften -- das Nachrichtenmagazin »Le Point« etwa widmete der Gruppe Anfang Juli eine Titelgeschichte -- und in den Tageszeitungen bis in die Leserbriefspalten der kommunistischen »Humanité« hinein.

Gemeinsam sind den Mitgliedern der Gruppe nicht so sehr die Gedanken als Bildungsgang und Gesinnung: Fast alle haben die Pariser Eliteschule »École normale supérieure« absolviert und nur eins auf der Welt verehrt -- die Väter und Kinder der Revolution.

Von den Renegaten Glucksmann und Lévy bis zu den noch jüngeren Intelligenz-Twens wie Philippe Nemo, Guy Lardreau, Christian Jambet waren sie fast alle einmal begeisterte Leninisten oder Maoisten. Und fast alle erwarteten vom legendären Studenten-Mai des Jahres 1968 in Paris so etwas wie den Sieg »der« Revolution.

Neun Jahre später schreibt freilich Lévy, dessen Bestseller-Buch »Die Barbarei mit menschlichem Antlitz« nach Glucksmanns »Die Meisterdenker« am meisten Auflage, Klamauk und Schlagzeilen macht*: »Der Mai 1968 ist eines der schwärzesten Daten in der Geschichte des Sozialismus.« Warum? Weil, so Lévy kritisch gegen den ihm persönlich bekannten Sozialistenführer Mitterrand, »der zukünftige Herr« sich nur wegen der Mai-Unruhen mit den Kommunisten verbündet habe.

Eine seiner düsteren Prophezeiungen lautet denn auch: »Frankreich wird

* Bernard-Henri Lévy: »La barbarie à visage humain«. Bernard Grasset, Paris; 236 Seiten; 39 Franc. Andre Glucksmann: »Les Maîtres penseurs«. Bernard Grasset, Paris; 324 Seiten; 45 Franc.

morgen, vielleicht ist es das schon heute, derart marxifiziert sein, wie es sich nicht einmal die Gelehrten und Meisterdenker träumen lassen.«

Eben deshalb halten es nun die neuesten Linken für ihre Pflicht, dem totalitären, also »barbarischen« Marxismus zu widerstehen. Was sie bewegt, ist die Erfahrung des »Archipel Gulag«, des sowjetischen KZ-Systems für politische Gefangene, das Alexander Solschenizyn beschrieben hat. Ihm lobhudein Lévy und Glucksmann nunmehr -- da sie Marx, Lenin und Mao nicht mehr idolisieren -- als Dante oder Shakespeare unserer Zeit.

Auch Jean-Marie Benoist, der mit seinem Buch »Marx ist tot« (1970) als Vorläufer der neuen Philosophen gilt, betont: »Die Pflicht der Philosophie ist es, zu verhindern, daß eine einst kritische Idee, der Marxismus, zum Mono-Pol und zur Staatsreligion wird, barbarisch und blutiger als das Christentum der Inquisition.«

Aber erst Glucksmann hatte in seinem 1976 auch deutsch erschienenen Werk »Köchin und Menschenfresser« (1975) Marx selbst für das Gulag-System verantwortlich gemacht. Und Lévy bilanzierte damals in der Rezension dieses Buches unverblümt das Verhältnis von Marxismus und Stalinismus: »Es gibt keinen Wurm in der Frucht und keine Erbsünde, denn der Wurm ist die Frucht, und die Sünde ist ... Marx!«

In seinem Buch ergänzt er: »Keine Lager ohne Marxismus, sagte Glucksmann. Man muß hinzufügen: Kein Sozialismus ohne Lager, keine Gesellschaft ohne Klassen, ohne ihre terroristische Wahrheit.«

Der Terror ist also für den Pessimisten Lévy, aber auch für den enttäuschten Maoisten Glucksmann die Wahrheit dieser Welt, ihrer Gesellschaft und Geschichte.

Lévy erklärt denn auch, der »Herr« sei »die Metapher des Wirklichen« und der »Fürst« ein anderer Name für »Welt«. Ebenso sagt Glucksmann in seinem neuen Buch, die deutsche Philosophie der »Meisterdenker« Fichte, Hegel, Marx und Nietzsche habe die Dynamik von Staat und Revolution verschmolzen und zur Theorie einer radikalen Herrschaft der Staatsmacht zusammengeschweißt.

Diese Methode wird nunmehr, sagt Glucksmann, überall auf der Welt praktiziert: »Völker und Klassen, die einen Staat aufbauen können -- oder gar nichts. Diese Alternative gilt für alle Meisterdenker, mögen sie jung oder alt sein, der Rechten oder der Linken angehören. Anders gesagt: Außerhalb des Staates weiß niemand, was er will. Hierin ist jedermann Hegelianer.«

Dieses Denken haben also Deutsche entwickelt, doch seine Praxis ist allgemein geworden: »Dieses Herrschaftsdenken bedeckt den Planeten, es geht ebenso von Washington und Peking wie von Moskau aus!«

Ähnlich, nur noch finsterer, pessimistischer schließt Lévy: Macht und Staat sind allgegenwärtig, es gibt keine Geschichte ohne sie. Auch das Individuum ist keine selbständige Person, sondern nur ein »reiner, formbarer Effekt dessen, was vor ihm da war« -- der Macht also, des Staates, der Politik.

Das aber bedeutet: Revolution und Befreiung sind schlicht unmöglich. Die »einzig geglückte Revolution« ist für Lévy der totalitäre Staat. Marx ist auch darin »der Machiavelli unserer Zeit«, denn »der Marxismus ist auch eine Polizei«, wie der Archipel Gulag beweist: »Man glaubt vor dieser allumfassenden Vernunft zu träumen, die nicht müde wird, den Erschossenen gegen die Schützen unrecht zu geben.«

Die Politik, also der Marxismus als totalitär-herrschaftliches Resultat von Geist und Geschichte Europas, ist also allmächtig, aber es ist moralische Pflicht, dem Marxismus zu widerstehen -- also aus der Politik zu fliehen?

Kunst, Ethik, Einsamkeit sind bei Lévy Momente dieser seiner Resignation. Kein Wunder, daß die Marxisten Francois Aubral und Xavier Delcour in einer bereits in hoher Taschenbuchauflage unters Volk gebrachten Polemik »Gegen die neue Philosophie« von »Pariser Ästheten« und »neuem Obskurantismus« sprechen.

Aubral, 27, verkündete ebenso: »Die »neuen Philosophen« haben ... eine Landschaft der Apokalypse ohne Ausweg gezeichnet, haben die Menschen zur Resignation verdammt und jeden Wunsch nach Veränderung in ein Vorzimmer des »Gulag« verwandelt.«

Mit ätzender Bosheit urteilte hingegen Alt-Trotzkist Cornelius Castoriadis: »Wer gibt zum Beispiel Bernard-Henri Lévy die Möglichkeit zu sprechen und zu publizieren? Woher kommt es, daß er ein Philosophie-Marketing veranstalten kann, anstatt der achte Parfüm-Händler im Harem eines Sultans zu sein -- was vielleicht mehr der »Ordnung der Dinge« entspräche?«

Und Régis Debray, einst Freund Ché Guevaras und Untergrundkämpfer in Bolivien, nannte das Denken der neuesten Linken, der »Klageweiber«, eine »Druckknopf-Philosophie«, in der es keine wirklichen Analysen gebe.

Auch Sozialistenchef Mitterrand sorgte sich vor seinen Getreuen: »Will nicht die Rechte »die neuen Philosophen« im Wahlkampf gegen die Linke verwenden?«

Erst im Herbst will Mitterrand öffentlich -- und zwar schriftlich -- auf die Herausforderung der allerneuesten Linken antworten. Seine Antwort dürfte wahrscheinlich so ausfallen: Wir Sozialisten sind gegen jede »Barbarei mit menschlichem Antlitz«, aber der Sozialismus ist nicht umstandslos Totalitarismus, sondern im Westen durchaus ohne das System »Gulag« möglich -- und auch die Eurokommunisten hätten das begriffen.

Doch Neu-Philosoph Lévy bleibt mehr als skeptisch. Zwar will er für Mitterrand, für die Volksfront votieren, doch er fürchtet fUr die Zukunft eine Wahl »zwischen den Tugenden des Galgens und dem Charme des Fallbeils«.

»Denn darin«, schreibt er in seiner brillanten »Antwort an die Meisterzensoren«, »unterscheiden wir uns im Grund von den Staatsintellektuellen: Wir sind bereit, alles in unserer Macht Stehende zu tun, damit diese Art der Wahl nicht eines Tages unvermeidbar wird; sie tun alles, was sie können, damit diese Wahl nicht nur unumgänglich, sondern auch legitim und vernünftig wird.«

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