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FILM Die Traumtänzer

Mit Federico Fellinis »Ginger und Fred« werden an diesem Freitag die 36. Berliner Filmfestspiele eröffnet. *
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 7/1986

Das Schicksal selbst hat den beiden in einem scheußlich fremden Hotel benachbarte Zimmer zugewiesen. Doch an dem Schnarchen, das nachts quälend durch die Wand dringt, erkennt Amelia ihren Pippo nicht wieder, von dem sie sich vor 30 Jahren unter Schmerzen losgerissen hat. Und als sie empört an der Nebentür pocht, schreckt sie vor dem verquollenen Gesicht zurück, das da erscheint. Er, Tränensäcke unter den trüben Augen, strähnig schütteres Grauhaar um den Kopf, stammelt verlegen: »Also, ich hätte dich nicht wiedererkannt ...«

Die Begegnung zwischen »Ginger« und »Fred«, von beiden vielleicht seit langem uneingestanden herbeigesehnt, ist erst einmal ein Moment schmerzhafter Enttäuschung. Am folgenden Tag, als die Szene in strahlendem Fernsehlicht arrangiert wird, sorgt Geigenschluchzen für romantischen Glamour, für Überschwang, für einen Augenblick der Illusion, die Zeit sei aufgehoben.

In den vierziger Jahren sind Amelia und Pippo mit einer Steptanz-Imitation des Kino-Traumpaares Ginger Rogers und Fred Astaire durch drittklassige Varietes getingelt; dann hat sich Amelia vor dem schäbigen Show-Glanz und dem leichtfüßigen Pippo in das kleine Glück einer Ehe gerettet, in die Provinz-Bescheidenheit einer Hausfrau und Mutter. Doch nun ist das Fernsehen gekommen und hat Schicksal gespielt, hat in Amelia den lange begrabenen Traum von den Lichtern des Varietes und von Pippo aufgeweckt, um die beiden auf der Bühne einer bunten Weihnachtsshow nach

30 Jahren noch einmal zusammenzuführen.

»Der wahre Künstler ist ein Wolf, wenn der Wald ruft«, sagt Amelia, arg pathetisch, als sie - in der ersten Szene von Federico Fellinis Film »Ginger und Fred« - im römischen Hauptbahnhof aus dem Zug gestiegen ist: eine zierliche ältere Dame im karierten Mantel, ein etwas zu keckes bordeauxrotes Jägerhütchen über der Stirn. Sie hat noch immer die wunderbar großen, arglos staunenden Kinderaugen, die sie vor vielen Jahren berühmt gemacht haben.

Amelia könnte auch Melina heißen. Melina hieß Giulietta Masina in ihrer ersten Kinorolle, vor 35 Jahren, in Fellinis erstem Film »Lichter des Variete": Sie spielte eine drittklassige Tingeltangel-Tänzerin, die sich weg von ihrem leichtsinnigen Partner nach einem bescheidenen Glück im Winkel sehnt.

Die kleine, schäbige Welt der Revue-Artisten, Jahrmarktsgaukler, Photoroman-Darsteller, Wanderzirkus-Künstler: davon hat Fellini in seinen frühen Filmen erzählt. Diesen naiven Hausierern mit Illusionen war er zugetan, zärtlich und melancholisch. Jetzt, 35 Jahre nach den »Lichtern des Variete«, erzählt er von der monströsen Illusions-Fabrikations-Maschine, die, durch und durch zynisch und ohne Magie, die Flitterwelt der kleinen Gaukler und Gauner verschlungen hat: das Fernsehen, ein Moloch, der alles verdaut. An der Stelle der Ahnenbilder, sagt Fellini, steht in den guten Stuben der kleinen Leute jetzt der Fernsehapparat.

Amelia, die Witwe aus der Provinz, die sich in die Höhle dieses Ungeheuers hat locken lassen, verliert bald den Mut. Vom Bahnhof hat man sie durch eine Stadt, die nur aus Müllhaufen zu bestehen scheint, in das scheußliche »Manager Palace Hotel« verfrachtet, wo alle Gäste der Weihnachts-Fernsehshow zusammengepfercht sind. Über allgegenwärtige Bildschirme flimmern unentwegt Werbespots, ein Brei grotesker Bilder (den Fellini selbst mit Grimm inszeniert hat). Schon in der Hotelhalle begegnet Amelia Doppelgängern von Ronald Reagan und Königin Elizabeth, im Speiseraum

am Nebentisch posieren die Herren Kafka und Proust mit Clark Gable, die Doubles von Bette Davis und Woody Allen werden über Lautsprecher gesucht - soll das Traumpaar »Ginger und Fred« in dieser äffischen Doppelgänger-Parade vorgeführt werden? Amelia will fliehen und bleibt doch, weil sie auf Pippo hofft, der irgendwann kommen muß.

Pippo ist unter all den Doppelgängern ein besonderer: Fellini hat Marcello Mastroianni, der im Lauf von 25 Jahren so oft sein Alter ego auf der Leinwand war, zu einem peinlich heruntergekommenen Fellini-Doppelgänger gemacht, mit kleinkariertem Hütchen und locker umgeworfenem Schal, mit breitem Gesicht und zerzausten Locken um den halbkahlen Schädel - und Mastroianni stellt diesen müden Hampelmann mit leiser, ganz uneitler Behutsamkeit dar. Pippo ist ein Wrack, ein Schnorrer und Schwadroneur, der erst mal einen Schuß Grappa braucht, um einen Abglanz seines Charmes von einst auf das Gesicht zu kriegen, und sein letztes Unterhaltungstalent besteht darin, Kumpane an Kantinentischen mit gereimten Zoten zum Wiehern zu bringen. Pippo ist, mit Blick auf Fellini, ein geradezu höhnisches Selbstbildnis des Künstlers als alter Sack.

Das Weihnachtsspektakel, das dann über die Bildschirme geht, von dem Showmaster Franco Fabrizi mit eiskaltem Charme serviert, ist eine volle Bescherung: Die Wunderkuh mit den 20 Zitzen und der Hund, der seit dem Tod des letzten Papstes unaufhörlich winselt; der Mafioso in Handschellen, der für seinen TV-Auftritt Knasturlaub bekommen hat, und die hysterische Frau, die aus Liebe zu einem Außerirdischen Mann und Kindern entlaufen ist; der Erfinder eßbarer Damenslips, das Bläserseptett der hundertjährigen Greise und der kleine Wundermönch, der fliegen kann; dazu Revuegirls, Bodybuilder, Liliputaner und Transvestiten - es gibt nur eine gnädige Chance in diesem Show-as-show-can: daß die ganze gräßliche Lebens-Verwurstungsmaschine zusammenbricht.

Zweimal im Gang der Geschichte fällt der Strom aus und taucht alles in Dunkel und Stille, das zweite Mal mitten im Auftritt von »Ginger und Fred": So gibt Fellini den beiden vor tausendköpfigem Publikum auf der dunklen Bühne ein paar Herzschläge lang wirkliche Nähe, Zuneigung, Rührung des Wiederfindens. Dann der Erfolg, der Triumph, doch sie wissen: »Wir sind Gespenster, die aus dem Dunkel auftauchen und wieder im Dunkel verschwinden.«

Beim wortarmen Abschied am Bahnhof schnorrt Pippo mit nassen Augen seiner Amelia ein paar Scheine für ein paar Schnäpse an der nächsten Bar ab; sie gibt sie gern. Die Lichter des Variete sind für immer erloschen, doch es ist nicht so, daß Amelia nur etwas älter, etwas bitterer und um eine Illusion ärmer nach Hause zurückfährt. Urs Jenny

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