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Die U-Bahn fährt 200

Nahaufnahme: Im U-Bahnhof Alexanderplatz erreicht die Kunst des Berliner Zeichners Marc Brandenburg ein neues Tempo.
Von Moritz von Uslar
aus DER SPIEGEL 12/2007

Das Volk, das die Treppen vom Alexanderplatz hinunter zum Bahnsteig der U2 strömt, muss durch einen niedrigen, gekachelten Gang, in dem an diesem Berliner Morgen die Plakatwände des Künstlers Marc Brandenburg lehnen. Es sind - was man wissen muss, damit man es erkennt - Bleistiftzeichnungen, am Kopierer ins Negative gekippt, im Original nicht größer als ein halbes DIN-A4-Blatt. So, auf zwei mal vier Meter vergrößert und nebeneinander aufgestellt, ergeben sie einen irren, wirren und fluoreszierenden Strom der Motive: Demonstrationszüge mit Fahnen und Spruchbändern, eine Jahrmarktbude mit der Aufschrift »Candy Circus«, ein in Deutschland-Fahnen gehüllter Fußball-Fan, Michael Jackson, eine Ronald-McDonald-Figur, ein Sensenmann im Bikini, der sich aus einem Fenster in einen Berliner Innenhof lehnt.

Das Volk schleppt Tüten, telefoniert und stiert auf den Boden und möchte auf dem Weg zur Arbeit lieber gemütlich schlechte Laune haben, als Kunst zu betrachten - und hat so intuitiv den richtigen Blick: Im Vorbeigehen sieht man mehr. Die Kunst des Marc Brandenburg ist in Bewegung, man erfasst sie also am besten, wenn man sich selber in Bewegung setzt.

»Bleibt das so?«, fragt nun eine Oma und stoppt ihr Einkaufswägelchen vor den angelehnten Plakatwänden. »Nicht doch, das wird noch!«, erklärt der Künstler mit dem Taliban-Bart und dem Fred-Perry-Hemd und stellt sich bei der Betreuung der betagten Besucherin sympathisch hektisch an. Eigentlich sollten die 32 Wände der Ausstellung »Underground« von Marc Brandenburg längst auf den Hintergleisflächen am Bahnsteig der U2 hängen. Das wird sich nun wegen »erheblicher Sicherheitsmängel« - die Dübel in den renovierten U-Bahnhof-Wänden sind locker - um eine Woche bis Freitag früh verzögern.

Die übliche Berliner Mischung also aus Aufgekratztheit und Ratlosigkeit - macht aber nichts: Zu sehr überwiegen die Überraschung und die Freude darüber, dass die Arbeiten Brandenburgs ausgerechnet in einem U-Bahnhof auf ihrer idealen Ausstellungsfläche, einem geradezu gespenstisch richtigen Ort, dem Ort ihrer Bestimmung, angekommen sind. Dort sind sie bis Ende Juni zu besichtigen. Der Künstler gibt rasch noch ein Fernsehinterview. Zur Vernissage am Bahnsteig werden am Abend, auch wenn die Bilder noch nicht hängen, Brezeln und Champagner geliefert.

Marc Brandenburg, 41, Sohn eines amerikanischen GIs und einer Deutschen: In der Subkultur der West-Berliner achtziger Jahre machte er sich als Punk, Modemacher und Türsteher einen Namen. Seit 1993 zeichnet er mit Bleistift - spätestens seitdem die Hamburger Kunsthalle und das MoMA in New York seine Arbeiten in ihre Sammlungen aufnahmen, gehört der gebürtige Berliner zum Kreis der gefragten jungen deutschen Künstler.

Gleich mit der ersten Zeichnung nahm Brandenburg die Normierung seiner Kunst, den Fluss, den Strom, die filmische Streckung seiner zunächst fotorealistischen Arbeiten, in den Blick. Seine Motive lassen sich scheinbar beliebig loopen und samplen, also wiederholen, spiegeln, neu zusammensetzen. Sie ergeben so ein niemals abgeschlossenes, immer wieder andersartig verfremdetes Puzzle und Kaleidoskop.

Dabei kommt Brandenburg von der denkbar kleinen und bescheidenen Form, der Bleistiftzeichnung. Sein Format ist das halbe DIN-A4-Blatt, seine Werkzeuge sind die Bleistifte der Firma Faber Castell mit der Kennung 2H (für den zarten Strich), HB (den Mittelwert) und 5B (die tiefen Schwarztöne). Wie keinem anderen Medium hängt der Zeichnung die Aura des Intimen, aber auch des Entwurfs, des Unfertigen und Provisorischen und damit Zweitrangigen an: Schon in der Renaissance war die Zeichnung nicht mehr als die kunstvolle Skizze für das eigentliche Werk, das Gemälde oder Fresko.

Brandenburg berichtet von gelegentlich »körperlichen Schmerzen«, wenn er sich in seine Form, die Feinheiten seiner Bleistiftstriche hineinbeugt. Der logische Schritt hinaus in den schmerzfreien, größeren Ausdruck war die Abstraktion, die technische Verfremdung der Motive - sie habe sich, so der Künstler, eben deshalb, weil sie notwendig gewesen sei, immer wieder zufällig ergeben: Nach dem Abzeichnen der fotografierten Vorlage kam ihre Spiegelung ins Negative, die Umkehr von Schwarz- und Weißtönen am Kopierer, dann das Dehnen der digitalisierten Vorlage am Computer. So entsteht der Glanz, der Speed, der schimmernde Rhythmus seiner Zeichnungen. Brandenburg: »Mir schwebte immer die traditionelle Handzeichnung vor, aber - bitte - in modern.«

Seit 2001 stellt Brandenburg seine Zeichnungen im Schwarzlicht aus, was das Schwarz zum Verschwinden, das Weiß zum Leuchten bringt - ein gleichermaßen simpler und grandioser Effekt. Wenn die Berliner U2 also demnächst in den Bahnhof Alexanderplatz einfährt, dann bremst sie ab und wird gleichzeitig durch die Kunst beschleunigt. Dann geht es ab. Dann fährt die stehende U-Bahn plötzlich 200.

Wie kommt Brandenburg aber zu seinen Motiven? Ist er mit seinen Plakatwänden, auf denen linke Skinheads neben Ronald McDonald, dem Symbol des globalen Kapitalismus, demonstrieren, nicht gar ein politischer Künstler?

Brandenburg zögert, isst Brezel, die U-Bahn fährt ein: »Ich bin schwarz. Und ich heiße Marc Brandenburg. Nun, ich denke, das ist politisch.« MORITZ VON USLAR

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