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ZEITGESCHICHTE Die Überlebenden der »St. Louis«

aus DER SPIEGEL 22/1999

Am 13. Mai 1939 verläßt die »St. Louis« den Hafen von Hamburg und erreicht zwei Wochen später, am 27. Mai, Havanna - mit 937 Passagieren an Bord, die kubanische »Landungszertifikate« mit sich führen. Doch nur 28 Flüchtlinge dürfen an Land gehen. Der kubanische Präsident Federico Laredo Brú erklärt die Zertifikate für ungültig und gibt dem deutschen Kapitän der »St. Louis« die Order, die kubanischen Hoheitsgewässer zu verlassen. Der Dampfer nimmt Kurs auf Florida, doch auch die amerikanischen Behörden weigern sich, die jüdischen Flüchtlinge aufzunehmen. Das Schiff nimmt wieder Kurs auf Europa. Am 17. Juni 1939 endet die Reise der »St. Louis« im Hafen von Antwerpen. Zehn Wochen später greift Hitler Polen an.

Die »Reise der St. Louis« wurde zu einem tragischen Symbol für bürokratischen Antisemitismus und Mitschuld durch unterlassene Hilfeleistung. Fast alle Forscher nahmen bisher an, die meisten Passagiere der »St. Louis« seien bei der »Endlösung« ums Leben gekommen.

In den letzten drei Jahren stellten zwei Historiker am Holocaust Memorial Museum in Washington, Sarah Ogilvie, 38, und Scott Miller, 40, die komplette Liste der Passagiere zusammen und suchten in Deportationslisten, Gedenkbüchern und Unterlagen jüdischer Organisationen nach den Namen der Verschwundenen. »Es war leichter, die Ermordeten als die Überlebenden zu finden«, sagt Scott Miller. Schließlich gelang es, fast alle Schicksale der »St. Louis«-Passagiere zu rekonstruieren. »Wir wissen inzwischen, daß etwa die Hälfte den Holocaust überlebt hat«, sagt Sarah Ogilvie. Die meisten, die in Frankreich, Holland und Belgien gestrandet sind, hatten keine Chance, während diejenigen, die Zuflucht in England fanden, zwar als »Enemy Aliens« behandelt wurden, aber immerhin das Kriegsende erlebten. Heute sind noch etwa hundert »St. Louis«-Passagiere am Leben, 85 in den USA, einige in Australien, Südamerika und Israel, je einer in Frankreich, Holland und »Berlin, Germany«. Nur noch 23 Namen stehen auf der Suchliste. Eine kleine, sorgfältig zusammengestellte Ausstellung im Holocaust Memorial Museum illustriert die »Reise der St. Louis«. Zu sehen sind Ausweise, Fotos aus Familienalben, Briefe, Postkarten, Zeitungsberichte. Weitere Informationen gibt es über die Website des Museums: »www.ushmm.org«.

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