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THEATER Die Welt ist eine Mördergrube

Spektakulärer Auftakt für die Salzburger Festspiele: Das belgische Duo Tom Lanoye (Text) und Luk Perceval (Regie) hat Shakespeares Königsdramen-Zyklus zu einer Zwölf-Stunden-Show gerafft - bildmächtig und mit wirkungsbewußter Bravour. Von Urs Jenny
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 30/1999

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. In die Welt von Shakespeares Königsdramen übersetzt bedeutet das: Nach der Schlacht ist vor der Schlacht. Denn damals und dort war es nicht die Regel, sondern die Ausnahme, daß ein König aus freien Stücken in seinem Bett starb. Man starb in der Schlacht, oder man wurde geschlachtet, was auch heißen konnte: ertränkt, erwürgt, vergiftet, geköpft oder gehenkt - traditioneller Schauplatz dafür war der Londoner Tower, dessen Grundstein (wie man zu Shakespeares Zeit glaubte) Julius Cäsar persönlich gelegt hatte.

Traditionelles Zentralrequisit dieser Königsdramen ist natürlich die Krone, Symbol der Gewißheit, daß der König - bei den Pharaonen oder Inkas nicht anders als in der mittelalterlich-britischen Feudalgesellschaft - von Gott eigenhändig erwählt und gesalbt worden sei. Daß es mit der Thronfolge dennoch nie wie am Schnürchen klappt, liegt bei Shakespeare nicht so sehr an spielverderberischen Interventionen des Teufels, vielmehr an Frau Fortuna, der »Dirne von Gevatter Tod«, die immer ein großes Rad dreht und Herrscherschicksale nach dem Lotterieprinzip ausspielt.

Das letzte Mal, als dieser Shakespearsche Historienkosmos in gerafftem Zyklus bei den Salzburger Festspielen auf die Bühne kam, 1973, trug er den Titel »Spiel der Mächtigen«, und als Generalunternehmer sorgte der Regisseur Giorgio Strehler für theatralische Noblesse. Diesmal zeichnet das belgische Team Tom Lanoye (Text) und Luk Perceval (Regie) für das Dramenmarathon mit dem Titel »Schlachten!« verantwortlich, und wie überall auf der Welt oder dem Welttheater geht es dabei inzwischen erheblich wüster zu.

Das Besondere an all den Schlachten und all dem Schlachten ist: Man ist zuerst und zuletzt sich selber Feind, und es bleibt immer alles in der Familie. Der große König Eduard III. regierte England so lang, nämlich das halbe 14. Jahrhundert, daß keiner seiner sieben Söhne nach ihm auf den Thron kam, vielmehr unter den Enkeln und Urenkeln ein Erbfolge-Hickhack ausbrach, das sich blutig über ein gutes Jahrhundert hinzog, von Richard II. bis zu Richard III., wobei Rebellionen in Irland einerseits und der Hundertjährige Krieg mit Frankreich andererseits auch oft blutigen Einsatz auf fremden Schlachtfeldern verlangten.

Shakespeares dramatische Nacherzählung (die natürlich von historischer Akkuratesse im heutigen Sinn weit entfernt ist) braucht für all das acht abendfüllende Stücke - das macht die Chronik der Eduard-Erben zur einen der beiden überragenden Weltgeschichtstheater-Familienserien, vergleichbar nur mit den Geschicken der Atreus-Sippe, die Stoff für Dutzende von antiken Tragödien lieferte.

Im Riesengehäuse der alten Saline auf der Pernerinsel in Hallein - einem sogenannten Industriedenkmal, das sich als Außenposten der Salzburger Festspiele für progressivere Schauspiel-Unternehmungen bewährt hat - huschte vergangene Woche der belgische Regisseur Perceval, 42, in langen nächtlichen Proben-Seancen zwischen der Zuschauertribüne und der Bühne hin und her: Sachwalter Shakespeares wie seiner selbst.

Perceval, ein schmaler Mensch mit modisch geschorenem Schädel, meist in T-Shirt und kurzer Hose, ein Schwärmer mit offenbar panzerbrechender Durchsetzungskraft, ursprünglich Schauspieler, war Mitte der achtziger Jahre in seiner Heimatstadt Antwerpen Mitgründer der freien Gruppe »Blauwe Maandag Compagnie«, die in der flämisch-niederländischen Szene rasch zu Ruhm kam und seit zwei Jahren nun im Antwerpener Schauspielhaus ein festes Quartier besitzt.

Von Frau Fortuna - als deren Handlanger man den Landsmann Gerard Mortier und den bewährten Hamburger sowie nun auch Salzburger Schauspielchef Frank Baumbauer betrachten darf - ist dieser Perceval nach Hallein geführt worden, um dort seinem Shakespeare-»Schlachten!«-Spektakel, das er ein halbes Jahr lang in Hamburg einstudiert hatte, für die Festspieleröffnungspremiere am Sonntag, von morgens elf bis abends elf Uhr, letzten Glanz zu geben. Sie bedeutet für ihn das Debüt auf der Welttheater-Szene.

Ursprünglich, vor sechs oder sieben Jahren, so sagt Perceval, hatte er nur das beliebte Schauerstück »Richard III.« inszenieren wollen. Doch je tiefer er sich in dessen Vorgeschichte hineinlas, desto unentbehrlicher erschien sie ihm. Das Wunderbare an Shakespeare ist ja, daß man über seine tieferen Absichten nichts weiß, daß aber in seinen Stücken unergründlich mehr steht, als er selbst ahnen konnte. Eben dies, unter anderem, macht ihn zum Dichter des Jahres, der Jahrzehnte, des Jahrhunderts und des Jahrtausends.

Das Allgemeinste, was seine achtteilige Herrscher-Chronik offenbart (deren zweite Hälfte auch als »Die Rosenkriege« bekannt ist), galt vor 600 Jahren, als Richard II. gestürzt wurde, wie vor 400 Jahren, als Shakespeare die letzte dieser Historien schrieb, und wie seither fort und fort: daß der Mensch des Menschen Wolf ist und daß es immer noch schlimmer kommen kann, als man gedacht hatte.

Perceval hat sich mit dem flämischen Schriftsteller Tom Lanoye zusammengetan, um dem Riesenwerk eine geraffte und plausible Neufassung abzugewinnen. Es war, so Lanoye, eine Arbeit »mit Abbruchhammer und Kettensäge«, bei der massenhaft Historienstoff und wohl 200 Nebenfiguren auf der Strecke blieben und man sich in Handlungsführung wie Charakteristik immer weiter vom Original entfernte, um die Erzählweise »eher allegorisch und symbolisch« zu machen: Heraus kamen sechs Stücke von jeweils knapp 100 Minuten Spieldauer, zugeschnitten auf die Truppe »Blauer Montag«, also auf 13 durchgehende Schauspieler für rund 50 Rollen - ein paar weniger, als Shakespeare im Schnitt zur Verfügung hatte.

Die Zwölf-Stunden-Produktion mit dem flämischen Titel »Ten Oorlog« (Zum Krieg) war von der Premiere an, Ende 1997 in Gent, eine Sensation; das Remake für Salzburg und Hamburg (wo es von Oktober an im Schauspielhaus zu sehen sein wird) ist Percevals erste Arbeit außerhalb seiner Muttersprache.

Sie hat nichts Ungefähres, nichts Verschwommenes; sie zeigt eine ausbalancierte Kraft und ein prägendes Formbewußtsein bis in jedes Arrangement hinein, vor allem jedoch eine mitreißende Fähigkeit, Schauspieler weit über alles hinaus, was man ihnen in ihrer Solidität zugetraut hätte, zu einem Schein von Größe zu befreien und zu beflügeln - da bewährt sich der Regisseur wahrhaftig als Königsmacher.

Perceval gibt sich, im jähen Sprung aus der Provinz, als europäischer Regisseur von Format zu erkennen: so intelligent wie eklektisch, so traditionsbewußt wie auf der modischen Höhe der Gegenwart.

Shakespeare-Liebhaber werden wohl das erste Stück (der Chronologie, nicht der Entstehung nach) für das kunstvollste halten, das Trauerspiel von dem Dandy und lyrischen Schönschwätzer Richard II., der sich selbstverliebt um Kopf und Kragen schwätzt, dann aber in einem langen Martyrium zum Schmerzensmann läutert.

In Percevals sehr gemessen, fast rituell arrangierter Version, wo man als Hofmode zum nackten Oberkörper einen bodenlangen weiten Rock trägt, glänzt Roland Renner als exaltierter Pirouettentänzer, der in einer Art Kinderliebe mit einem kleinen Mädchen verheiratet ist, seinen Kopf aber öfter in den Schoß seines hübschen Liebhabers bettet: ein bißchen Nero und viel Ludwig II.

Seinen Gegenspieler, das liegt in der Natur der Sache, stellt Bernd Grawert als einen rauhbeinigen Sturkopf dar, der erst später, nachdem er als Heinrich IV. die Krone an sich gerissen hat, auch Leid und grämliche Verbitterung erkennen läßt - vor allem, als er mitansehen muß, wie sein Kronprinz in Gesellschaft eines gewissen Falstaff schamlos über die Stränge schlägt.

Lanoye und Perceval sind Shakespeare-Zertrümmerer, die Heiner Müllers Lektionen intus haben. In ihrem Heinrich IV. steckt durchaus auch Preußens Friedrich Wilhelm I., der seinem mißratenen Sohn das Rückgrat brach - mit vergleichbarem Erfolg: Aus dem Playboy-Prinzen wird der heroische Kriegs-Berserker Heinrich V. In dieser Rolle führt Wolfgang Pregler den ganzen Feldzug als halsbrecherisch-grandiosen Alleingang vor.

Lanoye und Perceval sind aber auch Shakespeare-Verkleinerer und -Verenger: Sie haben einigen Sinn für dessen spöttischen, spitzen Witz, der ja meist kalt ist, doch kein Verständnis für dessen volkstümlichen Menschenhumor, der das Herz wärmt. Der paßt nicht in ihren Kram. Die wenigen komischen Nummern, die es doch gibt, fast alle am französischen Königshof, sind zu schriller Farcenhaftigkeit verzerrt, und mit den Volksszenen sind all die Clownerien und Hanswurstiaden dahin, die Shakespeares Welt doch erst zum Kosmos runden.

Das gewichtigste und prominenteste Opfer dieser Begradigung ist Falstaff, das faßförmige Großmaul, wie der Abonnent es liebt. An seine Stelle ist eine Tunte getreten, genannt La Falstaff (abermals Roland Renner), die in glutroter Abendrobe rührend das Ave Maria singt und für den einsamen Prinzen Mutter- und Liebhaberrolle zugleich spielt.

Es bleibt da (und nicht nur da) ein theatralisches Manko, weil die Konstruktion zu gewollt ist: Lanoye und Perceval haben Shakespeare »allegorisch und symbolisch« so manipuliert, daß ihr England als reine Männerwelt erscheint - polarisiert im Schwulen und im Machohaften -, während die Frau an sich, mit allem, was an ihr lockt und angst macht, aus Frankreich kommt.

Schon die kleine Königin, mit der Richard II. so gern spielt (bis dann, als unheiliges Omen, die erste Menstruation ihr weißes Kleidchen besudelt), kommt aus Frankreich; in Frankreich erbeutet auch Heinrich V. seine Königin; in Frankreich fällt dann, in einer nächsten Runde des Schlachtens, Jeanne d'Arc (Marion Breckwoldt) wie eine Furie über die Engländer her; und aus Frankreich wird auch dem nächsten König, Heinrich VI. (einem verträumten Schuljungen in kurzen Hosen, den René Dumont zart und anrührend spielt), eine Frau aufgeschwatzt - Margaretha, die herrlichste und also schlimmste, die einzige, die sich dieser ganzen männlichen Wildschweine-Welt gewachsen zeigt.

Ihr Mann, Heinrich VI., ist der einzig gütige König, dem der »Schlachten!«-Bummler im Gang der Geschichte begegnet, und also der untauglichste, die Fehlbesetzung schlechthin auf dem Thron, da doch dieser Gang von fortschreitender Verrohung handelt.

Tom Lanoyes stärkste eigenschöpferische und poetische Leistung besteht darin, wie er aus wenig Shakespeare-Material in diese Königsdramenreihe ein Königinnendrama hineingedichtet hat, betitelt »Margaretha di Napoli«, das diese Schlächterin aus Überlebenslust in den Rang einer anderen Medea hebt. Auf Percevals Bühne ist es Nina Kunzendorf, die in dieser Gestalt löwinnenhafte Schönheit und Kraft gewinnt.

Weil es Antrieb gibt, wenn man auf ein Konzept immer noch eines draufstülpt, haben Lanoye und Perceval sich vorgenommen, auch in Sprache und Stil einen Weg aus der Historie bis in die Gegenwart zurückzulegen, so etwa vom höfischen Zeremoniell bis ins Tarantino-Kino.

Programmgemäß parlierte der Feingeist »Richard Deuxième«, mit dem die szenische Chronik begann, gern französisch, und ebenso programmgemäß bricht dann in den letzten beiden Stücken mit den Titeln »Eddy the King« und »Dirty Rich Modderfocker der Dritte« angloamerikanischer Slang über die Shakespeare-Verse herein: Die drei bösen Brüder, die sich nun um die Krone prügeln (Andreas Grothgar, Max Hopp und Thomas Thieme), präsentieren sich dem Publikum mit der hüftschlenkernden Attitüde von Gangsta-Rappern, schmeißen mit Kokain um sich, ballern wild in die Gegend, grölen »We are the Champions!« und planschen ausgiebig in einem Bassin herum.

Doch bleibt das alles Attitüde: eine deutsch-englische Kunstmixsprache, die für nichts steht, und ein untergangsbesoffener Aktionismus mit zuviel Trockeneis-Nebel, der eigentlich nicht einmal den Regisseur darüber täuschen kann, daß man - zwangsläufig immer näher bei »König Ubu« - irgendwann nicht immer noch mal beweisen kann: Die Welt ist eine Mördergrube.

Irgendwann, der Erschöpfung nah, fällt es sogar ihm schwer, seine Geschöpfe noch zu lieben. Thomas Thieme jedoch, wie er sich als Richard III., ganz konzentriert, in einem nichtendenwollenden Solo vom Geflüster in ein Gebrüll wie am Spieß hochschraubt, setzt ein geballtes Finale.

Wortmächtiges, bildmächtiges Shakespeare-Theater, auch auf dem hohen Seil zu selbstbewußt, um je abzustürzen: Das ist Percevals Kunst. Die Hölle hat sich nicht aufgetan, dem Chaos haben wir nicht ins Herz geblickt. Großes Theater, das seinen Anspruch, großes Theater zu sein, einen ganzen Tag lang stolz vor sich herträgt.

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