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Am Rande Die Zeit ist reif !

Von Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 43/1997

Noch fast ein Jahr bis zur Bundestagswahl, und schon rüsten sie zur Attacke: Dr. Helmut Mörchen, Dr. Michael Klapperstück, Ursula Jennemann-Henke, aber auch Leonie Ossowski, Hanns-Dieter Hüsch, Katja Ebstein, Günter Grass und viele andere engagierte Mitbürgerinnen und Mitbürger. »Die Zeit ist reif für den Wechsel!« rufen die Vor- und Querdenker des Landes wie einst im Mai und wecken politische Frühlingsgefühle - mit dem Duft von Freiheit und Abenteuer. Gleich zu Beginn ihres flamboyanten Appells »Was wir von einer SPD-geführten Regierung erwarten« bohren sie den Zeigefinger tief in die Wunde - Schluß mit der »verheerenden Politik« der Bundesregierung, die »unser Land immer mehr zur Operationsbasis für eine Minderheit selbsternannter Eliten« habe verkommen lassen. Als Rechtfertigung für ihr »eklatantes Versagen«, so auch Lindensträßling Hans W. Geissendörfer, Protestgrafiker Klaus Staeck und Friedrich Fürchtegott Schorlemmer, diene der Bonner Rechts-Koalition das »vage Gerede von der Globalisierung«, jener Schimäre der konservativen Kahlschlag-Rhetorik, mit der der schändliche »Unterbietungswettbewerb der Nationalstaaten« vorangetrieben werde.

Lange schon haben wir darauf gewartet, daß sie sich zurückmelden, die Blechtrommler zwischen Stade und Starnberger See, die Elite der Mahn- und Streitkultur. Unvergessen die Schlachten um die Diskurshoheit in den Fußgängerzonen und Mehrzweckhallen der Republik, »Willy wählen«, »Nie wieder Faschismus!«, »Nie wieder Krieg!« Und nun, wie aus dem Nichts, der Potz-Blitz-Paukenschlag gegen die »neoliberalen Marktradikalisten«, von bestechender, kompromißloser, ja, auch radikaler Präzision: »Bekämpfung der Arbeitslosigkeit«, »ökologische Vernunft«, »soziale Gerechtigkeit«, Vielfalt der Kultur und ein »friedliches Zusammenleben von Deutschen und Ausländern«. Manch einer mag da zurückschrecken vor soviel intellektueller Kühnheit, aber nur mit verwegener Denkanstrengung vermag das Unerhörte den Weg in die Wirklichkeit zu finden. Mit diesem Aufruf aus dem Phrasen-Repertoire des SPD-Kreisverbandes Heidelberg ist es wieder ein wenig wärmer geworden in Deutschland.

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