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FERNSEHEN DIESE WOCHE

aus DER SPIEGEL 5/1969

1925 haben sich die meisten Kulturnationen in einem Genfer Protokoll verpflichtet, keine chemischen und bakteriologischen Kampfmittel anzuwenden. 1969 bereiten totalitäre und demokratische Regierungen immer noch den Vernichtungskrieg mit Giftgas und Seuchenerregern vor.

In modernen Forschungslabors werden Cholera-, Fleckfieber-, Pestbazillen gezüchtet und Nervengase entwickelt, »die der Wirksamkeit der Kernwaffen nicht nachstehen": Ein Fingerhut-Quantum Gas tötet 60 Menschen, ein Röhrchen Milzbrand-Keime bringt Millionen um.

Fernsehjournalisten der BBC, die erstmals auf dem Gelände des strengbewachten britischen Forschungszentrums Porton Down filmen durften, zeigen die wissenschaftlichen Vorbereitungen zum Massenmord und die Verteidigungsbemühungen in einer nüchternen, ernüchternden Reportage: Testfelder und Versuchstiere werden mit tödlichen Substanzen besprüht; ein Kaninchen, dem man Nervengas injiziert, verreckt sekundenschnell.

Den Laborbericht -- in Schweden konnte das Team die Destillation von Giftgasen filmen -- haben die Reporter durch Interviews mit Wissenschaftlern und Aufnahmen aus der Kriegspraxis ergänzt: US-Flugzeuge verseuchen seit langem die Felder vietnamesischer Bauern, und der amerikanische Pflanzenphysiologe Galston kommentiert: »Das ist einfach Dummheit. Gleich, wer den Krieg gewinnt -- den Boden benötigt man zur Ernährung.«

Vor allem in den USA werden hohe Summen für die Entwicklung von Massenvernichtungsmitteln ausgegeben. Doch auch jeder kleine Staat, so erläutern die BBC-Autoren, »kann sich heute die Mittel beschaffen, um als biologische Kriegsmacht aufzutreten«.

»In einem solchen Film kann mehr Evangelium sein als in einer falsch verstandenen Bibelstelle« -- Schlagerpfarrer Hegele hat es schon vor einem Jahr gewußt.

»Man kann nicht genug Godard-Filme zeigen«, meint auch Redakteur Dietmar Schmidt vom evangelischen Pressedienst »Kirche und Film« in der unvermeidlichen Film-Diskussion, nachdem das monströse, grausige, mörderische, kannibalische »Weekend« (SPIEGEL 28/1968) gesendet worden ist. Auch er sucht in diesem »Menetekel aus Blut und Schrott« nach »Spuren des Evangeliums«.

Sein Gesprächspartner Pater Reinhold Iblacker von den katholischen »Stimmen der Zeit« sucht gleichfalls und findet: »Ein sehr trauriger Film.« Francois Bondy aus Paris, im deutschen Fernsehen ein immer wieder gern gesehener Disputant, sieht im »Weekend« »doch mehr Reifenspuren als Spuren des Evangeliums«.

Für Karena Niehoff aus Berlin ist das »Weekend« ein »Film mit Blut und ohne Tränen«, eine »subtile Form des Agitprop-Theaters«. Günter Graf aus Münster erkennt darin eine »Eskalation der Brutalität«, aber auch einen »heilsamen Schock«.

»Selten«, sagt Schmidt, »ist mir bei einem Film so klargeworden, daß Godard ein Moralist ist.« Das will aber Bondy nicht wahrhaben. Godard, sagt er, ist »eine Art visionärer Reporter« und außerdem ein »Prophet der französischen Mai-Revolution«, der »die Kritik an der Wirtschaft der Konsumenten so weit führt, daß die Konsumenten selber am Ende konsumiert werden«.

Aber nein: »Wer nach einer Aussage gräbt bei solch einem Film«, sagt Schmidt, »der liegt schon von vornherein schief.« Doch Aussage oder nicht, seinen Segen erteilt er: »Wenn man Menschen von solchen Filmen fernhält unter dem Deckmantel der sogenannten christlichen Barmherzigkeit, dann tut man ihnen ja wohl den kleinsten Gefallen. Man muß sie damit erschüttern.«

Das meint auch Frau Niehoff. »Der Film«, bekennt sie, »hat mich irritiert und teilweise verwirrt, aber genau das ist es ja, Was wir brauchen.«

Denn siehe: Unerforschlich sind die Spuren des Evangeliums in Godards »Weekend«.

Ein Führer war immer dabei: Er kam vom Staatlichen Rundfunkkomitee aus Ost-Berlin und begleitete drei Wochen lang diskret ein britisches Fernsehteam, das die DDR-Bezirkshauptstadt Potsdam (110 000 Einwohner) »beobachten« wollte. Trotz der Aufsicht gelang den englischen Journalisten ein Stadt-Bild, das nicht nur Schloß Sanssouci, den Cecilienhof und das Neue Palais zeigt.

Es zeigt vor allem den volkseigenen Alltag: In einer »Brigade-Besprechung« des VEB Lokomotivbau »Karl Marx« fragt ein Arbeiter: »Was tun wir für die Helden Nordvietnams?« -- doch die Kollegen sind mehr an einer Aussprache über die Höhe der Jahresendprämie interessiert. Sie sprechen auch lieber über Familie, Wohnung und Freizeit. In der Freizeit, so zeigt der Film, kann ein Lokomotivschlosser auf dem Jungfernsee trotz hoher Benzinpreise (1,40 Mark pro Liter) Motorboot fahren und Wasserski laufen. Den Baugrund, den er für sein künftiges Eigenheim erwarb, bekam er für drei Mark pro Quadratmeter; für die Altbauwohnung, in der er mit seinen Eltern lebt, bezahlt er den »Stopp-Preis von 1938« -- zwischen 50 und 60 Mark.

Einen anderen Arbeiter begleitet die Kamera aufs Potsdamer Standesamt, wo ihm die Braut nach kommunistischem Ritus angetraut wird. Typisch ist diese Hochzeit nicht: »Nur drei von 100 Paaren bevorzugen eine Sozialistische Eheschließung«; zehn Prozent dagegen treten vor den Traualtar der evangelischen Unionskirche. Die Kinder werden meist in »Betriebskindergärten« untergebracht, denn drei Viertel aller Potsdamer Frauen zwischen 16 und 60 sind »in den Produktionsprozeß eingespannt«.

Mit solchen und ähnlichen Detail-Informationen über das Leben in der DDR lenken die Autoren der Dokumentation -- sie wird mit dem Yorckschen Marsch eingeleitet und endet mit Beatmusik in geschlossener Gesellschaft -- freilich von ihrem Thema ab: »Potsdam heute«. Diese Stadt könnte auch Leipzig, Magdeburg oder Erfurt heißen.

Als die SS-Männer den Häftling Bach in Dachau mißhandelten, quollen ihm die Augen heraus wie bei einem toten Karpfen. In einem Fischgeschäft in Tel Aviv kommt dem einstigen Mitgefangenen Peri dieses Bild wieder in den Sinn, und plötzlich kann er »nicht mehr aufhören, sich zu erinnern«.

Autor Fruchtmann ("Jiemand"), der 1937 nach seiner KZ-Haft aus Deutschland emigrierte und jahrelang nur in englischer Sprache schrieb, kann es auch nicht. Mit grellen Szenen und knappen Dialogen zeigt er in seinem ersten Fernsehfilm das Trauma des KZ-Terrors und die Zwangsvorstellungen der Überlebenden; seine Inszenierung bleibt dabei kühl und distanziert.

Ob auf der Straße, im Café, beim Tanz, unter der Dusche oder im Bett -- die Schreckensbilder des geschundenen, blutbeschmierten Mithäftlings Bach (Rudolf Wessely), scheinbar unmotiviert in die Handlung eingeblendet, gehen Peri (Günter Mack, Photo, r.) nicht mehr aus dem Sinn: Bach war ein Träumer, der noch nach der Folter Gitarre spielte und sang, der nicht strammstehen und sich nicht anpassen konnte.

»Ich bin eine dreckige Judensau«, sollte er zur Gaudi der Aufseher brüllen, aber unter ihren Schlägen konnte er nur noch stammeln: »Ich ... ich ... bin ... ich.«

»Schon damals«, erinnern sich seine einstigen Lagerkameraden Peri und Gurfinkel (Zalman Leviush, Photo, l.), jetzt in Tel Aviv ansässig, »war Bach ein Toter auf Urlaub.« Als ihn die beiden Leidensgenossen, die lange nach ihm gesucht haben, endlich finden, steht er -- schwachsinnig geworden -- an einer Straßenecke und ölt Müttern die Kinderwagen.

Peri spricht für »seinen Bruder« Bach den Kaddisch, das jüdische Gebet für ein totes Familienmitglied. Denn Bach ist ein lebendiger Leichnam.

»In der Wissenschaft gibt es keine angenehmen oder unangenehmen Ergebnisse«, sagt der frühere Post- und Atomminister Balke, »sondern nur richtige oder falsche.« Auch als Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände -- seit 1964 -- blieb der Chemie-Industrielle der alte Technokrat.

Die Wirtschaft, rügt Balke, seit zwölf Jahren CSU-MdB, werde heute allzusehr politisiert. Und er bedauert, daß die Gewerkschaften »ihre Bemühungen vorwiegend darauf gerichtet haben, die paritätische Mitbestimmung zu fordern«.

Mehr Konfliktstoff bietet Autor Raegener in seinem Balke-Porträt nicht. Sein Film -- in der Reihe »Menschen und Mächte« -- porträtiert den höchsten deutschen Unternehmerfunktionär unkritisch und loyal. Denn Balke, Raegener weiß es zu rühmen, hat bei den Filmaufnahmen »richtig mitgespielt": in seinem Bonner Büro, beim Unternehmerbankett in Travemünde, auf dem Flughafen Orly.

»Ich bemühe mich«, sagt der Bochumer Schneidersohn, »alles, was ich tue, mit den Pflichten eines Bundestagsmitglieds zu vereinbaren« -- bis zum Herbst. Denn für den nächsten Bundestag will Balke nicht mehr kandidieren.

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