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DIESE WOCHE

aus DER SPIEGEL 46/1969

Er kommt aus dem Subproletariat, und er hat Frau und Kinder verlassen, weil er aus Überzeugung arbeitsscheu ist.

Als Zuhälter schmarotzt sich der römische Papagallo Accattone (sein Name bedeutet »Bettler") glücklos durchs freie Leben: Seine Mieze, die den Kies herangeschafft hat, wandert in den Knast, seine Frau, die er völlig abgebrannt heimsucht, läßt ihm das Fell versohlen, und die ehrliche Arbeit, mit der es Accattone (Franco Citti, Photo) aus Liebe zu einer neuen Freundin einen Tag lang versucht, wird zu schlecht bezahlt.

So verendet der gammelnde Maulheld nach einem mißglückten Einbruch schließlich auf der Flucht vor der Polizei: Er stürzt mit dem Motorrad -- als Opfer der miesen Verhältnisse, das wollte Pasolini in seinem Debütfilm zeigen, die einem Underdog keine Chance lassen.

Die Diskrepanz zwischen sozialer Vor-Programmierung durch Herkunft und sinnvoller Selbstverwirklichung hat der italienische Marxist und skeptische Katholik Pasolini, 47, nach diesem Erstling noch oft gedeutet -- zuletzt ("Teorema«, »Edipo Re«, »Porcile") mythisch, mystisch und allegorisch.

Aber nie wieder, mit einer einzigen Ausnahme allenfalls, hat der filmende Literat, der Fellini in den »Nächten der Cabiria« assistierte, die naturalistische Oh-Mensch-Haltung des italienischen Neorealismus so bravourös mit dem Frei-Stil von Frankreichs »Neuer Welle« verschmolzen wie hier, zwei Jahre nach Godards »Außer Atem« (1959).

Die Ausnahme: Pasolinis zweiter Film »Mamma Roma« (1962), den das ZDF demnächst sendet.

In ihrem fünffach prämiierten Fernsehfilm »Warum ist Frau B. glücklich?« hat Erika Runge, als Sozialreporterin längst bewährt ("Bottroper Protokolle"), das karge Leben einer Frau aus der deutschen Arbeiterklasse porträtiert.

Doch auch die Karriere-Frauen der Bundesrepublik, so beweist sie mit vielen Interviews, sind schlimm dran -- als Hochschul-Professorinnen, als Ärztinnen, als Meisterinnen, in den Chef-Büros der Industrie. Sie arbeiten so hart wie ihre Kollegen und oft härter noch: »Frauen«, sagt Frau Runge, »müssen doppelt soviel leisten wie ein Mann.«

Wer eine Spitzenposition ausfüllen will, das erklären die meisten Damen in dieser Dokumentation, sollte keine Kinder haben. Sibylla Prieß, Mathematikdozentin in Gießen: »Durch Kinder verliert eine Frau zuviel Zeit.«

Die Vorurteile der Männergesellschaft tun ein übriges. In Industrie-Unternehmen, Krankenhäusern und Behörden, selbst in Symphonieorchestern, kommen Frauen nur mühsam nach oben. Als die Direktorin Elisabeth Harre in der Jugendstrafanstalt Plötzensee ihren Dienst antrat, hörte sie: »Von einem Weib lassen wir uns nichts sagen.« Die Konzertmeisterin Helga Husseis bekam in Deutschland, »weil ich eine Frau bin«, keine Engagements und wanderte nach Schweden aus.

53 Prozent der westdeutschen Bevölkerung sind weiblichen Geschlechts, aber nur drei Prozent der leitenden Stellungen sind von Frauen besetzt. Der Kopf der weiblichen Bundesbürger, kommentiert Erika Runge (Photo), ist offenbar »nur für die Lockenwickler da«.

»Eine Frau sein heißt drunter liegen, und zwar zweckentsprechend« girrt die Zimmerwirtin im Boudoir: Bei ihr sind alle Untermieter obenauf.

Doch stets nur kurz. Dann treibt die Pariser Demi-Dame ihre möblierten Herren nach klassischem Vorbild aus dem Bett ins Verderben. Wie Homers Zauberin Circe, die 23 Männer in Schweine verhext hat, verwandelt Madame Cirqué, eine Bühnenfigur des vor vier Jahren gestorbenen französischen Dramatikers Audiberti, ihre Clientèle in eine Horde von Memmen und Crétins.

Ein Automonteur muß der Frau Wirtin im benachbarten Kloster ständig die Orgel schlagen, einen Buchhalter korrumpiert sie zum Taschendieb. Ihre Tochter Crista tänzelt wirr mit dem Ofenrohe durch die Salons, der Herr Gemahl (Walter Jokisch, Photo) bastelt unablässig Hüte für eine bucklige Greisin, und auch der Detektiv Tienne, der die makabren Machenschaften der Herbergsmutter aufdecken will, wird ihr Knecht.

Auf ihrer Etage lungern Irre, krepieren Selbstmörder, hausen Totschläger. »Das Leben«, so schreit es die welsche Circe in die vom extremen Weitwinkelobjektiv verzerrten Gesichter ihrer Untertanen, »ist ein Hunger, der gestillt werden will.«

Und die Liebe nicht minder. Lüstern räkelt sich Maria Wimmer in der Titelrolle des 1954 geschriebenen Stücks auf der seidenen Chaiselongue. Mit langen Fingern streift sie über Männerbrüste, mit spitzer Zunge kichert und geifert sie ihre sarkastischen Pointen: Eine selbstsichere Schauspielerin, vom Regisseur Ludwig Cremer formatfüllend ins Bild gesetzt, beherrscht für 95 Minuten das Nacht-Programm.

»Modell T« so hieß das legendäre Automobil. und Ford produzierte es in jeder Farbe. vorausgesetzt, Sie wollen es in Schwarz«, rund 15millionenmal. Vom Überschuß seines Auto-Imperiums schaffte sich der Firmengründer Henry Ford I. 1936 ein »schönes Denkmal« an -- die größte Privat-Stiftung der Welt.

Mit einem Grundvermögen von 3,5 Milliarden Dollar hat die »Ford Foundation«, wie ZDF-Reporter Péus (Photo) kurz vor seinem Avancement zum Afrika-Korrespondenten in Nairobi berichtet, den USA und der übrigen Menschheit steuerbegünstigt und heimlich Schrittmacherdienste geleistet. Wo der Staat zögerte, hat das Stifter-Kuratorium unter Präsident MeGeorge Bundy mit seinen Dollars (mehr als 200 Millionen jährlich) nicht lange gefackelt:

Ford-Helfei- bauten Spielplätze im Negerquartier Harlem, ernährten Wermutbrüder in New Yorks berüchtigter Bowery, sammelten Arbeitslose in einer »Straßenakademie« und schickten auch Künstler für ein 60 000-Mark-Jahressalär als Artists in Residence zur Fremd-Arbeit auf die Insel Berlin.

Sie halfen den Mexikanern bei dei Entwicklung eines Wunderweizens und drückten in Mexico City, wo noch immer die Wallfahrer auf den Knien zur »Basilika der Muttergottes mit dem Schweißtuch Jesu« pilgern, durch einen Aufklärungsfeldzug die Geburtenziffer. Sie wagten es sogar, obschon Teil des US-Establishments mit protzigem Verwaltungsgebäude in Manhattan, schwarzen Mitbürgern gegen die weiße Konkurrenz im Geschäftsleben beizustehen.

Kein Wunder darum, daß Péus die Aktivität der Ford-Wohltäter einer reinen Forschungshilfe nach dem Modell der -- überdies vom Steuergesetz benachteiligten -- »Stiftung Volkswagenwerk« hierzulande vorzieht. Kaum erstaunlich auch, daß der Reporter konservative amerikanische Politiker traf, denen die ungehemmte Emsigkeit der Ford Foundation Anlaß genug ist, den Primat des Staates bei der Lösung öffentlicher Sozialaufgaben und damit eine stärkere Kontrolle -- lies: Besteuerung -- der erfolgreichen Privat-Stiftung zu postulieren.

Kwatscha heißt: »Es ist soweit. »Kwatscha!« ruft Hastings Kamuzu Banda (Photo), Präsident der unabhängigen Republik Malawi, auch seinen Landsleuten zu. Doch in Malawi ist es noch lange nicht soweit, trotz 250 Mark Entwicklungshilfe pro Minute.

Dort gibt es zwar freie Wahlen. aber nicht genug gebildete Afrikaner, die ihr Land selbständig verwalten könnten. Die Neger, illustriert Stephan. Afrika-Korrespondent des Bayerischen Rundfunks, sind eben noch nicht reif genug für die Unabhängigkeit.

Und so denkt auch lan Smith, der weiße Premier des Staates Rhodesien. der einst zusammen mit Malawi und Sambia die Zentralafrikanische Föderation bildete: Smith weigert sich, das allgemeine Wahlrecht zu gewähren. und möchte statt dessen, so jedenfalls behauptet er, »die afrikanischen Massen durch kontinuierliche Bildung zur Demokratie erziehen«. Einstweilen dürfen nur Wohlhabende und Gebildete (fünf Jahre Grundschule) an die Wahlurne.

Dennoch haben, laut Stephan, die Eingeborenen Rhodesiens mehr Frieden und Wohlstand als die Farbigen in den Neger-Staaten des afrikanischen Kontinents: Vom Geld der weißen Steuerzahler werden Häuser für die Schwarzen gebaut -- Monatsmiete: 22 Mark. Und mehr als 90 Prozent der Kinder bekommen eine Schulausbildung.

Stephan sprach mit einem schwarzen und einem weißen Staatschef, mit schwarzen und weißen Politikern, mit weißen Siedlern. Mit dem schwarzen Mann aus dem Volk sprach er nicht. Der ist offenbar auch für Stephan noch unmündig.

Hart und gefahrvoll ist das Leben der Bauern und Fischer am Kurischen Haff. Sie trotzen dem nassen Tod, der schon manch einen der Ihren geholt hat; sie trinken viel Schnaps und haben wilde Triebe, und der Bauer Ansas (Karl-Michael Vogler, Photo, r.) kann sie schon gar nicht zügeln. Nach einem saufseligen Leichenschmaus vergißt er sein blondes Eheweib Indre (Ruth-Maria Kubitschek, Photo, l.) und seine Kinder und verfällt, von Fischernetzen umschlungen, in sündiger Leidenschaft der mannstollen Magd Busze (Violetta Ferrart). Das muß böse enden.

Und so endet es auch: Bei einer Fahrt im Fischerkahn nach Tilsit will Ansas seine Indre ermorden, doch da blüht zwischen beiden die alte Liebe und Begierde wieder auf. Und als das Boot dann im Sturme kentert, wird Indre gerettet, und Ansas ertrinkt. In den Dünen wartet vergebens die brünstige Magd.

Schon zweimal zuvor hat Sudermanns Erzählung aus den »Litauischen Geschichten« (1917) zu Verfilmungen angeregt. 1939 lud Veit Harlan zur »Reise nach Tilsit« mit Kristina Söderbaum, viel Naturmystizismus und einem guten Quantum Slawenhaß. 1927 hatte sie Friedrich Wilhelm Murnau unter dem Titel »Sunrise« stumm in die amerikanischen Kinos gebracht -- der Film gilt den Cineasten heute als Murnaus Meisterwerk.

So meisterlich ist Gräwerts Fischer-Drama nicht. Allzu langatmig wirkt seine Vorliebe fürs Detail, allzu entbehrlich sein Faible für die bäuerliche Scholle. Die dritte »Reise nach Tilsit« ist ihr Fahrgeld nicht wert.

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