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GOMBROWICZ Dieses Glitzerding

aus DER SPIEGEL 46/1965

In Berlin hatte er, eingedenk dunkler deutscher Vergangenheit, »den Eindruck«, daß die Stadt »wie Lady Macbeth sich ohne Rast und Ruhe die Hände wasche«. Zuvor war ihm Paris als »eine einzige gigantische französische Gouvernante« erschienen; den Louvre nennt er »einen der dümmsten Orte der Welt«, wo »Leonardo sich mit Tizian in die Fresse haut«.

Denn »soweit wie möglich locker und frei schreiben wie ein privater Mensch«

- das, sagt Witold Gombrowicz, 61, sei eine Methode, die er seit langem anwende.

Diesem gelockerten Freistil ist der exil-polnische Schriftsteller aus Argentinien, der durch den Roman »Ferdydurke« (SPIEGEL 2/1961) sowie andere Roman- und Tagebuch-Bizarrerien in Deutschland bekannt wurde, in seiner jüngsten Publikation treu geblieben: in »Berliner Notizen«, die er über einen einjährigen Berlin-Aufenthalt (Mal 1963 bis Mai 1964) zu Papier und jetzt auf den deutschen Büchermarkt gebracht hat*.

Freilich, weil er »in Berlin ein Gast der Ford-Stiftung und sogar ein Gast der Stadt« war, ermahnt sich der Notizen-Autor am Anfang: »Aufgepaßt, man muß um Zartgefühl und gute Manieren bemüht sein!«

In Paris, wo der Kosmo-Pole auf dem Weg von Argentinien nach West-Berlin Station machte, waren in ihm »Antipathien« gegen »Akzent und Geruch des Franzosentums« erwacht, hatte er die französische Hauptstadt als »häßlich« und ein gewisses Lachen des französischen Avantgarde-Autors Michel Butor, der ebenfalls auf Ford-Kosten nach Berlin eingeladen war, als allzu abweisend empfunden: »Das Lachen einer Büchse Sardinen in der Sahara - barmherziger Gott!«

in Berlin und an den Deutschen entdeckte der »lyrische Clown« (so Kritiker Francois Bondy) Gombrowicz lauter »Artigkeit«, »unermeßliche Korrektheit ... in Kragen, Krawatten, Fingern, Fingernägeln, Schuhen«, »tiefe Moralität in den Augen, aber auch im ganzen Körper, in der Silhouette, vom Hute an bis zu den Schuhen«, »Gutmütigkeit« und durchdringendes »Wohlwollen«, »als wären Lüge, Ironie, Bosheit für immer von hier ausgetrieben«.

Gombrowicz berichtet - auf seine Art mit Zartgefühl - über Begegnungen mit deutschen Kollegen, so über den »Humor von Graß": »Man nahm es ihm übel, daß er auf Bällen im Sportanzug erschien; angesichts dessen ließ er sich einen ungeheuer violetten Smoking machen und gibt auf diese Weise den Diners und Nachmittags-Tees den rechten Chic.«

Der Lederjacken-Träger Uwe Johnson war für ihn einfach »Norden. Ein so nordländischer Nordländer, daß ich nicht ein-, nicht zeieimal beschloß, man müsse dennoch unbedingt ein Gespräch führen ... Nichts wurde daraus«.

Einmal traf Gombrowicz Johnson zufällig in einem Restaurant: »In nordischer Verschämtheit murmelte er etwas, was, wie ich erriet, ein (literarisches) Kompliment ... war. Ich schämte mich seiner Verschämtheit, stammelte irgend etwas hervor, und das Gespräch gelangte auf zwischen uns übliche Themen, also auf Tabakpfeifen, Knöpfe und Aufschläge von Jacken.«

Am meisten beeindruckt war der polnische Berlin-Gast von deutschem Kulturleben ("Diskussion, Diskussion") und von dem »obersten Organisator des Kulturlebens«, dem Professor Walter Höllerer. Gombrowicz über Höllerer: »Die deutsche Tüchtigkeit sprühte aus seinen Augen, seinen Bewegungen, seinen Worten. Ich wußte, daß ich mich in geschickten, gewandten und erfahrenen Händen befand.«

Gombrowicz, der in seinen Werken ein exzentrisches Programm der »Unreife« propagiert, gibt in den »Berliner Notizen« ein Beispiel für die »unheimliche Loyalität des in der Kultur tätigen Deutschen« und für den »unheimlichen (deutschen) Glauben an die Wirklichkeit dessen, was man tut«. Er beschreibt, wie er in einer von Höllerer organisierten Literatur-Diskussion vor Berliner Studenten puren. Unsinn - »unverständlich für sie, für mich selber« - verzapft habe: »Ich sehe, zu meinem eigenen Entsetzen, daß der Saal, unter Vorsitz des ungerührten Höllerer, mich anhört! Ja, emsige, ruhige, ungerührte Köpfe der Studenten, mich anhörende, ich möchte sagen, unverbrüchlich ... Unsinn angenommen als Sinn.«

Nach der Veranstaltung stieß der Exzentriker dann freilich doch auf einiges Befremden. Gombrowicz: »Da erblickte ich Höllerer, er stand an der Wand, hatte sein Lachen unterm Arm wie eine Aktentasche und war irgendwie ein anderer ... Und etwas weiter stand Senator Arndt, mir immer sehr wohlwollend, aber es war eher irgendeine Variante von ihm.«

Als Witold Gombrowicz »dieses Glitzerding West-Berlin, letzte Koketterie des luxuriösen Europa«, im Mai 1964 in Richtung Paris wieder verlie ß, hatte er das Gefühl, »ein schlechter Gast« gewesen zu sein.

Und ahnungsvoll notierte er: »Wetten, daß diese Berliner Erinnerungen hier auch in die Pfoten der Zeitungsschreiber gelangen werden ...«

* Witold Gombrowicz: »Berliner Notizen«. Verlag Günther Neske, Pfullingen; 132 Seiten; 14,50 Mark.

Berlin-Besucher Gombrowicz

Lachen unterm Arm

Berliner Graß (mit Ehefrau)

Ungeheuer violett

Berliner Höllerer, Johnson

Unheimlich loyal

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