Studie zu digitaler Medienkompetenz Nur Grundkenntnisse sind vorhanden

Viele zweifeln an der Unabhängigkeit des Journalismus – und auch Jüngere erkennen seriöse Nachrichten oft nicht: Eine Studie zeigt, wie schlecht sich Menschen in der digitalen Medienwelt zurechtfinden.
Erkennen, verstehen, verifizieren, einordnen: All das müssen Menschen heute können, um sich nachrichtenkompetent durch das Netz zu bewegen

Erkennen, verstehen, verifizieren, einordnen: All das müssen Menschen heute können, um sich nachrichtenkompetent durch das Netz zu bewegen

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OstapenkoOlena / iStockphoto / Getty Images

»Das Internet ist für uns alle Neuland.« Es ist acht Jahre her, dass Angela Merkel diesen Satz sagte – und damit Spott und Hohn auf sich zog. Für Anna-Katharina Meßmer von der Stiftung Neue Verantwortung steckt indes viel mehr Wahrheit darin, als uns allen lieb sein kann – und zwar auch heute noch. Das zeigt eine Studie der Nichtregierungsorganisation , deren Ergebnisse am Montag veröffentlicht werden und dem SPIEGEL vorab vorliegen.

Nachrichten verstehen, verifizieren, einordnen und überhaupt als solche erkennen zu können, das ist mit der Digitalisierung immer wichtiger geworden. Journalistische Angebote sind nur noch eine von vielen Quellen, Internetnutzerinnen und -nutzer nicht mehr nur Empfänger, sondern längst auch Produzentinnen von Informationen.

Mittelmäßiges bis schlechtes Abschneiden

Aber wie gut gelingt es Menschen, die Zuverlässigkeit von Quellen im Netz zu beurteilen? Wie gut können Werbung, Falschinformationen oder Meinungsbeiträge erkannt und unterschieden werden? Wo haben Menschen unterschiedlicher Altersgruppen und Bildungshintergründe Stärken oder Schwächen?

Tatsächlich wurde all das bisher nicht strukturell und repräsentativ erhoben. »Der Fokus der Forschung lag bislang auf Bedienkompetenzen«, sagt Meßmer dem SPIEGEL. »Bei der Frage: Wie gehen Menschen eigentlich mit Nachrichten um? Da dachte man bisher wohl immer: Das lernen die schon mit.« Oft würden auch Selbsteinschätzungsfragen gestellt: Wie kompetent sind Sie im Umgang mit Medien? Denken Sie, dass Sie Desinformation erkennen würden? »Aber wir wissen alle, dass wir uns gern mal besser einschätzen, als wir sind«, sagt Meßmer.

So wurden die Daten erhoben

4191 Nutzerinnen und Nutzer und damit eine repräsentative Stichprobe für die deutschsprachige Bevölkerung mit Internetzugang in Deutschland ab 18 Jahren wurden im Herbst 2020 via Online-Interviews befragt und getestet. Im Testabschnitt wurden in fünf Kompetenzbereichen digitale Fähigkeiten und Faktenwissen abgefragt. Außerdem wurden verschiedene Einstellungs- und Mediennutzungsfragen sowie soziodemografischer Daten erhoben.

Also entwickelte die Stiftung Neue Verantwortung einen Nachrichtenkompetenztest, um konkrete Fähigkeiten ermitteln zu können. Und sie kam zu dem Ergebnis, dass Internetnutzerinnen und -nutzer zwar über einige Grundkenntnisse verfügen, insgesamt aber in fast allen Bereichen überwiegend mittelmäßig bis schlecht abschneiden.

Am Ende des Artikels können Sie selbst den Test machen. Hier zunächst die wichtigsten Ergebnisse:

  • Viele Menschen sind nicht sicher im Umgang mit digitalen Nachrichten: 30 Punkte konnten bei dem Test maximal erreicht werden. Im Durchschnitt kamen die Befragten auf 13,3 Punkte. Nur 22 Prozent erreichen hohe Kompetenzwerte, 46 Prozent liegen im Bereich der (sehr) geringen digitalen Nachrichten- und Informationskompetenz.

Foto: Stiftung Neue Verantwortung
  • Die Vertrauenswürdigkeit einer Quelle wird häufig richtig eingeschätzt: 59 Prozent der Befragten erkannten in mehreren Fragen, ob eine Quelle neutral ist. Fast allen war zudem klar, dass man ein unbekanntes Video nicht ungesehen weiterleiten sollte (7 Prozent würden es tun). 65 Prozent wussten außerdem, dass zum Beispiel der Geschäftsführer eines Flugreiseportals als Autor zum Thema Fliegen keine neutrale Quelle ist. Nur die Hälfte aber konnte dabei auch den konkreten Interessenkonflikt benennen.

  • Unterscheidung zwischen Desinformation und Information fällt den Befragten schwer: Eine Falschinformation auf Facebook über einen Beschluss der Regierung zur Enteignung der Bevölkerung erkannten 59 Prozent als solche, 15 Prozent hielten dies für Information, 12 für Meinung, 13 Prozent waren sich nicht sicher. Eine fiktive Falschinformation über abgesagte Operationen während des Shutdowns erkannten 43 Prozent, 33 Prozent hielten dies für Information, 13 für Meinung. Kennzeichnungen von Social-Media-Plattformen zu Desinformationen sind dabei kaum wirksam: Maximal ein Viertel der Befragten konnte Markierungen von Facebook, Twitter oder YouTube richtig einordnen. Mehr als ein Viertel (27 Prozent) wiederum hielt die Anzahl der Likes und Kommentare für einen hilfreichen Hinweis auf die Vertrauenswürdigkeit einer Nachricht.

Foto: Stiftung Neue Verantwortung
  • Unterschiede bei Werbung und Meinung werden nur schwer erkannt: Gut die Hälfte der Befragten (56 Prozent) hielt ein sogenanntes Advertorial, also bezahlte Werbeinhalte, die auch der SPIEGEL nutzt, trotz Kennzeichnung für Information. 23 Prozent haben erkannt, dass es sich dabei um Werbung handelt, lediglich 7 Prozent aber markierten eine Kennzeichnung über der Überschrift als hilfreich. Bei journalistischen Beiträgen über politische Entscheidungen hielten knapp ein Drittel (32 Prozent) einen Kommentar für eine tatsachenorientierte Berichterstattung.

  • Viele Menschen zweifeln an der Unabhängigkeit des Journalismus: Ein Viertel der Befragten stimmte der Aussage zu, dass Medien und Politik Hand in Hand arbeiten, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren, weitere 23 Prozent sagten: teils, teils. 24 Prozent glaubten zudem, dass die Bevölkerung in Deutschland von den Medien systematisch belogen wird, weitere 30 Prozent sagten teils, teils. Gleichzeitig zeugen relative hohe Vertrauenswerte in einzelne Angebote wie regionale Tageszeitungen (70 Prozent hielten diese für sehr oder eher vertrauenswürdig) oder öffentlich-rechtlichen Rundfunk (69 Prozent) von einem zwiespältigen Verhältnis zu den Medien zwischen allgemeinem Unbehagen und konkretem Vertrauen. Nur die Hälfte der Befragten wusste zudem, dass Nachrichten über einen Bundesminister ohne die Genehmigung des Ministeriums veröffentlicht werden dürfen.

Foto: Stiftung Neue Verantwortung
  • Jüngere fühlen sich tendenziell häufiger überfordert als Ältere: Insgesamt 22 Prozent der Befragten gaben an, sich von der Masse an Informationen in den Medien oft überfordert zu fühlen. Dabei lagen Männer unter dem Durchschnitt (18 Prozent), Frauen darüber (27 Prozent). Knapp ein Drittel (30 Prozent) der 30- bis 39-Jährigen stimmte der These ebenfalls zu, in der Altersgruppe 60+ war es knapp ein Fünftel (19 Prozent).

  • Jüngere Generationen sind kompetenter als Ältere, allerdings abhängig vom Bildungsabschluss: Mit dem Alter sinkt die digitale Nachrichtenkompetenz deutlich. Und während Menschen mit niedriger formaler Schulbildung im Durchschnitt 11,2 Punkte erreichen, landen Menschen mit hohem Bildungsgrad bei 16,2 Punkten. Betrachtet man Alter und Bildung zusammen, fällt auf, dass formal schlecht gebildete Menschen unter 40 den niedrigsten (10,7 Punkte), Jüngere mit hoher Schulbildung den höchsten Wert (16,5) erreichen.

Foto: Stiftung Neue Verantwortung

»Die Ergebnisse zeigen, dass wir die Menschen viel zu lange allein gelassen haben«, sagt Meßmer. Zumal die Probleme in einer digitalen Realität, die ungleich hektischer und unübersichtlicher sei, als der Test es simulieren könne, vermutlich noch gravierender seien. Die Soziologin sieht Deutschland am Ende der digitalen Pubertät: »Wir haben alles ausgenutzt, was man im Internet so machen kann und haben dann festgestellt: Das kann auch unangenehme Nebenwirkungen haben. Jetzt fragen wir uns: Wie korrigieren wir das denn nun?«

Was Meßmer besonders beunruhigt: Bei den unter 40-Jährigen finden sich im Altersgruppenvergleich sowohl mit die Kompetentesten als auch die Personen mit den schlechtesten Testergebnissen: »Das ist eine extreme Polarisierung und die bringt unser Bildungssystem hervor.«

»Das ist eine extreme Polarisierung und die bringt unser Bildungssystem hervor«

Studienautorin Anna-Katharina Meßmer

Problematisch werde das auch beim Blick auf das Vertrauen in die Medien: Die zum Teil niedrigsten Vertrauenswerte haben junge Menschen mit niedriger Bildung. »Das heißt, sie sind nicht abgehängt, sie fühlen sich abgehängt. Sie haben ein eher geringes Grundvertrauen in Journalismus und Demokratie, glauben eher an gemeinsame Machenschaften von Medien und Politik und fühlen sich von journalistischen Angeboten, aber auch von der Politik sehr offensichtlich nicht repräsentiert.« Habe man zuvor vielleicht gedacht: Die Generation mit der niedrigsten Kompetenz sterbe bald aus, komme nun noch »ein ganz großes Problem auf uns zu«.

Meßmer fürchtet gar, dass Teile der jüngeren Generation verloren gehen, wenn hier nicht nachgesteuert werde. Jene Digital Natives also, von denen man bisher dachte: Die wachsen damit auf, die können das. Denn: »Im Durchschnitt stimmt das auch. Aber manchmal reicht der Durchschnitt eben nicht, manchmal muss man genauer hinschauen.«

Sie möchten wissen, wie Sie auf einer Skala von 0 bis 30 Punkten abgeschnitten hätten? Den Test können Sie selbst hier machen:

Damit sich die Menschen in einer immer komplexeren Medienlandschaft besser zurechtfinden, braucht es nach Ansicht der Autorinnen und des Autors der Studie vor allem:

  • Bessere digitale Schul- und Erwachsenenbildung: Digitale Nachrichten- und Informationskompetenz gehört demnach auf alle Lehrpläne. Gerade in den Haupt- und Mittelschulen seien Aspekte abseits der bloßen Bedienfähigkeit in den vergangenen Jahrzehnten offenbar weitgehend vernachlässigt worden. Faktoren wie politische Bildung, kritische Reflexion der eigenen Rolle in digitalen Medien und Vertrauen in journalistisches Arbeiten. Auch in der Erwachsenenbildung bestehe dringender Bedarf, Angebote zu schaffen, etwa innerhalb der beruflichen Weiterbildung.

  • Transparentere journalistische Angebote: Da es Befragten schwerfalle, Nachrichten zu erkennen und von anderen Formaten zu unterscheiden, müssten Nutzerinnen und Nutzer bei der Einordnung wesentlich besser unterstützen werden. Journalistische Angebote sollten ihre Nachrichten und Informationen so aufbereiten, dass sie für alle Bevölkerungsgruppen verständlich und hilfreich sind.

  • Klareres Plattformdesign: Obwohl problematische Beiträge zunehmend markiert, Accounts und Inhalte sogar gesperrt würden, hätten die Befragten große Probleme, diese zusätzlichen Informationen richtig zu erkennen und Schlüsse daraus zu ziehen. Auch hier brauche es den Schlussfolgerungen zufolge wesentlich prägnantere, verständlichere und intuitivere Kennzeichnungen.

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