Samira El Ouassil

Diskussion über Kevin Kühnert Schluss mit Abschlüssen!

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
In Deutschland gilt ein akademischer Grad nach wie vor als Siegel der Integrität - dahinter steht konservatives Klassendenken. Das zeigt sich auch im Umgang mit dem stellvertretenden SPD-Chef.
SPD-Politiker Kühnert: Für sein abgebrochenes Studium kritisiert

SPD-Politiker Kühnert: Für sein abgebrochenes Studium kritisiert

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Sascha Steinbach/ EPA-EFE

Kevin Kühnert möchte für den Deutschen Bundestag kandidieren. Da schauen wir doch gleich mal nach, wie er sich bislang so beruflich geschlagen hat. Ist er für diesen Job denn überhaupt geeignet und qualifiziert? Aha! - blättert durch den Lebenslauf - Noch kein Fall von Korruption. Und bisher hat er offenbar auch noch kein Start-up gegen die Wand gefahren. Und verrückt: Anscheinend hat er noch gar keine Promotion herbeiplagiiert! Tja, das sieht leider schlecht aus. So wird das nie was mit der politischen Karriere. 

Gewiss ist es für einige Berufe sinnvoll, wenn man sich die Lebensläufe von Bewerbern und Bewerberinnen ansieht. Mit welchen Argumenten allerdings einige PolitikerInnen der Union oder der AfD versuchen, Kühnert zu diskreditieren, folgt einer eher langweiligen kommunikativen Taktik des kleinen Handbuchs politischer Attacken, die spätestens seit der Diffamierung von Greta Thunberg wieder im Boomer-Fundus verschwinden sollte.

Heutzutage ist es nicht einmal mehr peinlich, wenn versucht wird, Menschen durch Hinweise auf ihre lückenhaften oder fehlenden Meilensteine in ihren Biografien herabzusetzen; oder wie im Falle von Kühnert: wenn jemand sowohl aufgrund seines Alters wie auch wegen einer angeblich mangelhaften Ausbildung nicht geeignet sein soll. Der Vorwurf: kein Studienabschluss, keine abgeschlossene Ausbildung, keine Berufserfahrung. Der Sound solcher Zurechtweisungen ist jovial-abwertend. Wie ein unterbezahlter Bote soll der ehemalige Juso-Chef erst mal abliefern - aber auch ein Doktortitel wäre nett und unverzichtbar, wenn er sich bald seine politische Cohiba anzünden möchte. 

Vom Briefeschreiber Franz Josef Wagner musste Kühnert sich letztes Jahr vorwerfen lassen, "keine schwieligen Hände"  zu haben, denn: "Er hat noch nie in einer Fabrik gearbeitet. Er hat keinen Lohn bekommen durch seine Muskelkraft." Das allerdings trifft auf sehr viele in der Politik wie auch auf einen Großteil aller Berufstätigen zu.

Aus dem Tadel des "Er hat ja nicht einmal richtig studiert" spricht eine Verklärung des konventionellen, beruflichen Aufstiegs, die glaubt, dass - weil dieser in Deutschland selbstredend auf Leistung und Fleiß basiere - dieser natürlich gerecht sein müsse. Daran festzuhalten, ist vielleicht für das demokratische Selbstverständnis auch deshalb so wichtig - insbesondere für das der Konservativen -, weil an diese Idee des klassischen Aufstiegs als faires Erfolgsversprechen auch die naive Annahme einer Chancengleichheit in unserer Gesellschaft gekoppelt ist. Diese Auffassung verkennt jedoch, dass die Zugänge zu Bildung und auch der Luxus, eine Ausbildung ökonomisch durchzustehen, nicht allen gleichermaßen zur Verfügung steht.

Jemand, der einen anderen Weg auf der sozialen Matrix nimmt, stellt also die Sinnhaftigkeit und die behauptete Fairness einer gar nicht mal existierenden Meritokratie infrage. Und auch die eigene, angeblich durch Disziplin und Entschlossenheit erreichte Lebensleistung steht damit zur Disposition. Da reagieren bildungsbürgerliche Akademiker mit verschnupfter Selbstvergewisserung, wie vorbildlich sie selbst auf der Bildungsleiter balancierten, wie sehr sie selbst eben doch lebender Beweis für die Gerechtigkeit der sozialen Rolltreppe sind. Kein Studium absolviert zu haben und nun in ein elitäres Milieu wie das der Politik aufsteigen zu wollen, wird daher von manchen als eine ungehörige wie unverdiente Abkürzung empfunden, die einem Bruch mit dem Gesellschaftsvertrag gleichkommt. 

Die Steilvorlage dieser unkreativen klassistischen Kritik wurde von Kühnert selbst recht unaufgeregt angenommen und gekontert : "Menschen, ob in CDU oder AfD, die Leuten ohne Hochschulabschluss Vorwürfe machen, sie seien nicht satisfaktionsfähig in Parlamenten, die treffen in erster Linie nicht mich, sondern Hunderttausende, wahrscheinlich Millionen Menschen, die auf ganz ähnliche Biografien gucken und deren Lebensleistung damit mit Füßen getreten wird."

Und hier sagt er etwas sehr Wesentliches: In der politischen Kommunikation existiert eine fast wie selbstverständlich vorgetragene Abwertung von Menschen ohne Abschluss, die immerhin fast ein Fünftel der Bevölkerung  ausmachen.

Woher kommt diese protestantische Leistungsnachweisbesessenheit? Woher kommt dieser Glaube, dass nur die- und derjenige sich politisch betätigen darf, der in von vornehmlich konservativen Menschen für gut befundenen Kategorien etwas "geleistet" hat? Als müsste man sich erst mal mit einem bruchlos-glatten Lebenslauf seine demokratische Teilhabe verdienen. 

Interessanterweise schien dieses scheinbare Manko die Union mehr umzutreiben als zum Beispiel die auf Bundestagsbriefpapier verewigte Lobbyarbeit eines ihrer jungen Abgeordneten . Auch das ist eine Form von Klassismus.

Noch immer gilt in Deutschland eine Art akademisches TÜV-Siegel

Festhalten können wir zumindest, dass weder die Abwesenheit eines Studienabschlusses wie zum Beispiel bei Horst Seehofer, Sebastian Kurz, Tobias Hans, Paul Ziemiak und Willy Brandt, als auch der Besitz eines solchen wie bei Andreas Scheuer (Politikwissenschaft), Julia Klöckner (Politikwissenschaft), Armin Laschet (Jura), Philipp Amthor (Jura) nicht wirklich viel über die Performance im politische Amt voraussagen kann. Dennoch gilt der Uni-Abschluss in Deutschland nach wie vor gewissermaßen als akademisches TÜV-Siegel der Integrität einer Person.

Diese sommerlochgroße Debatte über Kühnert und der Umstand, dass der französische Soziologe und Sozialphilosoph Pierre Bourdieu diese Woche 90 Jahre alt geworden wäre, sind gute Anlässe, den bildungsbürgerlichen Elitarismus und dessen Fixierung auf den Abschluss zu hinterfragen.

Die Veränderung der europäischen Bildungssysteme nach dem Zweiten Weltkrieg, hin zur versuchten Herstellung von Chancengleichheit, Demokratisierung der Schulen und zu einer Auffassung von Bildung als Recht für alle, sollte die Beziehung zwischen Bildung und Elite verändern und Egalitarismus begünstigen. Allerdings hallen soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten immer noch in Klassenzimmern und in Weiterführung an Universitäten nach, beispielsweise in Form von Studiengebühren, kaum bezahlbaren Wohnmöglichkeiten in den Universitätsstädten oder in ökonomischen Abhängigkeiten, die das kostenpflichtige Studieren im Vergleich zu bezahlter Arbeit zum Luxus werden lassen. Dies wurde vom Soziologen Ralf Dahrendorf bereits 1965 in seiner Studie "Arbeiterkinder an deutschen Universitäten" dargelegt. 

Hinzu kommt der globale Wettbewerb der Universitäten, bei welchem die Demokratisierung der Hochschulbildung an einigen Standorten zugunsten eines Wettlaufs um Exzellenz und für die Rekrutierung der besten StudentInnen und ForscherInnen aufgegeben wird.

Es sind also nicht unbedingt formale, sichtbare Beschränkungen, die Einkommensschwache ausschließen und diskriminieren, sondern unsichtbare ökonomische und habituelle - also systemische. 

So gehen Bildung und die Aufrechterhaltung von Machtverhältnissen in der Gesellschaft Hand in Hand. Mit Bourdieu kann man sagen, dass der Wunsch, die Zugänge zur Politik von einem akademischen Hintergrund abhängig zu machen, zugleich eine Forderung nach Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung ist, wobei der sozialen Ungleichheit ein Anschein von Legitimität durch ein scheinbar egalitäres Leistungsprinzip verliehen wird. Der Trick hierbei ist, den vom politischen Tisch Ausgeschlossenen und die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass dieser selbst und allein für seinen Ausschluss verantwortlich ist.

Deshalb ist es umso wichtiger, dass Menschen ohne akademischen Hintergrund in die Politik gehen, um Politik für alle Bürger zu machen - und dem egalitären Ideal demokratisch überhaupt erst gerecht werden.

Kevin Kühnert sollte also unbedingt Bundestagsabgeordneter werden, nicht obwohl er keinen Uni-Abschluss hat, sondern gerade weil er keinen besitzt.

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