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Dissens-Biennale trotz Pressionen

aus DER SPIEGEL 48/1977

50 Einladungen blieben ohne Antwort, und auf dem Einschreiben an Sacharow vermerkte die Moskauer Post »Empfänger unbekannt«. Präsident Ripa di Meana flog nach Belgrad, um die Behinderung seiner Wunschgäste aus dem Ostblock beim KSZE-Folgetreffen anzuprangern -- eine große Geste als Ausdruck für jenen »kulturellen Dissens«, der Thema eines heißumkämpften Biennale-Monats in Venedig ist. Mit seinem Projekt, intellektuelles Abweichlertum im Kommunismus zu dokumentieren und zu diskutieren, hatte sich Sozialist Ripa zwischen alle Stühle gesetzt. Die Sowjets drohten Repressionen an, Roms Bürgermeister Argan erwartete nur »mittelmäßige Künstler«, und im palastreichen Venedig war es plötzlich schwer, Räume zu bekommen. Trotzdem finden jetzt drei (Kunst- und Samisdat-) Ausstellungen statt, Biermann wird singen, Westler und Emigranten treffen sich zu Seminaren. Eine vorweg von der linken Zeitung »Manifesto« organisierte Konferenz brachte (laut »Corriere della Sera") schon eine »Internationale der Dissens-Marxisten« zustande. Sie fordert unter anderem die Freilassung des DDR-Kritikers Bahro und die Aufhebung bundesdeutscher »Berufsverbote«.

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