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Fernsehen Dissonanter Geigenstrich

Friedrich Nowottny, Intendant und früher Polit-Journalist, versucht ein Comeback auf dem Bildschirm.
aus DER SPIEGEL 2/1995

In seinem Büro am Kölner Appellhofplatz erinnert sich Friedrich Nowottny, 65, gern daran, daß Kleinmut nicht seine Sache ist. Der 1,67 Meter große Fernsehchef hat neben dem Schreibtisch ein Schild mit dem Leitspruch angebracht: »Think big«.

So will es Nowottny, Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR), auch im Rentenalter halten. Der Journalist, einst Moderator von 1000 Ausgaben des ARD-Freitagsmagazins »Bericht aus Bonn«, bereitet sein Comeback auf dem Bildschirm vor. Kokett dementiert er ("Ich müßte erst mal lange üben"), doch im Sender sollen die Planungen bald schon beginnen.

»Wenn ich ein gutes Konzept hätte, würde ich gern wieder auf den Schirm«, verplapperte sich Nowottny in der Welt. Den Alt-Star fuchst es, daß Erich Böhmes seriöse Sat-1-Debattierrunde »Talk im Turm« erfolgreich bei der privaten Konkurrenz läuft.

Vor rund einem halben Jahr offerierten die ARD-Programmdirektoren bereits einen Termin für den großen Nowottny-Talk: Sonntag abends, 22.30 Uhr, auf dem Sendeplatz des WDR-Magazins »Zak« - dann plaudert parallel auch Rivale Böhme. Schlagersänger Roland Kaiser sollte die Produktion der neuen Talkshow übernehmen. Das lehnte Nowottny ab, auch weil er sich um die Würde seines hohen Amtes sorgte.

Für die TV-Arbeit ist Nowottny im nächsten Sommer frei. Vergangene Woche verblüffte der WDR-Intendant nach neuneinhalb Dienstjahren mit der Mitteilung, er wolle seinen Vertrag schon per Ende Juni lösen, zwölf Monate früher als geplant.

Zum günstigen Zeitpunkt machte sich Nowottny, das »elastische Talent« (Rheinischer Merkur), von seinem zermürbenden Posten frei. Für die Nachfolge brachte er seinen Wunschkandidaten und Stellvertreter, den Hörfunkdirektor Fritz Pleitgen, 56, in Stellung.

Den Coup habe er sich während der Weihnachtstage gut überlegt, erzählt Nowottny. Als Hauptgrund führt er die bevorstehenden Gefechte um den Rundfunkstaatsvertrag an, der Ende 1996 ausläuft. Für den neuen Entwurf fordern die öffentlich-rechtlichen ARD und ZDF, unterstützt von den SPD-Ländern unter Führung des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau, eine deutliche Erhöhung der Rundfunkgebühren von monatlich 23,80 Mark.

Das konservative Lager dagegen, mit Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) als Sprecher, brachte die Zerschlagung des Ersten Programms in die Diskussion. Und Unionsfreund Udo Reiter, Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks, schockte seine ARD-Kollegen mit Gedankenspielen, höhere Gebühren seien nicht nötig.

»Was da alles aus den Gauen kommt«, sagt Nowottny, seien »Konzertmeister, die ihren Geigenstrich so ziehen, daß wir ihn als dissonant empfinden können.« Fürs Gegenprogramm halte er nun einen »ausgeschlafenen, dynamischen Mittfünfziger« an der WDR-Spitze für bestens geeignet.

Gemeint ist Pleitgen, der wie Nowottny das Handwerk bei der Bielefelder Freien Presse gelernt hat. Das Reporterdenkmal, früher Leiter der ARD-Studios in Moskau, Ost-Berlin und Washington, wird es vor allem mit einem Finanzdebakel zu tun haben. Bei der größten ARD-Anstalt sanken 1994 die Radio-Werbeeinnahmen auf brutto 250 Millionen Mark und im WDR-Werbefernsehen auf 125 Millionen Mark (jeweils fast minus zwölf Prozent). Noch fünf Jahre zuvor nahm der WDR mit TV-Spots noch 389 Millionen Mark ein.

Für den »Knochenjob« (CDU-Rundfunkrätin Ruth Hieronymi) machte sich Pleitgen 1994 als Hörfunkdirektor fit. Seine Vision sei es, verriet er, Radio und Fernsehen zusammenzubringen. Bei einem Jahresetat von über 1,9 Milliarden Mark will der WDR bis 1996 weit über 400 Millionen Mark einsparen.

Über die Sanierung wacht der sozialdemokratisch beherrschte Rundfunkrat mit dem SPD-Landtagsabgeordneten Reinhard Grätz an der Spitze. Der WDR-Nebenregent, ein Gegner seines Parteifreundes Pleitgen, kann nun kurz vor der nordrhein-westfälischen Landtagswahl am 14. Mai kaum mehr eigene Ansprüche auf den Chefposten anmelden. Da sei Nowottny »ein Freischlag« geglückt, so ein ARD-Direktor.

In einer Findungskommission geht der Rundfunkrat nun auf Kandidatenschau. Pleitgens größter Rivale, der ARD-Programmchef Günter Struve, hat bei den SPD-Räten null Chancen: Struve war vor rund zwei Jahren aus der SPD ausgetreten, obwohl er ihr zum guten Teil seine Rundfunk-Karriere verdankt.

An die ARD-Bürokratie denkt Journalist Nowottny mit leichtem Unbehagen zurück. Bei jeder Gelegenheit suchte er die TV-Öffentlichkeit. Dankbar stritt der WDR-Mann, der mit Fernsehpreisen wie »Bambi« dekoriert ist, etwa mit RTL-Chef Helmut Thoma in der Late-Night-Show von Thomas Gottschalk. »Den hat es immer gejuckt«, sagt ein Vertrauter über die Bildschirmpassion.

Stolz preist Nowottny die Langzeitwirkung seiner Auftritte im »Bericht aus Bonn": »In der Kopfinflation, die uns das Fernsehen jeden Abend bietet, wäre es heute nicht mehr möglich, daß einer zehn Jahre in Erinnerung bleibt.« Nun wird er sogar als Nachfolger seines Nachfolgers Pleitgen gehandelt - für die Moderation des »Presseclubs«.

Die ARD, rät Noch-Intendant Nowottny, müsse mehr Qualität anbieten, die andere nicht haben. Sein Tip: Mit gestandenen Journalisten wie Gerd Ruge die Zuschauer zum öffentlich-rechtlichen Programm zurückzuholen.

Oder mit Nowottny. Y

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