Claudia Roth zur Documenta-Diskussion »Hätte lauter und deutlicher sein sollen«

Ging Claudia Roth mit den Antisemitismusvorwürfen an die Documenta zu lasch um? Die Kulturstaatsministerin räumt Fehler ein und warnt vor Relativierungen – im SPIEGEL-Interview im Juni war das noch anders.
Claudia Roth: »Kette der Verantwortungslosigkeit«

Claudia Roth: »Kette der Verantwortungslosigkeit«

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Boris Roessler / picture alliance / dpa

Noch bis zur Enthüllung des Gemäldes »People's Justice« war Claudia Roth in der Diskussion um die Documenta eher beschwichtigend aufgetreten. Später wurde die Kulturstaatsministerin kritischer. Nun gibt Roth einem Interview mit der Zeitschrift »Stern«  zu, sie hätte vielleicht »bei den Diskussionen im Vorfeld der Documenta-Eröffnung lauter und deutlicher sein sollen, sein müssen«. Ihr sei bewusst, »dass es nicht reicht, wenn ich sage: Ich konnte nicht mehr tun«, so Roth. »Auch, wenn es objektiv stimmt«. Die Geschehnisse in Kassel nennt Roth eine »Kette der Verantwortungslosigkeit, wo am Ende keiner verantwortlich gewesen sein will.«

Im SPIEGEL-Gespräch  wandte sich Roth noch im Juni dagegen, die Kuratoren – die aus Indonesien stammende Künstlergruppe Ruangrupa – wegen ihrer Herkunft unter Generalverdacht zu stellen. Nun warnt die Grünen-Politikerin davor, antisemitische Darstellungen durch den Verweis auf die Herkunftsländer der Künstler zu relativieren. »Antisemitismus ist und bleibt Antisemitismus, ob in Indonesien, in der Türkei oder sonst wo«, sagt Roth. Wenn ausländische Künstlerinnen und Künstler zu einer deutschen Ausstellung eingeladen würden, müssten sie wissen, »was historische Verantwortung gerade hier bedeutet«.

Noch vor einigen Wochen hatte sich Roth im Streit um die Documenta weitgehend herausgehalten: Sie werden »nicht als Kulturpolizistin den Daumen heben oder senken«, sagte sie im Gespräch mit dem SPIEGEL. Und weiter: Sie habe »darauf gedrängt, die Vorwürfe ernst zu nehmen, aber vor allem der Aufsichtsratsvorsitzende hat das als Einmischung empfunden«, so Roth. »Ich konnte nicht mehr tun, als Vorschläge zu machen.« Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrates der Juden, kritisierte, er habe sich bei Krisengesprächen von Claudia Roth nicht gehört und nicht ernst genommen gefühlt. Die »Jüdische Allgemeine« forderte gar Roths Rücktritt.

»Wir bedauern, dass diese Bilder auf Unverständnis stoßen«

Bereits seit Monaten kursieren Antisemitismus-Vorwürfe gegen die documenta. Kurz nach der Eröffnung der Ausstellung war ein Banner mit judenfeindlichen Motiven entdeckt und abgebaut worden. Roth betonte, der Bund sei in den Strukturen der documenta nicht vertreten und alle relevanten Entscheidungen zur diesjährigen Ausstellung seien bei ihrem Amtsantritt bereits getroffen worden.

Seit Dienstag liegt den als antisemitisch kritisierten Darstellungen in einer auf der documenta fifteen ausgestellten Broschüre eine Einordnung des ausstellenden Kollektivs bei. Darin weist das Kollektiv »Archives des luttes des femmes en Algérie« (»Archive der Frauenkämpfe in Algerien«) die erhobenen Vorwürfe entschieden zurück.

»Wir bedauern, dass diese Bilder auf Unverständnis stoßen und Gegenstand von Fehlinterpretationen seitens der Medien und Besucher:innen geworden sind, die in ihnen antisemitische Darstellungen zu erkennen meinen«, schreibt das Kollektiv. Doch die Bilder zielten nicht auf Juden oder Jüdinnen als Einzelpersonen oder als Gemeinschaft ab, sondern sie kritisierten die israelische Armee.

Die in der Broschüre »Présence des Femmes« enthaltenen Zeichnungen zeigen unter anderem Soldaten mit Davidstern am Helm als Roboter mit entblößten Zähnen. Sie lösten nach den bereits seit Monaten kursierenden Antisemitismus-Vorwürfen gegen die documenta und dem Abbau eines Banners mit antisemitischer Bildsprache eine weitere Welle der Kritik an der Ausstellung in Kassel aus.

Volker Beck, Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) erneuerte daraufhin seine Kritik an den Documenta-Verantwortlichen: »Die documenta fifteen ist wirklich ein Epochenwechsel in der Geschichte des deutschen Nachkriegs-Antisemitismus«, sagte er. Bislang habe man auf Antisemitismus-Skandale reagiert, indem man sich davon distanziert habe und der Antisemitismus gesellschaftlich geächtet worden sei. »Doch hier findet das ausdrücklich nicht statt.«

ime/dpa
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