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Documenta-Defizit: Ärgerliche Posten

Bei der erfolgreich zu Ende gegangenen »Documenta 5« (über 200 000 Besucher) stimmt mal wieder die Kasse nicht: Generalsekretär Harald Szeemann -- so will es die Geschäftsführung -- soll für ein 800 000-Mark-Defizit haften, das er nicht verschuldet hat. Denn ohne Mehrausgaben hatte die Ausstellung gar nicht stattfinden können.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Harald Szeemann, 40, fühlt sich bedroht: Der Documenta-Aufsichtsrat hat seinem Generalsekretär und weithin gerühmten künstlerischen Leiter in Aussicht gestellt, ihn für das Defizit der am letzten Sonntag zu Ende gegangenen Ausstellung persönlich haftbar zu machen. Die Drohung beläuft sich auf geschätzte 800 000 Mark.

Denn trotz eines für moderne Kunst-Ausstellungen in der Bundesrepublik bisher einmaligen Etats von 3,48 Millionen Mark (davon 1,9 Millionen Steuergelder), trotz einer seit der »Documenta 4« von 600 000 auf 700 000 Mark aufgestockten Bundes-Beihilfe ist die Bilanz ins Minus geraten. Und Szeemann, der diese bedeutende Schau zustande brachte, steht nun im Ruch, durch »Überschreiten seiner Kompetenz« und »Mißachtung der Geschäftsordnung« an der Pleite mitschuldig zu sein.

Das meint vor allem der Documenta-Geschäftsführer Walter Olbrich, 49, der -nebenberuflich -- über den angemessenen Verbrauch der bewilligten Millionen wachen sollte.

Olbrich, im Hauptberuf Verwaltungsdirektor des Kasseler Staatstheaters, will frühzeitig festgestellt haben, daß in seiner Gegenwart »alle so rumdrucksten« -- ohne zunächst Verdacht zu schöpfen. Er hatte ja -- »leider« sagt er heute -- »vollstes Vertrauen« zu

* Aktion von Vettor Pisani, Objekt von Reiner Ruthenbeck, Zuschauer-Protest.

Szeemann, diesem »künstlerischen Menschen«,

Das änderte sich, als er kurz nach Ausstellungseröffnung »im guten Gefühl, daß wir im Plan liegen«, einen ersten Kassensturz machte und fand: fast eine Million Minus. Der Kassenwart: »15 Jahre verwalte ich einen 17-Millionen-Etat immer sauber unterm Strich, und nun dies.«

Olbrich fühlte sich »arglistig getäuscht, wissentlich übergangen": Szeemann, den er anfangs »noch umarmt« hatte, mußte sich »meine Kompetenzen angemaßt« und kostspielige Aufträge »hinter meinem Rücken« vergeben haben.

Allein für eine halbe Million Mark, so stellte sich heraus, waren Bauaufträge vergeben worden: ohne Billigung durch Geschäftsführer Olbrich und »außerhalb des Wirtschaftsplans«. Der Baukosten-Etat, mit nur 362 000 Mark freilich von vornherein unrealistisch angesetzt, war auf rund 850 000 Mark angeschwollen.

In der Tat hatten in den »letzten heißen Wochen« (Szeemann) vor der Eröffnung Szeemann und sein technischer Leiter Lorenz Dombois, 34, Handwerker für notwendige Maurer-, Maler- und Tischlerarbeiten im Museum Fridericianum und der Neuen Galerie eigenmächtig engagiert. Wegen des Zeitdrucks wurden die Aufträge auch nicht mehr, wie üblich, ausgeschrieben. Zudem verteuerten sie sich durch häufige Nachtarbeit zu erhöhtem Tarif. Nur mit solchen Noteinsätzen sind in der Regel große Kunstausstellungen, darunter bisher jede Documenta, überhaupt zu bewerkstelligen.

Davon wußte Buchhalter Olbrich nichts. »Der kam doch nie zu uns« (Szeemann). Szeemann aber wollte »die Documenta retten« und versichert heute, vermutlich zu Recht: »Hätten wir das anders gemacht, die Documenta wäre noch immer nicht eröffnet.«

Auf seiner Suche nach dem verlorenen Geld stieß der Kassierer auch auf kleinere, dennoch »ärgerliche« Posten. So waren für einen Kultraum des US-Mystikers Paul Thek, eine besondere Attraktion, 12 000 Mark aufgewendet worden -- außerhalb des Finanzplans. Ein Meditations-Zimmer des Amerikaners La Monte Young geriet um rund 30000 Mark zu teuer -- außerhalb des Finanzplans. Ein Polit-Informations-Pavillon des Amerikaners John Dugger hatte 50000 Mark gekostet -- außerhalb des Finanzplans. Und auch der Hauptspaß der Documenta, das »Maus Museum« von Claes Oldenburg, geriet mit 40 000 Mark in die Kreide.

Über »das eine oder andere Projekt« hätte Olbrich ja »noch gern mit sich reden lassen«. Doch für ihn »hörte der Spaß auf«, als der US-Künstler Keith Sonnier nach Kassel kam und, so Olbrich, »vor 173 Besuchern ä 3 Mark eine Stunde lang einen Film rückwärts laufen« ließ. Gesamtkosten: 10000 Mark -- außerhalb des Finanzplans. Olbrich, verbittert: »War denn das nun nötig?«

Und auch das Katalog-Debakel (SPIEGEL 32/1972) wurde noch peinlicher, als zunächst angenommen. Nicht nur waren durch einen leichtsinnigen Vertrag der Documenta GmbH mit dem Bertelsmann-Verlag die als Katalogverkauf-Erlös im Wirtschaftsplan angesetzten 200 000 Mark verloren. Zusätzlich muß die Documenta auf jeden Katalog. den Bertelsmann mit Eigen-Gewinn verkauft, noch rund drei Mark draufzahlen -- bei 20000 Exemplaren rund 60000 Mark.

So kam eins zum andern. »800 000 Mark« Walter Olbrich sagt es, »sind schließlich kein Pappenstiel« -- wenngleich, angesichts überall steigender Kosten und zumal verglichen mit der Milliarden-Vergeudung für Münchens Olympiade, auch kein Grund zur Panik.

Doch Olbrich handelte, »unverzüglich«. Der »schwierige und aufbrausende« Mann (so das Lokalblatt »Hessische Allgemeine") meldete das »erhebliche Defizit« seinem Aufsichtsrat und wandte sich, gegen alle Regel, sofort an die Öffentlichkeit. Er beschuldigte Harald Szeemann, »zur Führung seines Amtes nicht befähigt« zu sein.

Sodann zog er, nun nicht mehr zu bremsen, erneut vor den Aufsichtsrat und verlangte am 18. August -- vergebens -- die fristlose Entlassung des Documenta-Machers, um so »wenigstens« dessen (7200 Mark) Gehalt »einzusparen«. Den -- unentbehrlichen -- Ausstellungs-Techniker Dombois entließ er selber fristlos, mußte ihn aber aus arbeitsrechtlichen Gründen wieder einstellen.

Dem Aufsichtsrat kam Olbrichs dramatisches Theater ungelegen, zumal, so ein Aufsichtsratsmitglied« »bei uns sowieso keiner an einem Defizit gezweifelt« hatte. Und Szeemann selbst hatte frühzeitig durch eine -- dann abgelehnte -- Nachforderung von einer Million den Umfang der Pleite abgesteckt.

Doch nun mußte, nachdem der voreilige Olbrich schon »soviel Wind gemacht« hatte, auch der Aufsichtsrat öffentlich werden: In Hessen stehen Kommunalwahlen bevor, und alle drei im Aufsichtsrat vertretenen Parteien fürchteten, die bei Kassels Bürgern ohnehin unbeliebte Ausstellung könne durch einen Schulden-Skandal den Wahlkampf beeinflussen.

So ließ die Documenta Gmbh Rechnungsprüfer anrücken, zur Sicherheit gleich doppelt: aus Stadt und Land. Sodann verhieß sie -- Affront gegen Geschäftsführer Olbrich -, für die nächste Documenta einen potenten Manager als Finanzmann zu engagieren. Und schließlich trumpfte sie auch Szeemann gegenüber auf: Wenn ihm schuldhaftes Verhalten nachgewiesen werden könne, würde er persönlich haftbar gemacht werden. Ein Stadtsprecher: »Das waren doch rein verbale Kraftakte.« Denn die Finanzpannen der Documenta haben Tradition:

Schon die erste Documenta war 1955 mit 23 000 Mark in die roten Zahlen geraten. Vier Jahre später bei der Documenta 2 war es bereits viel mehr: 294 000 Mark. Und 1964, zur dritten Documenta, mußten 402 000 Mark nachgeblättert werden. Einzig die Documenta 4 machte mit 41 000 Mark kleinen Überschuß.

Doch wann immer die Geschäftsführer Flaute in der Kasse meldeten, kamen Documenta-Aufsichtsrat und öffentliche Hand zu einem Konsens -- Stadt Kassel und Land Hessen teilten sich, ohne viel Aufhebens, das Mehr-Geld. Sie hatten erkannt, daß die bis heute stetig gewachsene internationale Bedeutung dieser Kunst-Schau die beste und sogar billigste Werbung für die betuliche Beamtenstadt Kassel ist. Darauf wollte und will die Stadt »nicht verzichten«.

Inzwischen ist den Documenta-Herren auch wieder klar, daß es mit dem aktuellen Defizit laufen wird, wie »es immer gelaufen« ist. Denn: »Bitte, wir sind doch erwachsene Leute.«

Harald Szeemann freilich ist dessen nicht sicher: »Kinder sind wir. Künstler. O je.«

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