Starkünstlerin verlässt die Documenta Kein Vertrauen mehr »in die Fähigkeit der Organisation, Komplexität zu vermitteln«

Die Deutsche Hito Steyerl gehört zu den Berühmtheiten der Kunstwelt, sie war einer der wenigen Stars der aktuellen Documenta. Nun zieht sie sich zurück – mit kritischen Worten an die Organisation.
Künstlerin Steyerl: Kein Vertrauen mehr »in die Fähigkeit der Organisation, Komplexität zu vermitteln und zu erklären«

Künstlerin Steyerl: Kein Vertrauen mehr »in die Fähigkeit der Organisation, Komplexität zu vermitteln und zu erklären«

Foto: Rolf Vennenbernd / picture alliance / dpa

Hito Steyerl gehört zu den berühmtesten Künstlerinnen der Welt. Viele hat es genau deshalb überrascht, dass sie auch auf der aktuellen Documenta vertreten ist. Denn eigentlich sollte diese Schau eine ohne Stars sein.

Nun zieht sich die in Berlin lebende Künstlerin allerdings auch schon wieder zurück, sie schickte heute eine entsprechende Mail ans Documenta-Team – und da auch an die Generaldirektorin Sabine Schormann.

In dieser Mail schreibt sie: »Ich bitte das Produktionsteam, meine Arbeit abzubauen, die Projektoren abzuschalten, die Pflanzen zu retten und alle Beschilderungen zu entfernen.«

Der Grund? Steyerl wirft den Organisatoren vor, keine Verantwortung für das Zeigen antisemitischer Inhalte zu übernehmen, wie es an zentraler Stelle geschehen sei. Sie benennt zudem eine »faktische Weigerung« der Documenta-Zuständigen, Angebote zur Vermittlung zu akzeptieren. Ebenso verweigere sich die Documenta einer nachhaltigen und umfassenden Debatte. Sie, Steyerl, habe kein Vertrauen mehr »in die Fähigkeit der Organisation, Komplexität zu vermitteln und zu erklären«.

Dem SPIEGEL verriet Steyerl, Auslöser sei der Rückzug von Meron Mendel gewesen. Der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank hatte der Documenta seine Beratung angeboten, aber der Leitung Anfang der Woche mitgeteilt, dass er nicht mehr zur Verfügung stehe.

Die Künstlerin weist in ihrem Schreiben allerdings auch auf ein anderes Problemfeld jenseits des Antisemitismusskandals hin, nämlich »auf unsichere und unterbezahlte Arbeitsbedingungen für Teile des Personals«. Diese stünden »in krassem Gegensatz zur offiziellen Rhetorik« dieser Documenta. Beim Produktionsteam bedankte sie sich auch »aus ganzem Herzen«.

Die Ausstellung erreicht mit Steyerls Ausscheiden eine weitere Eskalationsstufe – und den Verlust eines viel gelobten Werkes. Die Künstlerin hatte für diese Documenta mit dem spanischen Kollektiv Inland kooperiert. Entstanden ist zum Thema Umwelt ein unterhaltsames und tiefsinniges Gesamtkunstwerk inklusive Film und KI-basierter, animierter Wandbilder und eben auch Pflanzliches. Im Mittelpunkt steht die Idee einer neuen Währung, des »Cheesecoin«. Zu sehen war der Beitrag – zumindest bislang – im Kasseler Naturkundemuseum Ottoneum.

Steyerl hat noch ganz andere Konsequenzen gezogen. Vor Kurzem erschien im SPIEGEL ein Interview mit Julia Stoschek , diese prominente Kunstsammlerin ist auch Gesellschafterin des von ihrem Urgroßvater gegründeten Familienkonzerns Max Brose. Der Unternehmer war während der Nazizeit »Wehrwirtschaftsführer« und beutete Zwangsarbeiter aus, letztlich sei das Vermögen der Familie auf ihn zurückzuführen, sagen Experten. Auch aufgrund des Interviews mit Julia Stoschek, in dem es nicht zuletzt um diese Firmengeschichte ging, habe sie eine Arbeit aus Stoscheks Sammlung zurückgekauft, schrieb Steyerl heute dem SPIEGEL.

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