Nach Kritik des Zentralrats der Juden Documenta sagt Debattierrunden ab – Antisemitismuskontroverse hält an

Den Kuratoren der Kasseler Documenta wird Antisemitismus vorgeworfen. Die Ausstellungsreihe wollte mit Diskussionen zur Kunstfreiheit reagieren – und sagt diese nun ab.

Eineinhalb Monate vor der Eröffnung der nächsten Ausgabe der Documenta droht diese endgültig zum Politikum zu werden. Denn: Ihr Krisenmanagement geht nicht auf; eine Diskussionsreihe, die den Ruf der Weltkunstschau retten sollte, wurde nun kurzfristig abgesagt.

Der Grund für die Krise: Vor einigen Monaten wurden Vorwürfe laut, in der kommenden Ausgabe der weltberühmten Ausstellungsreihe sollten Künstler beteiligt werden, die einen kulturellen Boykott Israels forderten und letztlich eine antisemitische Haltung vertreten würden.

Die Leiter der Schau – das Kollektiv Ruangrupa aus Indonesien – verwahrten sich gegen »externe Eingriffe« in ihre Arbeit und wollten dann doch mit drei Podiumsdiskussionen auf die immer lauter werdende Debatte reagieren. »We need to talk. Art – Freedom – Solidarity«, lautete der Titel der angesetzten Reihe.

Generell sollte es darin um die »Rolle von Kunst und Kunstfreiheit angesichts von wachsendem Antisemitismus, Rassismus und zunehmender Islamophobie« gehen. Die erste Runde am kommenden Sonntag hätte das Motto erhalten: »Weiße Flecken1: Antisemitismus und Rassismus in Deutschland heute.«

Im Vorfeld hatte die Documenta – beziehungsweise deren Generaldirektorin Sabine Schormann – gewarnt, es sollten dort »Widersprüche ausgehalten« werden können. Das klang vieldeutig und nicht deeskalierend. Und doch erhofften sich wohl auch die Spitzen der deutschen Kulturpolitik inklusive Kulturstaatsministerin Claudia Roth eine Entschärfung, gar einen Befreiungsschlag von den Veranstaltungen. Doch nun wurden die kurzfristig abgesagt.

Ein Brief vom Zentralrat der Juden an Kulturstaatsministerin und Grünenpolitikerin Roth dürfte den Ausschlag gegeben haben. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrates, hatte vor einigen Tagen geschrieben: »Die Ausrichtung der Podien hat für mich eine eindeutige Schlagseite zugunsten des Antisemitismus.« Ihn habe auch verwundert, »dass die Thematik des antipalästinensischen Rassismus Eingang in das Programm gefunden hat«.

Nun will die Führungsriege in Kassel den Beginn der Schau abwarten und dann – vielleicht – in einem anderen Rahmen diskutieren.

uk
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