Kulturausschuss zur Documenta »Judenhass in reinster Form«

Der Kulturausschuss des Bundestages lud zu einem Fachgespräch ein – oder lud er vor? Es ging um die Documenta – und der Zentralrat der Juden sprach klare Worte. Adressatin war auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth.
Die Staatsministerin für Kultur und Medien Claudia Roth

Die Staatsministerin für Kultur und Medien Claudia Roth

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Nicht alle Geladenen erschienen auch in Berlin. Die Generaldirektorin der Documenta meldete sich krank, sie habe hohes Fieber. Der Oberbürgermeister von Kassel meldete sich ab in für ihn dringlichere Sitzungen. Sie machten es den Anwesenden nur leichter, ihnen die Schuld in die Schuhe zu schieben.

Immerhin kamen Kulturstaatsministerin Claudia Roth und auch ihre grüne Parteikollegin Angela Dorn, die in Hessen Kunstministerin ist und dem Aufsichtsrat der Documenta als stellvertretende Vorsitzende angehört. Beide tragen aber – so stellten sie es jedenfalls dar – gar keine Verantwortung für das Documenta-Debakel. Bestenfalls hätten sie weniger vertrauensvoll, unnachgiebiger sein sollen. Roth sprach von einem »Wortbruch« ihr gegenüber.

Angela Dorn

Angela Dorn

Foto: Swen Pförtner / dpa

Und er war einer der Adressaten ihres zu großen Vertrauens: Ade Darmawan. Auch er war gekommen, er ist eines der Mitglieder des – nunmehr umstrittenen – indonesischen Künstlerkollektivs Ruangrupa, das mit der Leitung der Documenta beauftragt worden war. Darmawan bat erneut um Entschuldigung für den »Schmerz und die Angst«, die das Großbild »People's Justice« ausgelöst habe, man habe das Problem nicht erkannt, das Werk sei auch erst spät gehängt worden, weil das brüchige Material des Banners noch repariert worden sei.

Zugleich versuchte er sich in einer Erklärung der politischen und gesellschaftlichen Umstände, unter denen das Bild vor 20 Jahren in Indonesien von der Gruppe Taring Padi geschaffen wurde, damals sei das gewaltbereite Regime von westlichen Geheimdiensten unterstützt worden. Viel früher schon hätten europäische Kolonialherren antisemitische Ideen und Bilder importiert und sie auf die chinesische Minderheit angewendet. Sie seien einem anderen kulturellen Kontext angepasst worden, und dann sei diese Übertragung fortgeführt worden. Das alles sei erschreckend und beschämend, sagte Darmawan, und doch klang es nach einer Art stillen Bilderpost, für die auch keiner etwas kann.

Ade Darmawan von Ruangrupa

Ade Darmawan von Ruangrupa

Foto: Swen Pförtner / dpa

Vieles ist noch nicht klar, auch nicht nach diesem Nachmittag. Und das lag womöglich sogar am wenigsten an dem Künstler von Ruangrupa.

Rücktrittsforderung an die Documenta-Generaldirektorin

Daniel Botmann ist es zu verdanken, dass das Gespräch eine erhellende, nur dabei leider auch erschreckende Wendung nahm. Er ist der Geschäftsführer des Zentralrates der Juden und war bei diversen Krisengesprächen mit Claudia Roth dabei – von der er sich, wie er heute vor dem Kulturausschuss sagte, nicht gehört und nicht ernst genommen gefühlt habe. Am Ende habe dann ein Bild in Kassel gehangen, das »Judenhass in reinster Form« sei, und es sei nicht einmal das einzige Werk mit antisemitischem Inhalt.

Botmann gehörte zu denen, die am Nachmittag den Rücktritt der Documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann forderten, und doch machte gerade er klar, dass man schon kaum noch über die Kasseler Schau diskutieren müsse, sondern vielmehr über den gesamten deutschen Kulturbetrieb. Denn der hat seiner Meinung nach ein Problem. Oder er ist das Problem. Laut Botmann boykottiert die deutsche Kultur immer wieder jüdische Künstler, ist tendenziell antiisraelisch, stellenweise auch antisemitisch eingestellt, sogar der Holocaust werde relativiert. Das gelte auch für namhafte Einrichtungen. Botmann sagte, dass in jüdischen Kreisen bei der Erwähnung des Zentrums für Antisemitismusforschung gelegentlich die Endung »Forschung« wegfalle.

Daniel Botmann

Daniel Botmann

Foto: Manfred Segerer / IMAGO

Mehrfach nannte er außerdem die antiisraelische Boykottbewegung BDS, die zwar von Deutschen Bundestag 2019 verurteilt worden sei – die aber Befürworter in der deutschen Kulturszene habe. »Wenn BDS-Aktivisten Einfluss haben im Kulturbereich, dann agieren sie dort antisemitisch«, sagte Botmann. Und er warnte auch vor der Initiative GG 5.3 Weltoffenheit. Sie war Ende 2020 von mächtigen deutschen Kulturmanagern gegründet worden, die fanden, man dürfe den BDS nicht allzu schlecht machen und müsse auch der Israelkritik Raum geben. Der Generalintendant des staatlichen Humboldt Forums reihte sich ebenso ein wie die künstlerische Direktorin der Bundeskulturstiftung.

Was heute nicht eigens erwähnt, von vielen Zuschauern (der vom Parlamentsfernsehen übertragenen Sitzung) aber sicher mitgedacht wurde: Auch Claudia Roth setzte sich mit einigen weiteren Grünen 2019 ausdrücklich dafür ein, die BDS-Bewegung trotz der von ihr erkannten antisemitischen Muster und Methoden nicht ganz so pauschal zu verurteilen.

Erst vor Kurzem, im Gespräch mit dem SPIEGEL , klang sie einschränkender, sie habe zwar damals die Resolution des Bundestages gegen den BDS nicht unterstützt, sagte sie: »Das bedeutet aber in keiner Weise, dass ich selbst irgendwelche Sympathien für die BDS-Bewegung hätte oder diese unterstützen würde.« Ihr wichtigster Mitarbeiter Andreas Görgen, der heute im Kulturausschuss neben ihr saß, hatte 2020 seinen Anteil am Gelingen der Initiative Weltoffenheit. Zumindest dankten ihm seinerzeit die Protagonisten für seinen fachlichen Rat und seine Diskussionsbeiträge.

Botmann sieht es offensichtlich so: Es sei inakzeptabel, dass gerade niemand die Verantwortung für diese Documenta übernehme, »dass Frau Schormann immer noch im Amt ist, ist eine Zumutung«, seiner Meinung nach muss diese Ausstellungsreihe »neu gedacht werden«. Aber er sieht auch andernorts in Deutschland »Fehlbesetzungen«, überall dort, wo der BDS-Ideologie Vorschub geleistet werde. Er empfahl, »unter anderem beim Haus der Kulturen der Welt mal genauer hinzuschauen«.

Morgen wird die Sitzung quasi fortgesetzt, mit einer Debatte im Bundestag. Vielleicht wird Roth erneut mehr Einfluss auf die Documenta fordern. Und das, obwohl sie noch vor Kurzem betont hatte, eben keine Kulturpolizistin sein zu wollen.

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