Empörung über antisemitische Bildsprache Documenta verhüllt umstrittenes Kunstwerk

Ein Soldat mit Schweinsgesicht und »Mossad« auf dem Helm: Bund und Land kritisierten die antisemitische Bildsprache eines Banners auf der Documenta. Israel forderte, das Werk zu entfernen. Nun hat die Kunstausstellung reagiert.
Ein Mitarbeiter der documenta fifteen verhüllt das Großgemälde von Taring Padi (am Montag in Kassel)

Ein Mitarbeiter der documenta fifteen verhüllt das Großgemälde von Taring Padi (am Montag in Kassel)

Foto: Swen Pförtner / dpa

Nach den Antisemitismus-Vorwürfen gegen die Documenta haben die Künstlergruppe Taring Padi, die Geschäftsführung und die künstlerische Leitung beschlossen, das stark kritisierte Banner des indonesischen Künstlerkollektivs abzudecken. Das teilte die Documenta am Abend mit. Man habe gemeinsam entschieden, »die betreffende Arbeit zu verdecken und eine Erklärung dazu zu installieren«. Zunächst hatten die »Süddeutsche Zeitung« und die 3sat-»Kulturzeit« darüber berichtet.

Auf dem großflächigen Banner ist unter anderem ein Soldat mit Schweinsgesicht zu sehen. Er trägt ein Halstuch mit einem Davidstern und einen Helm mit der Aufschrift »Mossad«. Das ist die Bezeichnung des israelischen Auslandsgeheimdienstes.

Ausschnitt aus dem Großgemälde von Taring Padi: »Ausdruck eines Antisemitismus alten Stils«

Ausschnitt aus dem Großgemälde von Taring Padi: »Ausdruck eines Antisemitismus alten Stils«

Foto: Uwe Zucchi / dpa

»Das ist eine klare Grenzüberschreitung«, hatte der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, der Deutschen Presse-Agentur gesagt und die Verantwortlichen der Weltkunstausstellung in Kassel aufgefordert, den Beitrag zu entfernen: »Diese Bilder lassen überhaupt keinen Interpretationsspielraum zu. Das ist klare antisemitische Hetze.«

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hatte sich ebenfalls empört gezeigt. Der Rat sei für seine Bedenken gegenüber der diesjährigen Documenta von vielen Seiten kritisiert worden. Sogar Rassismus sei ihm indirekt vorgeworfen worden. »Es spielt jedoch keine Rolle, woher Künstler stammen, die Antisemitismus verbreiten«, so Schuster. Kunstfreiheit ende dort, wo Menschenfeindlichkeit beginne.

Die israelische Botschaft in Berlin hatte ebenfalls gefordert, das umstrittene Werk zu entfernen: »Wir sind empört über die antisemitischen Elemente, die auf der derzeit in Kassel stattfindenden documenta 15 öffentlich gezeigt werden«, hieß es in einer Mitteilung: »Die in einigen Exponaten gezeigten Elemente erinnern an die Propaganda von Goebbels und seinen Handlangern in dunklen Zeiten der deutschen Geschichte.« Alle roten Linien seien nicht nur überschritten, sie seien zertrümmert worden. »Diese Elemente sollten sofort aus der Ausstellung entfernt werden. Sie haben absolut nichts mit freier Meinungsäußerung zu tun, sondern sind Ausdruck eines Antisemitismus alten Stils.«

Taring Padi setze sich für die Unterstützung und den Respekt von Vielfalt ein, teilte das Künstlerkollektiv in der Mitteilung der Documenta mit: »Unsere Arbeiten enthalten keine Inhalte, die darauf abzielen, irgendwelche Bevölkerungsgruppen auf negative Weise darzustellen.«

Dem indonesischen Kuratorenkollektiv Ruangrupa war schon vor Monaten von einem Kasseler Bündnis vorgeworfen worden, auch Organisationen einzubinden, die den kulturellen Boykott Israels unterstützten oder antisemitisch seien. Ruangrupa und die Documenta wiesen die Anschuldigungen entschieden zurück. Später schaltete sich auch der Zentralrat der Juden in Deutschland ein. Eine zur Beruhigung gedachte Diskussionsreihe wurde abgesagt.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth fand zuletzt ebenfalls deutliche Worte: »Das ist aus meiner Sicht antisemitische Bildsprache«, teilte die Grünenpolitikerin mit: »Ich sage es noch einmal: Die Menschenwürde, der Schutz gegen Antisemitismus, wie auch gegen Rassismus und jede Form der Menschenfeindlichkeit sind die Grundlagen unseren Zusammenlebens, und hier findet auch die Kunstfreiheit ihre Grenzen.«

Auch der Aufsichtsratsvorsitzende der Documenta, Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle war deutlich geworden: »Bei der Abbildung auf dem Kunstwerk, das nach meiner derzeitigen Kenntnis erst am Samstag auf dem Friedrichsplatz installiert wurde, handelt es sich um einen antisemitischen Verstoß, der nicht von der Hand zu weisen ist.« Er habe die Geschäftsführung der Schau um Aufklärung sowie um Einleitung notwendiger Maßnahmen gebeten. Gleichzeitig warnte der SPD-Politiker davor, die Schau nun unter Generalverdacht zu stellen: »In den Preview Days, die vergangene Woche von Mittwoch bis Freitag für Fachpublikum und Medien stattgefunden haben, waren keine antisemitischen Kunstwerke vorher feststellbar.«

Grenzen der Kunstfreiheit

Vor dem Hintergrund der Debatte über die 15. Ausgabe der Documenta hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung der Schau am Samstag schon die Grenzen der Kunstfreiheit betont. Sie sei ein wichtiger Pfeiler demokratischer Gesellschaften, habe aber auch ihre Grenzen. »Kunst darf anstößig sein, sie soll Debatten auslösen.« Kritik an israelischer Politik sei erlaubt. »Doch wo Kritik an Israel umschlägt in die Infragestellung seiner Existenz, ist die Grenze überschritten«, hatte er gesagt.

Die Documenta, seit 1955 in Kassel, gilt neben der Biennale in Venedig als weltweit bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Sie wird nur alle fünf Jahre veranstaltet. Die Schau dauert bis zum 25. September.

Taring Padi ist nach der Beschreibung im Documenta-Handbuch »ein Kollektiv progressiver Künstler*innen und Aktivist*innen«, das 1998 im indonesischen Yogyakarta gegründet wurde. Der Name des Kollektivs kann demnach mit »Reis-Fangzähne« übersetzt werden. Zur künstlerischen Methode heißt es: »Durch eine markante und satirische Ikonografie und einen treffenden, plakativen Text« übermittelten ihre Pappkartonpuppen, Holzschnittplakate und Großbanner politische Botschaften.

feb/dpa